Kürzlich saß ich in der S-Bahn einem Jungen gegenüber, vielleicht drei Jahre alt, der seine Mutter erwartungsvoll ansah. Sie hielt eine gerade geöffnete Kekstüte in der Hand und schaute mit aufgerissenen Augen umher. Der Sitznachbar, ein Fremder, verstand ihren pantomimischen Hilferuf, nahm ein kleines Fläschchen und kleckste dem Jungen ein paar Tropfen Desinfektionsmittel in die Handflächen. Der verrieb das Gel pflichtgemäß, erst dann wurden ihm seine Kekse ausgehändigt. Zwei Stationen später erhob sich der Mann von seinem Sitz, das Fläschchen baumelte gut sichtbar an seinem Rucksack.

Auf der Straße begegnen mir jetzt ständig Menschen, die ihr Desinfektionsmittel wie ein Accessoire vor sich hertragen. Tuben oder Flaschen in Handgepäckgröße, herstellerseitig mit Befestigungsschlaufe in neonfarben ausgestattet, Geruch Grapefruit. In einer Zeit, in der Krankheiten nicht mehr als Strafe Gottes verstanden werden, kann man die Dinger als säkulare Form des Rosenkranzes begreifen. Als Talisman der Keimfreiheit, der 99,9 aller Viren und Bakterien erledigt und damit quasi allmächtig ist. Nur dass das Mittel eben nicht zwischen gut und böse unterscheidet, es tötet wahllos, was da kreucht und fleucht auf Körpern und in Poren. Gesund ist das nicht, zeugt aber von einem unterkomplexen Verständnis der Welt und ihrer Mechanismen. Der Populismus der Drogeriemärkte übertönt die Expertise der Mediziner, die Desinfektionsmittel im Alltag für unsinnig halten (und gründliches Händewaschen empfehlen).

Seine Omnipräsenz scheint das Symptom einer Gesellschaft voller Hypochonder zu sein, für die die Außenwelt grundsätzlich feindselig ist. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Stadtneurose. Ich habe jedenfalls Mühe, mir so ein Fläschchen am Traktorrückspiegel eines niedersächsischen Rübenbauern baumelnd vorzustellen. Vielleicht ist es die Reaktion auf das bedrückende Gefühl der Enge in der sich verdichtenden Metropole. Dort, wo der Platz weniger wird – im Café, in der Bahn, auf dem Wohnungsmarkt –, will man sich die anderen wenigstens auf mikrobischer Ebene vom Hals halten.   

Angst vor der Verdrängung

In der Stadt ballt sich ja nicht nur der Mensch, sondern auch der Wettbewerb. Da kann der krankheitsbedingte Ausfall doppelt bedrohlich wirken. Er wird mit der möglichen Verdrängung vom Arbeitsplatz assoziiert und zunehmend auch mit der Verdrängung aus dem Zentrum in die Peripherie. Aus Angst badet man seine Hände in industriell gefertigtem Drachenblut. Statt gegen die Verhältnisse zu sein, ist man hart gegen sich selbst, und erreicht damit letztlich das Gegenteil: Erst kippt das Mikrobiom, dann der ganze Mensch.

Den unsichtbaren Feind fürchtet man am meisten, das war schon immer so, wobei es vollkommen egal ist, ob er zu weit weg ist, um ihn zu sehen, oder zu klein. Stark wird er erst durch die Kolportage. Er nährt sich von Fake-News, Facebook-Posts und Forenbeiträgen. Symptome zu googeln wird schnell zur Nahtoderfahrung. Anders als die Urangst, die im innersten unseres Menschseins darauf wartet, Stresshormone auszuschütten, sobald Gefahr im Verzug ist, braucht die ergoogelte Angst einen gewissen Vorlauf. Der Kopf muss eine Information erst als Bedrohung einstufen, bevor der Körper in Alarmbereitschaft schaltet. Dann aber schlägt sie richtig zu. Kinder kennen diese Art der Angst noch nicht. Kekse würden sie selbstverständlich mit S-Bahn-Händen essen, wenn Mama es nicht verböte. Sie haben halt keine Ahnung. Man kann es auch Gottvertrauen nennen.