Jugendliche sind immer online, körperlich frühreif und neuerdings politisch aktiv? Wir fragen, was es für junge Menschen bedeutet, sich heutzutage einen Platz in der Welt zu suchen, und blicken in einem Schwerpunkt auf die wahrscheinlich emotionalste Zeit des Lebens: die Pubertät. Hier erzählt die Mutter einer 16-Jährigen. Sie schreibt unter Pseudonym, um ihre Töchter, deren Namen wir auch geändert haben, zu schützen.

Als Lynn sich die Haare abrasierte, war ich nicht dabei. Ihre kleine Schwester schickte mir ein Foto, und im ersten Moment dachte ich, es zeige eine Sängerin oder ein Model, irgendeine mir unbekannte Frau mit vielen Followern. Lynn trug eine getönte Brille und lange Ohrringe. Schön, aber auch fremd wirkte sie. Auf diese Verwandlung war ich nicht vorbereitet. Ist nur ein Spleen, tröstete ich mich. Tage später strich ich über die drei Millimeter langen Stoppeln und sagte, Haare wachsen wieder – als ob damit mein Kind zurückkäme, das ich verloren hatte. Sie trug jetzt schwarze lange Mäntel. Jacketts mit Schulterpolstern. Schwere Schuhe. Ihr Ausdruck veränderte sich, sie blickte ernst in die Welt. Manche Passanten wechselten die Straßenseite, erzählte Lynn stolz, sie war 15.

Ein Jahr später rasiert sich Lynn ihr Haar noch immer. Sie grenzt sich ab. Teenager wollen das, sich abnabeln, das steht in jedem Elternratgeber. Aber meine Tochter muss das ja gar nicht, denke ich, ich bin weder streng noch autoritär. Mal gebe ich ihr eine Uhrzeit mit auf den Weg, an anderen Tagen beharre ich auf eine gemeinsame Mahlzeit, mehr nicht. Lynn kann sich frei fühlen, behaupte ich, denn sie wächst in einem freiheitsliebenden Umfeld auf. Unsere Freunde leben in den unterschiedlichsten Familienformen. Sie arbeiten viel und selten regelmäßig. Regelmäßig wird stattdessen gefeiert, wild und ausgelassen, wenn jemand Geburtstag hat, ein Film abgedreht ist oder der Sommer begonnen hat. Dann werden Sitzmöbel an die Wand geschoben, es wird geraucht und getanzt und sowohl Lynn als auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester Marie feiern mit. Sie schauen uns Erwachsenen bei unserer Glückssuche zu, werden nicht ausgeschlossen, aber auch nicht geschont. Und dennoch hat Lynn sich dazu entschieden, zu rebellieren. Nur – wogegen?

Sie stellt mein Selbstverständnis infrage

Keine noch so lustige Party wird meine Töchter davon abhalten, anders sein zu wollen als ich, anders Frau sein zu wollen als ich. Das ist richtig, und trotzdem verstehe ich es als Ablehnung. Ihr Anderssein zwingt mich zur Toleranz, eine unbequeme Herausforderung. Unbequem, weil sie mein Selbstverständnis infrage stellt: Bin ich wirklich so aufgeschlossen? Zwölf Monate nach Lynns Verwandlung muss ich feststellen, dass ich Ansprüche stelle und weniger lässig bin, als ich gerne wäre. Still rebellierend hält mir mein Kind den Spiegel vor. Ich gefiel mir schon mal besser.

Nach einer langen Phase des Verliebtseins streiten mein Kind und ich darüber, welches das richtige Leben ist. Pubertät bedeutet, so viel habe ich schon begriffen, dass ich nicht mehr mitspielen darf, jedenfalls nicht mehr so wie früher. Einmal kehre ich vom Einkaufen zurück. Lynn sitzt in der Küche mit drei Jungs. Verschlafene Gesichter, sie sind eben der Kindheit entschlüpft. Sie frühstücken. Boys, rufe ich übermütig, weil ich mich freue, dass Jungs zu Besuch sind, hey Boys! Sie gucken verlegen. Ich ziehe ein paar Scheiben Schinken aus meiner Tasche, sage, hier, fürs Frühstück. Stille. Mama, antwortet Lynn gedehnt, das sind Vegetarier.

Mal bin ich ihnen peinlich, mal sind sie stolz, die Mädchen. Zum Streit kommt es selten, mit der Jüngeren nie. Noch verehrt sie mich, ist Komplizin, dafür bin ich dankbar. Wie ich ist sie um Harmonie bemüht, will Stimmungen glätten und gefallen. Sie ist ein Mädchen, wie ich eines war. Eines, das ohne Aufforderung Hausaufgaben macht, ihr Zimmer aufräumt und sich schlafen legt, wenn es müde ist. Das sagt, macht nichts, wenn ich an einem Sonntag keine Zeit habe, weil ich schreiben muss, und mir so die Zweifel nimmt, keine gute Mutter zu sein. Lynn hingegen stellt mich infrage, indem sie anders lebt, liebt und denkt als ich, und das ist enttäuschend und beeindruckend zugleich.

Drei Millimeter, sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Lynn weiß, dass ich mich nicht getraut hätte, mir die Haare zu rasieren. Dass ich vor jeder Form der Radikalität zurückschrecke. Sie hat sich nach kurzer Zeit von ihrem ersten Freund getrennt, weil er ihr nicht sagen konnte, was sie ihm bedeute. Ich bewundere sie für ihre Konsequenz, die ihr selbstverständlich scheint. Ich bewundere sie für ihre Unabhängigkeit. Während ich Segelschuhe, Jeans und Hemd trug, um nicht aufzufallen, verlässt sie das Haus im Konfirmationsjackett ihres Großvaters, um den Kopf einen Hidschab. Eben hat sie Schürzen für sich entdeckt, sie trägt sie über ihren Kleidern. Gehe ich neben ihr die Straße entlang, fängt sie alle Blicke, so ungewöhnlich ist ihre Erscheinung. Lynn probt Wirkung, sie probt Eigensinn und Identität und erinnert mich daran, dass ich ihre Mutter bin, eine erwachsene Frau.