Vor dem Erdbeben lebten in der Altstadt 10.000 Menschen und 6.000 Studenten. Doch von den Einwohnern wie auch von den Studenten ist bis heute nur ein Bruchteil zurückgekommen. Davon zeugen auch die vielen Schilder mit der Schrift "Zu vermieten" oder "Zu verkaufen", die auf den Fassaden der mittlerweile sanierten Häuser hängen. "Warum sollte jemand seinen Sohn oder seine Tochter nach L'Aquila zum Studieren schicken?", fragt Valerio Congeduti, 35 Jahre alt, der die hiesige Uni besucht hat und heute für einen Verlag arbeitet. "Zwar haben wir hier zwei international renommierte Institute, doch die Angst, es könnte wieder etwas passieren, ist zu groß." Er selbst war erst seit ein paar Tagen aus England zurück, als das Erdbeben die Stadt erschütterte. "Ein Monat später, wieder in Durham, fühlte ich mich um Jahre gealtert. Aber das ist Vergangenheit. Worum es mir jetzt geht, ist die Zukunft. Ich will, dass diese Stadt wieder auflebt, deswegen bleibe ich auch hier."

Tagsüber ist L'Aquila eine Baustelle an der sich Hunderte von Arbeitern zu schaffen machen, am Abend ist es in den Straßen beängstigend still. Außer am Donnerstag, wenn die Movida stattfindet. Aber das macht sie noch lange nicht lebenswert.

Es ist diese Leblosigkeit, die dieser Generation von Mitdreißigern zu schaffen macht, die sie aber auch anspornt etwas zu unternehmen. Eine Gruppe junger Architekten und Ingenieure haben 2012 den Verband Viviamolaq (was soviel wie "Leben wir L'Aquila" bedeutet) gegründet. Sie haben sich ebenfalls in einem Container auf dem Gelände des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses, gleich über der romanisch-frühgotischen Basilika Collemaggio niedergelassen. "2012 wurden Universitäten aus aller Welt aufgefordert Urban Design Projekte zu entwerfen" erzählt der 32-jährige Daniel Caramanico. "Nur die Studentinnen vor Ort waren davon ausgeschlossen. Warum, wissen wir bis heute nicht." Also beschlossen sie auf eigene Faust etwas zu unternehmen. "Nichts großes, eher im Stil kleiner Akupunkturstiche. Uns geht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass die Menschen wieder zueinander finden."

Öffentliche Gelder standen, wenn überhaupt, nur knapp zur Verfügung. Am Anfang nahmen sie sich der New Towns an, wo es außer den Häusern praktisch nichts gab. "Wir haben alle 19 Siedlungen abgeklappert, die Leute gefragt, was sie am nötigsten bräuchten. Sitzbänke, antworteten sie, um sich wieder zu einem gemütlichen Tratsch zu treffen." Um in allen 19 Siedlungen Sitzbänke aufzustellen zu können, hätten sie 65.000 Euro benötigt. Das europäische Ausschreiben, an dem sie teilnahmen, stellte ihnen 7.000 Euro zur Verfügung. Also konzentrierten sie sich auf eine einzige Siedlung. Und in dieser bauten sie mit entsorgten Gerüstrohren und Pallets dann einen bunten Parcobaleno: ein schlangenartiges Gestell, das Sitzfläche und gleichzeitig Spiel- und Klettergarten ist. Es folgten weitere kleine Projekte, wie das RestArt Projekt, für das sie mit dem Plan Award für Urban Planning ausgezeichnet wurden. Es handelt sich dabei um eine Sitzgelegenheit, die aus Trümmern und Metallgittern besteht. Gebaut wurde sie auf dem Piazza San Basilio, vor der Fakultät für Geisteswissenschaften, und jeder, der Lust hatte, konnte mitmachen. "Mit diesem Projekt wollten wir die Leute animieren, selbst etwas zur Zukunft unserer Stadt beizutragen. Und es ist uns gelungen."

Es stimmt, die Stadt lebt noch in einem Limbus, viel muss noch getan werden, und vielleicht braucht es weitere zehn Jahre, bis sie wieder in der Realität angekommen ist. Aber vieles deutet auch darauf hin, dass es wieder bergauf geht. Die Touristinnen und Touristen halten auf dem Weg zur Küste oder in die Berge auch wieder an.