L'Aquila darf kein zweites Pompeji werden

Es war der 6. April 2009, 3.32 Uhr, als ein Erbeben der Stärke 5,8 L'Aquila erschütterte. 309 Menschen starben, 1.600 wurden verletzt und 70.000 obdachlos. Viele der mittelalterlichen und barocken Gebäude der Innenstadt wurden stark beschädigt. Das Studentenheim kollabierte. Entlang der Via XX Settembre, wo sich das Heim befand, hängen noch immer Fotos der Opfer.

Es ist nicht leicht, die Menschen zehn Jahre später auf jene Nacht anzusprechen. Natürlich möchte man berichten, was aus der Stadt geworden ist. Aber dann liest man in der lokalen Sparte der Zeitung Il Centro einen Artikel des italienischen Journalisten Giustino Parisse und möchte vor Trauer und Wut fast wieder abreisen. Der Journalist erinnert an den Beitrag, den er damals, am 31. März 2009, geschrieben hatte. Seit Tagen bebte die Erde, doch die Stadtverwaltung versuchte die Bevölkerung zu beruhigen. Parisse war anderer Meinung und schrieb es auch: "Dieser Artikel, der am 1. April im Centro erschien, war vielleicht das Letzte, was meine zwei Kinder von mir lasen. (...) Meine Tochter Maria Paola meinte, ich hätte wie immer übertrieben. Dann stand sie auf, ging zu ihrem Zimmer, drehte sich kurz davor noch einmal um und sagte zu mir und ihrer Mutter: 'Was aber immer auch geschehen mag, ich habe euch lieb.'" Parisses Kinder und sein Vater kamen am 6. April unter den Trümmern ihres Hauses in Onna, einem Vorort von L'Aquila, ums Leben.

Noch immer bedeckt das Riesenplakat mit der Schrift "L'Aquila rinasce" ("L'Aquila steht wieder auf") die Fassade der Kirche Santa Margherita. Inzwischen hängen Teile des Plakats herunter. Beim Wiederaufbau wurde den Privatbauten in- und außerhalb der Stadt der Vorrang gegeben, damit die Leute so schnell wie möglich wieder in ihre vertraute Umgebung zurückkehren konnten. Der Großteil der historischen Bauten wird stattdessen von Rohrgerüsten gestemmt. Die Stadt ist noch immer die größte Baustelle Europas. "Was nicht wundern sollte. L'Aquila ist nach dem Erdbeben im Jahr 1908 in der sizilianischen Stadt Messina die zweite Stadt in Italien, die von so einer Katastrophe heimgesucht wurde", sagt Walter Cavalieri, 67 Jahre alt, ehemaliger Geschichts- und Philosophielehrer am städtischen Gymnasium.

Wenn man L'Aquila sagt, denken die meisten an die Altstadt und die Viertel rund um die Stadtmauer. In Wahrheit erstreckt sie sich, mit ihren 59 Vierteln und Vororten über eine Fläche von 467 Quadratkilometern und ist somit die neuntgrößte Stadt Italiens. "Gleich nach dem Erdbeben hat der Staat großartiges geleistet", fährt Cavalieri fort. "Fast über Nacht wurden 19 New Towns aus der Erde gestampft, um all die Obdachlosen würdig unterzubringen." Dann machte man sich an den Wiederaufbau. Heute lebt ein Großteil der Menschen wieder zu Hause oder ist ganz weggezogen. In den neuen Siedlungen leben nur noch 6.300 Menschen. "Bald", sagt Cavalieri, "wird sich die Frage stellen, was mit ihnen geschehen soll."

Die Stadtverwaltung ist im Moment jedoch mit einer ganz anderen Aufgabe beschäftigt. Sie will aus der Stadt ein Vorzeigemodell des Wiederaufbaus machen. L'Aqualia soll zur Smart City der Zukunft werden und bei Katastrophen mit ähnlichem Ausmaß als Fallstudie dienen.

