Das Café, besser gesagt il bar, wo ich morgens Zeitung lese und meinen Espresso trinke, befindet sich gleich neben meinem Wohnhaus. Für eine gebürtige Wienerin, die es aber schon als Kind nach Mailand verschlagen hat, eigentlich perfekt, auch wenn das Café nichts mit einem Wiener Kaffeehaus zu tun hat. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, das Café Sallas, so heißt es, habe sich mit der Zeit verwienert. Mittlerweile habe ich sogar so etwas wie einen Stammtisch.

Das Sallas liegt zentral im Città-Studi-Viertel. Der Name "Stadt der Studien" bezieht sich auf die wissenschaftlichen Fakultäten, die sich hier Ende des 19. Jahrhunderts ansiedelten und die heute zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten Mailands gehören. Das Viertel ist weitgehend bürgerlich, das Publikum im Café aber bunt gemischt: Neben Studenten trifft man auf Ärztinnen, Hausmeister, Freiberufler, Bäckerinnen, Bankangestellte, Verkäufer, Akademikerinnen, Handwerkerinnen, Fotografen, Hausangestellte, Schriftstellerinnen.

Manchmal komme ich auch nachmittags in das Café, um zu arbeiten. Das Geplauder im Hintergrund entspannt mich. So war es auch an einem Nachmittag vor ein paar Wochen, als ich vom Mailänder Goethe-Institut die Mail über die Podiumsdiskussion "Deutschland/Italien. Das europäische Sentiment: Blick in den Spiegel" bekam. Die Studie, die dazu von der Fondazione Giuseppe Di Vittorio und der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom, dem Forschungsinstitut Tecnè in Auftrag gegebenen worden war, analysiert die Einstellung der Italiener zu den Deutschen und umgekehrt sowie die jeweilige Rolle in der EU. Dazu befragt wurden jeweils 2.000 Bürger. Das Ergebnis war ernüchternd: Mit der einstigen "Wahlverwandtschaft", wie die Italiener früher die Beziehung zwischen den zwei Ländern gern bezeichneten, scheint es vorbei zu sein. Auf die Frage: "Wie sehen Sie Deutschland als europäischen Partner Italiens", antworteten 55,5 Prozent der Italiener mit "gering oder gar nicht positiv". 49,1 Prozent der Deutschen sahen die Partnerschaft mit Italien ebenfalls skeptisch. Ein Zustand, der mir zu denken gab.

In den letzten Jahren habe ich, an meinem Stammtisch im Café sitzend, immer wieder kritische Bemerkungen gegenüber Deutschland gehört. Mit Mario, einem grundsätzlich freundlichen Mittfünfziger, hatte ich einmal sogar eine richtig hitzige Auseinandersetzung. Es war kurz nachdem er infolge der Wirtschaftskrise seine Druckerei schließen musste. Der Euro sei an allem schuld und meinte damit natürlich auch Deutschland, weil Deutschland sich ja sehr für diesen Euro eingesetzt hatte. "Wären wir doch bei der Lira geblieben" sagte er.

Ich widersprach Mario, wies darauf hin, dass viele italienische Firmen ihre Unternehmen nach Osteuropa verlegt hätten, um Kosten zu sparen, anstatt in diese hier in Italien zu investieren. Mit welchem Geld, konterte Mario zurück, die Steuern würden mehr als die Hälfte der Gewinne auffressen. Aber das mit den hohen Steuern hätte ja auch damit zu tun, dass Steuerflucht und Korruption in Italien zu den gravierendsten Problemen gehören, erhitzte ich mich. So ging es eine Weile weiter, bis ich die Debatte abrupt unterbrach und wir uns eine Weile aus dem Weg gingen.

Natürlich sehen nicht alle den Sündenbock in der EU und im Euro. Die Versicherungsvertreterin Cristina zum Beispiel, die ihren Cappuccino morgens immer an meinem Tisch trinkt, erzählte mir unlängst von ihrem Sohn, der gerade ein Doktorat in Schweden macht. "Hier hätte er keine Chance", sagt sie. "Aber kannst du mir sagen, warum es früher immer hieß: Wenn Deutschland wieder zur Lokomotive Europas wird, geht es auch mit der italienischen Wirtschaft wieder bergauf. Als der deutsche Motor aber dann ansprang, hieß es auf einmal, die Deutschen seien an unserer Misere schuld?"