Nicht nur Narzissen: Die Auswahl am Blumenstand gegenüber ist ungleich größer. © Alexander Krex/ZEIT ONLINE

Wer niemals rechnen musste, kann die Symbolkraft eines Aldi schwer nachvollziehen. Wer nicht weiß, wie es ist, den Cent ganz unmetaphorisch zweimal umdrehen zu müssen. Wie es ist, sich in den meisten Läden fehl am Platz zu fühlen. Außer eben dort, wo die Preise auf Augenhöhe sind. Und sind die Hähnchen noch so steif gefroren, und sind die Tomaten noch so holländisch: Man kann sie sich leisten.

Das Argument, ein Drogeriemarkt erweitere das Angebot in der Halle, ist richtig. Nur heißt es eben auch, dass der Kundenkreis künftig enger wird. Denn gerade weil Aldi das Sortiment der Stände auf einem niedrigen Preisniveau spiegelt, führt der Discounter Menschen aus unterschiedlichen Einkommensverhältnissen in der Markthalle zusammen. Alle bekommen hier eine Gurke, ein Brot, ein Bier. Genauer: ihre Gurke, ihr Brot, ihr Bier. "Markthalle für alle" also, um noch einen Slogan der Pro-Aldi-Demonstranten zu zitieren.

Auf der Webseite der Markthalle haben die Betreiber Dutzende Zuschriften aus dem Kiez veröffentlicht und kommentiert. Ein Anwohner vergleicht dort beispielhaft den Preis der Laugenbrezel von Aldi (29 Cent) mit dem der Laugenbrezel vom Biobäcker in der Halle (1,49 Euro). Die Betreiber antworten: "Die Biobrezeln von endorphina werden in Handarbeit in Neukölln hergestellt. Wir halten es für fair, dass von dem Preis einer Brezel der Bäcker, der Müller und der Landwirt leben müssen. Geht das bei 0,29 €?" Die Betreiber mögen auch recht haben, wenn sie sagen, dass die niedrigen Discounterpreise zulasten anderer gehen. Wenn sie Solidarität mit Bauern, Metzgern, Bäckern fordern. Dennoch hat die gut gemeinte Empfehlung auch etwas von "Sollen sie doch Kuchen essen", denn sie beruht auf der Vorstellung einer idealen Welt. Was ist mit den 1,20 Euro Differenz?

Eine einfache Rechenaufgabe

Durchlässigkeit funktioniert eben nur in eine Richtung. Ein Akademikerkind, das auf Kosten der Eltern, sagen wir: Theaterwissenschaft studiert, kann sich eine Freitagnacht lang mit den Stammgästen in der Eckkneipe verbrüdern. Mit jenen, die ihr Leben am Tresen weichzeichnen, nicht auf dem iPhone. Andersherum würden Leute aus der Korn-Cola-Fraktion niemals auf die Idee kommen, den Gegenbesuch in einer Bar anzutreten, in der ein Negroni acht Euro kostet. Vielleicht aus Scham. Auf jeden Fall aber, weil diese Menschen ihren Rausch dort nicht bezahlen könnten. Es ist weder eine Frage des Horizonts, noch eine des Wollens. Es ist eine Rechenaufgabe, ganz einfach.

Draußen vorm Aldi, also fast draußen, denn da ist ja noch das hohe Markthallendach, sitzt ein Mann und trinkt Bier aus einer Plastikflasche, Maternus Gold, Aldis Eigenmarke. Er sitzt dort auf eine eindeutige und doch schwer zu beschreibende Art, die einem sagt, dass er oft dort sitzt und lange. Er lehnt an der hölzernen Rückwand eines Verkaufsstandes. Auf der anderen Seite der Wand werden Salze verschiedener Feinheit und Farbe angeboten, ein Gläschen Pfeffer aus dem Kerala-Urwald kostet 7,80 Euro. Das sind 26 Flaschen Maternus Gold.

Man muss den Trinkenden gar nicht fragen, was er von dm hält. Bei dm gibt es kein Bier, nicht mal in Bio. Andererseits, vielleicht sollte man doch mit ihm reden, anstatt ihm ungefragt eine Meinung zu verpassen. Doch da hat er sich schon erhoben und trägt zwei Pfandflaschen in Richtung Discounter, dessen Glastür sich in diesem Moment selbsttätig öffnet. Er ist jetzt Kunde.