Im Herbst wählt das Bundesland Sachsen einen neuen Landtag. Die Wahl wird entscheiden, wie es dort nach den Machtkämpfen und Protesten der vergangenen Jahre weitergeht und könnte richtungsweisend für das zukünftige politische Klima in ganz Deutschland sein. Aber wer ist eigentlich der politische Nachwuchs in Sachsen? Woher kommen die jungen Politikerinnen und Politiker, was wollen sie und was erwarten sie von dieser Wahl? ZEIT ONLINE hat mit den vier jüngsten Abgeordneten des Sächsischen Landtags über Grundeinstellungen, Rechtsextremismus, Versäumnisse, Angst, die Wende, Zukunftsprognosen und ihren Arbeitsalltag gesprochen.

Alexander Dierks ist mit 31 Jahren bereits Generalsekretär des CDU-Landesverbandes Sachsen. © Alexander Dierks

Alexander Dierks, 31 Jahre alt, ist Generalsekretär des CDU-Landesverbandes Sachsen. Sein Büro befindet sich mitten im Chemnitzer Stadtzentrum. Man wird von seinem Büroleiter in einen Besprechungsraum gebeten. Schwarze Ledercouch, schwarze Ledersessel. Es gibt Kaffee und Gebäck.

ZEIT ONLINE: Herr Dierks, Ihre Familie kommt aus Baden-Württemberg und ist, als Sie elf Jahre alt waren, nach Sachsen gezogen. Fühlen Sie sich ost- oder westdeutsch? 

Alexander Dierks: Ich sage ehrlichen Herzens, dass Sachsen meine Heimat ist. Einfach, weil ich wesentliche und prägende Teile meines Lebens hier verbracht habe. Ich bin in Dresden zur Schule gegangen, habe Abitur gemacht, meine erste Freundin war Sächsin und ich habe in Chemnitz studiert. 

ZEIT ONLINE: Mit 16 sind Sie in die Junge Union eingetreten. Warum? 

Dierks: Die Idee einer Volkspartei mit marktwirtschaftlicher Ausrichtung, die versucht, die Interessen aller Bürger zum Ausgleich zu bringen, gefiel mir. Und mir gefiel das positive, unverkrampfte Verhältnis zu Deutschland. Ich finde es schön, wenn irgendwo die Hymne gespielt wird und ich mitsingen kann. Ein weiterer Grund war sicherlich auch eine jugendliche Trotzhaltung. In meiner damaligen Klasse gab es viele Mitschüler, die Che-Guevara-T-Shirts trugen. Ich fand das albern und dachte: Ihr wohnt alle in der Dresdner Vorstadt, habt nichts auszuhalten, aber findet Che Guevara toll. 

ZEIT ONLINE: Sie haben im Herbst 2018, nach den rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz, stellvertretend für die CDU an "Herz statt Hetze" teilgenommen, einem der großen Proteste gegen Rechtsextremismus. Das ist ungewöhnlich für Politiker aus Ihrer Partei. 

Dierks: Ich hatte das Gefühl, dass man nach den hässlichen Szenen ein deutliches Zeichen setzen musste. Ich kenne viele Bürgerlich-Konservative oder Liberal-Konservative, die lange gesagt haben: "Wir wollen nicht auf die Straße gehen. Das sollen die anderen machen." Im September 2018 waren wir aber in einer gesellschaftlichen Situation, in der tatsächlich alle merkten: Das, was uns von rechts droht, ist eine Gefahr für die Grundfeste unserer Gesellschaft. Der Protest war leider trotzdem nicht so zivilgesellschaftlich, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. 

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das? 

Dierks: Das Leitmotiv "Herz statt Hetze" wurde konterkariert durch Schilder, auf denen "Bullen und Nazis proben fleißig für ein neues 33" stand, und Sprechchöre wie "Deutschland, du mieses Stück Scheiße". Ich habe mich sehr unwohl gefühlt und finde, wir müssen mit unseren demokratischen Mitbewerbern unbedingt darüber sprechen, wie man auf Demonstrationen, die von der gesellschaftlichen Mitte getragen werden sollen, auch eine klare Abgrenzung zum linksextremen Rand schafft. 