"Man hat uns die Stadt gestohlen"

Die Kirche Santa Margherita in L'Aquila, Italien © Andrea Affaticati

Vor dem Erbeben verfügte die Stadt über ein stark segmentiertes Dienstleistungsnetz, an das auch etliche Dörfer der angrenzenden Bergregion geschlossen waren. Jetzt ist man dabei, von der Altstadt beginnend, einen Smart Tunnel anzulegen, in dem die städtischen Dienstleistungen gebündelt verlaufen: Kanalisation, Elektrizität, Gas und digitales 5G-Netz. Dieses komplett digitalisierte Netzwerk soll nicht nur die Versorgung effizienter machen, schnelle Behebung eventueller Ausfälle ermöglichen, sondern die Bürgerinnen und Bürger auch zu einem verantwortungsvolleren Energiekonsum animieren. Außerdem sollen drei Dutzend Ladesäulen für Elektroautos in der Stadt bereitgestellt werden. Finanziert wird das Projekt von der Regierung. 21 Milliarden Euro hat der Wiederaufbau bisher verschlungen. 4 weitere Milliarden Euro werden noch anfallen.

Neueste Technologien, erdbebensichere Maßnahmen, Nachhaltigkeit, Smart City, dagegen habe er gar nichts einzuwenden, meint Cavalieri, "nur was soll man mit einer Stadt, beziehungsweise einer Altstadt anfangen, die zwar ein Vorzeigemodell ist, in der aber die Menschen fehlen?".

So wie er denken viele. "Man hat uns die Stadt gestohlen. Das jetzige L'Aquila kann man mit einer Ciambella vergleichen, also mit einem Kuchen mit einem Loch in der Mitte", sagt Daniele Poccia, 35 Jahre alt, Universitätsassistent für Philosophie. Mit dem Loch im Kuchen meint Poccia die Altstadt, einst das pulsierende Herz des ganzen Stadtgebietes. Dieses Herz gibt es nicht mehr.

"Bis zum Sommer 2017 durften wir die rote Zone, also die Altstadt nicht mehr betreten. Während dieser Zeit ist eine neue Generation herangewachsen, die als Treffpunkt nur die Shoppingcenter kennt und gar keinen Bezug mehr zu diesem Stadtteil hat." Deshalb hat Daniele Poccia zusammen mit Freunden die Aktionsgruppe "3 e 32" gegründet und auf dem Gelände des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses in einem Container ein Begegnungs- und Gemeinschaftszentrum eröffnet, wo sich die Leute wieder treffen und Veranstaltungen organisieren können.

Ähnliches erzählt auch der Filmemacher Francesco Paulicci, der einen Dokumentarfilm über den Vorort Onna gemacht hat. "Während der Aufnahmen bin ich mit einer Gruppe Jugendlicher durch das Viertel gegangen, das zu großen Teilen noch in Trümmern liegt. Ich habe gefragt, was sie fühlen, wenn sie das alles sehen. Ihre Antwort: Sie wüssten natürlich vom Erdbeben, hätten aber keinen Bezug dazu."

Anders ist das bei den älteren Menschen. "Der 6. April 2009 stellt für uns eine zeitliche Zäsur dar, als hätten wir einen Krieg erlebt" sagt Cavalieri, der ehemalige Geschichts- und Philosophielehrer. "Gleich nach dem Erdbeben wurden wir in ein Hotel an der Küste ausquartiert. Dort habe ich dann die Schüler aus L'Aquila weiter unterrichtet". Er und seine Frau hatten auch mit dem Gedanken gespielt nicht mehr zurückzukommen, vielleicht sogar nach Rom zu ziehen. "Wer einmal ein Erdbeben dieser Stärke erlebt hat, der ist für immer gebrandmarkt. Die Angst jener Nacht lässt einen nie wieder los. Andererseits wird man von der Sehnsucht heimgesucht." Zur Rückkehr habe ihn letztendlich sein damals 18-jähriger Sohn überredet. Überhaupt, meint Cavalieri, wäre diese Stadt ohne den Einsatz der jüngeren Generation sicher zu einem zweiten Pompeij geworden.

