Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Die neuen Europäer". Wir besuchen aus Anlass der Europawahl Menschen, die nicht von Europa träumen, sondern europäisch leben. Wir erzählen von neuen Konflikten und Glücksmomenten, die es ohne die EU nicht gäbe.

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Die Scheinwerfer rauen den dunklen Asphalt der A 27 auf und der Mittelstreifen fliegt dahin wie eine nicht enden wollende Naht, die beide Fahrspuren zusammenhält. Eine Nacht im April, die Autobahn ist fast leer, hier und da ein paar Lichtreflexe. Es gibt tausend gute Songs, die man jetzt hören könnte. Doch im Führerhaus des Lkw ist es still. Iwona Blecharczyk muss sich konzentrieren. Musik lenkt sie ab und könnte die Funkverbindung zu ihrem Begleiter Grzegorz Ciemny stören, der hinter ihr fährt. Er ist ihr zweites Augenpaar. Vor allem nachts ist es wichtig, dass diese Verbindung nicht abreißt. Menschen verlieren die Kontrolle über ihr Fahrzeug oder sind in Eile und versuchen riskante Überholmanöver. So auch jetzt: "Achtung Iwona, gelber Lkw von links", ruft es auf Polnisch aus dem kleinen schwarzen Gerät über Blecharczyk Kopf.

Auf dem Rücken ihres Lkw fährt Iwona Blecharczyk einen majestätischen weißen Windflügel durch die Dunkelheit. Ihr Truck ist 59 Meter lang und 41 Tonnen schwer, auf 24 Reifen steuert sie einen Koloss über die Autobahn. Der gelbe Lkw von DHL muss abbremsen. "Hinter einen Schwertransport zu geraten, ist eine Katastrophe für den Fahrer", sagt Blecharczyk. "Für ihn zählt jede Minute. Und wir sind mit unseren 90 Kilometern pro Stunde einfach zu langsam. Seine Pakete müssen am Morgen ausgeliefert werden."

Zerdrückt zwischen zwei Lkw

In diesem DHL-Wagen, der nun langsam aber gefährlich nah an Blecharczyk vorbeizieht, ist vielleicht ein Buch, das jemand vor ein paar Stunden im Internet bestellt hat. Wahrscheinlich ohne darüber nachzudenken, dass Übernachtbestellungen schlaflose Stunden für einen anderen Menschen bedeuten. "Wir sollten uns öfter die Frage stellen, was wir am nächsten Tag wirklich brauchen," sagt sie.

Vor der Abfahrt in Cuxhaven überprüft Iwona Blecharczyk noch mal, ob alle Rücklichter funktionieren. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Es ist eine europäische Realität, die kaum einer sieht: Der Güteraustausch zwischen den Ländern in Europa wird entscheidend von Menschen wie Iwona Blecharczyk und dem DHL-Fahrer getragen. Manche riskieren dafür sogar ihr Leben. Erst neulich sei wieder ein Begleitfahrer, den Blecharczyk kannte, gestorben. Zerdrückt zwischen zwei Lkw. Der hintere Fahrer war kurz eingeschlafen.

Es ist Montagabend und Iwona Blecharczyk ist auf dem Weg von Cuxhaven zu einem Windpark in Tschechien. Sie transportiert ein Rotorblatt und darf nur nachts fahren, um den normalen Verkehr so wenig wie möglich zu stören. Viereinhalb Stunden, von zehn Uhr abends bis halb drei Uhr morgens, dann muss sie Pause machen. Schlafen, essen, warten bis zum nächsten Sonnenuntergang. Die Fracht bestimmt den Rhythmus. Vor und hinter ihr fahren zwei weitere Schwertransporte mit je einem Begleitfahrzeug. Ein Windrad braucht schließlich drei Blätter. Vier Tage und 625 Kilometer später sollen sie in der Nähe von Jindřichovice ankommen.

Der Motor des Lkw vibriert unter den Sitzen. Blecharczyk trägt schmale schwarze Jeans, rote Chucks und einen grauen Kapuzenpullover. Ihre langen blonden Haare hat die 32-jährige Polin zu einem Pferdeschwanz gebunden. "Hinter dem Sitz liegen Wasserflaschen", sagt sie auf Englisch, jener Sprache, mit der sich die meisten Menschen in Europa untereinander verständigen, ob sie aus Nachbarländern kommen oder nicht. Anders würden sich die deutsche Reporterin und die polnische Lkw-Fahrerin trotz der gemeinsamen Grenze auch gar nicht verstehen. "Aber trink nicht zu viel. Wir können nicht anhalten." Daran, dass sie mit einem 55 Meter langen Rotorblatt nicht rechts ranfahren kann, denkt natürlich niemand, der sonst nur in Pkw sitzt.