Seit einiger Zeit weiß ich, wie es sich anfühlt, Expertin zu sein. So muss es Anwältinnen oder Ärztinnen gehen, wenn auf Partys nach anfänglichem Geplänkel der Ton vertraulich wird und sie gefragt werden: "Glaubst Du, dass dieser Leberfleck gefährlich ist?"

Meine erste Wohnung war ein no-brainer. So nennen die Amerikaner einen Deal, bei dem man nichts falsch machen kann: eine geringe Anzahlung und monatliche Finanzierungskosten unterhalb der Miete. Ich kaufte sie in den Neunzigerjahren in New York, wo ich studiert hatte. Sie war spottbillig, lag in einem unspektakulären Stadtteil von Queens und besaß einen fabelhaften Blick auf das Empire State Building. Als ich acht Jahre später nach Deutschland umzog, hatte sich der Wert meiner Immobilie verdoppelt und meine Neugier war geweckt. Zurück in meiner Heimat München begann die Suche nach einem ähnlich lukrativen Deal.

Seit 2003 beobachte ich den Markt nun mit Argusaugen und lebe in München immer noch zur Miete. Zu meinem Erstaunen steigen die Preise unaufhörlich, obwohl die Menschen, die das alles bezahlen müssen, nicht viel mehr verdienen als früher. Mein Eigeninteresse hat sich in eine generelle Obsession verwandelt, als ich aus anderen deutschen Städten ähnliche Geschichte hörte: Warum entstanden in Berlin überall Luxusbauten? Gab es in Hamburg plötzlich weniger Wohnungen oder mehr Menschen? Seit wann brauchten die Frankfurter Wohntürme mit Doorman und Fitnessraum? Und wieso sind die Mieten in den vergangenen Jahren bis zu 30 Prozent und die Kaufpreise bis zu 75 Prozent gestiegen, unser durchschnittlicher Monatsverdienst im gleichen Zeitraum aber nur um 11 Prozent? Die dauernden Recherchen führten in meinem Freundeskreis zunächst zu Augenrollen und dann war ich eben auf einmal die Expertin, der immer wieder folgende Fragen gestellt wurden:

Was ist hier eigentlich los?

Auslöser war natürlich die Finanzkrise. Seit die internationalen Notenbanken 2008 die Schleusen öffneten und die Zinsen stetig senkten, sucht billiges Geld weltweit nach Renditen und stieß dabei auf den bis dahin im Abseits schlummernden deutschen Immobilienmarkt. Der bietet vergleichsweise günstige Preise und eine hohe Sicherheit in einem Land, das als Wachstumsmotor Europas gilt. Deutschland ist laut einer Studie nicht nur das angesehenste Land der Welt, sondern seit Neuestem auch noch "Cool Germany". Zusammen mit den historisch geringen Finanzierungskosten ergibt das eine unwiderstehliche Mischung.

Gleichzeitig vernichten die niedrigen Zinsen die Lieblingsanlageform der Deutschen: das Sparkonto. Wer es sich leisten kann, investiert jetzt lieber in Betongold. Der Mittelstand zum Beispiel, der auf ein paar 100.000 geerbten Euro sitzt und jetzt nicht weiß, wohin mit dem Geld (Deutsche hegen eine unüberwindbare Aversion gegen Aktien). Den Anfang machten allerdings echte Profis, die das Risiko nicht scheuten, gefolgt von immer mehr Investoren, die auf den Zug aufsprangen. Deutsche Immobilien sind eine globale Anlageklasse geworden.