Sie ist nicht mehr lebenswert

Vor dem Erdbeben lebten in der Altstadt 10.000 Menschen und 6.000 Studenten. Doch von den Einwohnern wie auch von den Studenten ist bis heute nur ein Bruchteil zurückgekommen. Davon zeugen auch die vielen Schilder mit der Schrift "Zu vermieten" oder "Zu verkaufen", die auf den Fassaden der mittlerweile sanierten Häuser hängen. "Warum sollte jemand seinen Sohn oder seine Tochter nach L'Aquila zum Studieren schicken?", fragt Valerio Congeduti, 35 Jahre alt, der die hiesige Uni besucht hat und heute für einen Verlag arbeitet. "Zwar haben wir hier zwei international renommierte Institute, doch die Angst, es könnte wieder etwas passieren, ist zu groß." Er selbst war erst seit ein paar Tagen aus England zurück, als das Erdbeben die Stadt erschütterte. "Ein Monat später, wieder in Durham, fühlte ich mich um Jahre gealtert. Aber das ist Vergangenheit. Worum es mir jetzt geht, ist die Zukunft. Ich will, dass diese Stadt wieder auflebt, deswegen bleibe ich auch hier."

Tagsüber ist L'Aquila eine Baustelle an der sich Hunderte von Arbeitern zu schaffen machen, am Abend ist es in den Straßen beängstigend still. Außer am Donnerstag, wenn die Movida stattfindet. Aber das macht sie noch lange nicht lebenswert.

Es ist diese Leblosigkeit, die dieser Generation von Mitdreißigern zu schaffen macht, die sie aber auch anspornt etwas zu unternehmen. Eine Gruppe junger Architekten und Ingenieure haben 2012 den Verband Viviamolaq (was soviel wie "Leben wir L'Aquila" bedeutet) gegründet. Sie haben sich ebenfalls in einem Container auf dem Gelände des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses, gleich über der romanisch-frühgotischen Basilika Collemaggio niedergelassen. "2012 wurden Universitäten aus aller Welt aufgefordert Urban Design Projekte zu entwerfen" erzählt der 32-jährige Daniel Caramanico. "Nur die Studentinnen vor Ort waren davon ausgeschlossen. Warum, wissen wir bis heute nicht." Also beschlossen sie auf eigene Faust etwas zu unternehmen. "Nichts großes, eher im Stil kleiner Akupunkturstiche. Uns geht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass die Menschen wieder zueinander finden."

Öffentliche Gelder standen, wenn überhaupt, nur knapp zur Verfügung. Am Anfang nahmen sie sich der New Towns an, wo es außer den Häusern praktisch nichts gab. "Wir haben alle 19 Siedlungen abgeklappert, die Leute gefragt, was sie am nötigsten bräuchten. Sitzbänke, antworteten sie, um sich wieder zu einem gemütlichen Tratsch zu treffen." Um in allen 19 Siedlungen Sitzbänke aufzustellen zu können, hätten sie 65.000 Euro benötigt. Das europäische Ausschreiben, an dem sie teilnahmen, stellte ihnen 7.000 Euro zur Verfügung. Also konzentrierten sie sich auf eine einzige Siedlung. Und in dieser bauten sie mit entsorgten Gerüstrohren und Pallets dann einen bunten Parcobaleno: ein schlangenartiges Gestell, das Sitzfläche und gleichzeitig Spiel- und Klettergarten ist. Es folgten weitere kleine Projekte, wie das RestArt Projekt, für das sie mit dem Plan Award für Urban Planning ausgezeichnet wurden. Es handelt sich dabei um eine Sitzgelegenheit, die aus Trümmern und Metallgittern besteht. Gebaut wurde sie auf dem Piazza San Basilio, vor der Fakultät für Geisteswissenschaften, und jeder, der Lust hatte, konnte mitmachen. "Mit diesem Projekt wollten wir die Leute animieren, selbst etwas zur Zukunft unserer Stadt beizutragen. Und es ist uns gelungen."

Es stimmt, die Stadt lebt noch in einem Limbus, viel muss noch getan werden, und vielleicht braucht es weitere zehn Jahre, bis sie wieder in der Realität angekommen ist. Aber vieles deutet auch darauf hin, dass es wieder bergauf geht. Die Touristinnen und Touristen halten auf dem Weg zur Küste oder in die Berge auch wieder an.