Solange ich mich erinnern kann, gehören Schönheitsoperationen in Südkorea zum Alltag. In den späten Achtzigerjahren wurde die Schönheitschirurgie zum Massenphänomen, das Land zur Plastikrepublik. Vor dieser Zeit hatte sich eine meiner Tanten einer Operation unterzogen, ihre Augen bekamen eine zweite Lidfalte, was sie größer und runder aussehen ließ. Das ist der mit Abstand populärste Eingriff in Korea – man kann die Klinik noch am selben Tag wieder verlassen. Bis heute schweigt meine Tante über ihre künstliche Lidfalte, selbst gegenüber ihren Kindern, die eine solche Operation unproblematisch finden. Damit sind sie typische Vertreter der jungen Generation.

Als ich in der Oberschule war, diskutierten Gleichaltrige offen darüber, was sie sich machen lassen würden, wenn sie den Schulabschluss hätten. Meine jüngere Cousine ließ sich den Nasenrücken anheben und zweimal die Augenlider operieren. Eine andere Cousine bezahlte ebenfalls für rundere Augen. Die eine ist heute Krankenschwester, die andere studiert Maschinenbau. Beide arbeiten also nicht in einem Bereich, in dem es von Berufs wegen ums Aussehen geht. Das gilt auch für die meisten anderen meiner Bekannten, die ihr Erscheinungsbild chirurgisch verändern ließen.

Ich weiß noch genau, wie mich die Jungs in der Schule aufzogen: "Du nennst dich ein Mädchen? Du bist ja gar nicht hübsch." Auch zu Hause musste ich mir Sprüche anhören: "Du hast nicht mehr viel Zeit, mein Schatz. Zieh dich wie eine Frau an, solange du noch jung bist." Freundinnen, mit denen ich ausging, lästerten: "Warum trägst du nicht mal Hochhackige? Schmink dich doch mal richtig!" Irgendwann gaben sie auf. Als ich jünger war, dachte ich, diese Art von Druck sei normal. Ich wuchs in einem Umfeld auf, in dem man sich über das Aussehen anderer lustig machte. Meine Freunde und ich schauten Comedyshows, in denen Hässliche und Dicke verspottet wurden, während die schönen Frauen wie Prinzessinnen behandelt wurden.

Haeryun Kang ist Chefredakteurin des englischsprachigen Onlinemagazins "Korea Exposé". Sie arbeitete für den US-Radiosender NPR und schrieb für den "Guardian" und "Monocle". Sie lebt in Seoul. © privat

Prominente sprechen im Fernsehen über ihre Operationen, Eltern schenken ihren Kindern einen Eingriff zum Schulabschluss. Die U-Bahnhöfe in Seoul sind voll von Werbeplakaten für Schönheitskliniken, im Stadtteil Gangnam reiht sich eine an die andere. Vergangenes Jahr bewarb die K-Pop-Girlband Six Bomb ein Album mit dem Slogan "Vorher, Nachher". In einem ihrer Musikvideos entfernen sich die Bandmitglieder Bandagen von den Köpfen und präsentieren ihre "Nachher"-Gesichter. Das Ganze war nicht nur ein Werbegag – die Mädchen hatten sich tatsächlich operieren lassen. Koreanische Medien berichteten, das Management habe umgerechnet knapp 80.000 Euro für die Eingriffe ausgegeben.

Südkorea hat gut 51 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und verzeichnet weltweit die meisten Schönheitsoperationen pro Kopf. Die neuesten verlässlichen Zahlen sind von 2015 und kommen von der International Society of Plastic Surgery. Demnach gab es in jenem Jahr 1.156.234 Eingriffe, wobei hier Botoxspritzen eingerechnet sind. Unter den Behandelten sind auch Touristen und Touristinnen, viele aus China, die jährlich zu Zehntausenden nach Südkorea kommen, um sich operieren zu lassen. Inzwischen gilt Seoul als die Welthauptstadt der Schönheitschirurgie. Wie kam es dazu?

In Korea spielt der Wettbewerb um begehrte Jobs eine große Rolle, zumal das Wirtschaftswachstum stagniert. In der Hoffnung auf bessere Chancen beim Bewerbungsgespräch lassen sich manche ihr Gesicht verändern. Denn "gute Noten hat jeder", wie ein Schönheitschirurg der Regen-Klinik in Seoul sagt. Einen Hinweis darauf, warum einige Südkoreaner so weit gehen, ihr Äußeres für den richtigen Job zu verändern, könnte die jüngere Geschichte des Landes geben. Nach dem Ende des vernichtenden Koreakriegs 1953 gegen den kommunistischen Norden entwickelte sich der Süden in einem Vierteljahrhundert vom Agrarstaat zur Hightech-Nation. Für dieses Wirtschaftswunder, das das deutsche in seiner Rigorosität noch übertraf, hat eine Generation von Südkoreanern geschuftet. Auch das Wort "geopfert" fällt oft in diesem Zusammenhang. Jene, die dieses Wunder ermöglicht haben, stellen gewaltige Anforderungen an ihre Nachkommen, was Arbeitseifer und Karriere betrifft. Und die Kinder und Enkel tun beinahe alles dafür, um ihnen gerecht zu werden.

Andere behaupten, die koreanische Kultur sei schuld. Meine Landsleute seien übergriffig, sie drängten einander dazu, das Beste aus sich zu machen. Warum das so ist, erklärt die australische Koreanistik-Professorin Joanna Elfving-Hwang: "In Südkorea ist die äußere Erscheinung keine rein persönliche Sache. Jeder Einzelne repräsentiert auch die Gemeinschaft und die Familie." Wer auf sein Äußeres achtet, zollt also auch der Gruppe Respekt, zu der sie oder er sich zählt. Wieder andere weisen darauf hin, dass viel Geld mit der Schönheitschirurgie verdient wird, die zudem eng mit der für die Volkswirtschaft wichtigen Kosmetikindustrie verknüpft ist. Mit südkoreanischen Schönheitsprodukten – Stichwort K-Beauty – werden rund 6,3 Milliarden Euro jährlich umgesetzt.