Die Kirche Santa Margherita in L'Aquila, Italien © Andrea Affaticati

Vor dem Erbeben verfügte die Stadt über ein stark segmentiertes Dienstleistungsnetz, an das auch etliche Dörfer der angrenzenden Bergregion geschlossen waren. Jetzt ist man dabei, von der Altstadt beginnend, einen Smart Tunnel anzulegen, in dem die städtischen Dienstleistungen gebündelt verlaufen: Kanalisation, Elektrizität, Gas und digitales 5G-Netz. Dieses komplett digitalisierte Netzwerk soll nicht nur die Versorgung effizienter machen, schnelle Behebung eventueller Ausfälle ermöglichen, sondern die Bürgerinnen und Bürger auch zu einem verantwortungsvolleren Energiekonsum animieren. Außerdem sollen drei Dutzend Ladesäulen für Elektroautos in der Stadt bereitgestellt werden. Finanziert wird das Projekt von der Regierung. 21 Milliarden Euro hat der Wiederaufbau bisher verschlungen. 4 weitere Milliarden Euro werden noch anfallen.

Neueste Technologien, erdbebensichere Maßnahmen, Nachhaltigkeit, Smart City, dagegen habe er gar nichts einzuwenden, meint Cavalieri, "nur was soll man mit einer Stadt, beziehungsweise einer Altstadt anfangen, die zwar ein Vorzeigemodell ist, in der aber die Menschen fehlen?".

So wie er denken viele. "Man hat uns die Stadt gestohlen. Das jetzige L'Aquila kann man mit einer Ciambella vergleichen, also mit einem Kuchen mit einem Loch in der Mitte", sagt Daniele Poccia, 35 Jahre alt, Universitätsassistent für Philosophie. Mit dem Loch im Kuchen meint Poccia die Altstadt, einst das pulsierende Herz des ganzen Stadtgebietes. Dieses Herz gibt es nicht mehr.

"Bis zum Sommer 2017 durften wir die rote Zone, also die Altstadt nicht mehr betreten. Während dieser Zeit ist eine neue Generation herangewachsen, die als Treffpunkt nur die Shoppingcenter kennt und gar keinen Bezug mehr zu diesem Stadtteil hat." Deshalb hat Daniele Poccia zusammen mit Freunden die Aktionsgruppe "3 e 32" gegründet und auf dem Gelände des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses in einem Container ein Begegnungs- und Gemeinschaftszentrum eröffnet, wo sich die Leute wieder treffen und Veranstaltungen organisieren können.

Ähnliches erzählt auch der Filmemacher Francesco Paulicci, der einen Dokumentarfilm über den Vorort Onna gemacht hat. "Während der Aufnahmen bin ich mit einer Gruppe Jugendlicher durch das Viertel gegangen, das zu großen Teilen noch in Trümmern liegt. Ich habe gefragt, was sie fühlen, wenn sie das alles sehen. Ihre Antwort: Sie wüssten natürlich vom Erdbeben, hätten aber keinen Bezug dazu."

Anders ist das bei den älteren Menschen. "Der 6. April 2009 stellt für uns eine zeitliche Zäsur dar, als hätten wir einen Krieg erlebt" sagt Cavalieri, der ehemalige Geschichts- und Philosophielehrer. "Gleich nach dem Erdbeben wurden wir in ein Hotel an der Küste ausquartiert. Dort habe ich dann die Schüler aus L'Aquila weiter unterrichtet". Er und seine Frau hatten auch mit dem Gedanken gespielt nicht mehr zurückzukommen, vielleicht sogar nach Rom zu ziehen. "Wer einmal ein Erdbeben dieser Stärke erlebt hat, der ist für immer gebrandmarkt. Die Angst jener Nacht lässt einen nie wieder los. Andererseits wird man von der Sehnsucht heimgesucht." Zur Rückkehr habe ihn letztendlich sein damals 18-jähriger Sohn überredet. Überhaupt, meint Cavalieri, wäre diese Stadt ohne den Einsatz der jüngeren Generation sicher zu einem zweiten Pompeij geworden.