Es ist ja nicht so, dass wir hier in Mitteleuropa keine Zierkirschen hätten. Dennoch kommt man, wenn man es mit der Betrachtung derselben ernst meint, nicht umhin, die Japaner zu befragen. Kein anderes Volk hat sich derart viele und schwere Gedanken zur Kirschblüte gemacht. Von Mitte März an geben die Nachrichten täglich den Verlauf der Blütenfront durch, die von Südwesten nach Nordosten durchs Land rollt, bis sie Anfang Mai auch die Insel Hokkaido überzogen hat. Die Japaner haben ein eigenes Wort für das Anschauen der Kirschblüte, hanami, und auch eines für die Blüte bei Nacht, yozakura. In Japan symbolisiert die Zierkirsche – sie steht gerade einmal zehn Tage lang in Blüte – nicht nur die reine Schönheit, sondern auch das würdevolle Ende. Wenn das Vergehen schon unausweichlich ist, wenigstens ist es schön. Die Kirschblüte sinkt nämlich genau dann zu Boden, wenn sich ihr Liebreiz vollkommen entfaltet hat.