ZEIT ONLINE: Haben Sie Verständnis für die viel beschriebenen "besorgten Bürger" in Sachsen? 

Dierks: Wer sich an Pegida-Bühnen stellt, Politiker als Volksverräter beschimpft und sich abwertend gegen Menschen fremder Herkunft äußert, ist für mich kein besorgter Bürger. Aber es gibt natürlich viele Menschen in diesem Land, die aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen Sorgen empfinden. Wir als Politiker dürfen nicht jeden pauschal abqualifizieren, der beispielsweise eine kritische Haltung zur Migrationspolitik vertritt. 

ZEIT ONLINE: Wie blicken Sie auf das Wahljahr?

Dierks: Sehr zuversichtlich. Ich glaube, wir haben in den letzten anderthalb Jahren als Regierungspartei viel auf die Beine gestellt und viele Themen angepackt, die anzupacken sind: Innere Sicherheit, Bildung, ländlicher Raum, Breitbandausbau. Wir haben einen enormen Zulauf zu unseren Veranstaltungen und merken: Diese starke Politisierung der vergangenen Jahre ist auch eine Chance. Menschen interessieren sich wieder für Politik. 

ZEIT ONLINE: Könnte die AfD der CDU den Rang ablaufen?

Dierks: Die AfD hat keine Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit. Seit fast fünf Jahren erlebe ich es im Landtag hautnah, wie diese Partei die Zeit mit Scheindebatten und Provokationen füllt, hauptsächlich, um dies dann in den eigenen Filterblasen weiterzuverbreiten. Wer meint, die AfD vertrete die Position der CDU von vor zehn Jahren, liegt völlig falsch. Die CDU war nie europafeindlich. Sie hatte immer einen positiven Umgang mit der jüdischen Gemeinde in diesem Land und sie war und ist eine Partei, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft dieser Gesellschaft immer im Blick hat. Natürlich passieren auch Fehler, wenn man 28 Jahre die Verantwortung trägt. Das Diktum, die Sachsen seien "immun gegen Rechtsextremismus", hat sich beispielsweise als falsch herausgestellt. Kein Volk ist dagegen immun, wie viele Beispiele in Europa zeigen. 

ZEIT ONLINE: Käme für Sie eine Koalition mit der Linken infrage? 

Dierks: Wir sind in der Frage möglicher Koalitionen ganz klar: AfD und Linke sind für uns keine möglichen Partner. 

ZEIT ONLINE: Wie viel arbeiten Sie in der Woche?

Dierks: Deutlich mehr als 40 Stunden. Aber das bringt die Aufgabe mit sich. Ich habe mich zur Wahl gestellt, im Wissen, dass Abgeordneter kein Frühstücksdirektorenjob ist. Sondern einer, der mit Öffentlichkeit und vielen kritischen Diskussionen verbunden ist. Auch mit Anfeindungen. Der letzte Punkt hat aus meiner Sicht in den letzten Jahren zugenommen, vor allem in den sozialen Medien. Da verlieren viele Leute jedes Maß.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein politisches Vorbild? 

Dierks: Ein direktes Vorbild weniger. Beeindruckt hat mich Helmut Kohl. Ohne ihn wäre ich nicht hier. Die Wiedervereinigung war schließlich die zwingende Voraussetzung für mein Leben in Sachsen. Kohl hat zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, die richtigen Entscheidungen getroffen. Auch wenn heute nicht jeder beim Gedanken an die Wiedervereinigung Freudentränen in den Augen hat und auch kritische Aspekte zur Sprache kommen. Manche Bürger aus den alten Bundesländern haben sich ja nie die Frage gestellt, was es eigentlich heißt, von vorne anfangen zu müssen. Es ist ein Unterschied, ob ich 60 Jahre lang eine fast ununterbrochene Aufwärtsentwicklung erlebt habe oder ob es einen harten Bruch gab. Letzteres geht nicht spurlos an Menschen und ihrem Blick auf unser Land vorüber.