Iwona fährt los – Seite 1

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie "Die neuen Europäer". Wir besuchen aus Anlass der Europawahl Menschen, die nicht von Europa träumen, sondern europäisch leben. Wir erzählen von neuen Konflikten und Glücksmomenten, die es ohne die EU nicht gäbe.

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Die Scheinwerfer rauen den dunklen Asphalt der A 27 auf und der Mittelstreifen fliegt dahin wie eine nicht enden wollende Naht, die beide Fahrspuren zusammenhält. Eine Nacht im April, die Autobahn ist fast leer, hier und da ein paar Lichtreflexe. Es gibt tausend gute Songs, die man jetzt hören könnte. Doch im Führerhaus des Lkw ist es still. Iwona Blecharczyk muss sich konzentrieren. Musik lenkt sie ab und könnte die Funkverbindung zu ihrem Begleiter Grzegorz Ciemny stören, der hinter ihr fährt. Er ist ihr zweites Augenpaar. Vor allem nachts ist es wichtig, dass diese Verbindung nicht abreißt. Menschen verlieren die Kontrolle über ihr Fahrzeug oder sind in Eile und versuchen riskante Überholmanöver. So auch jetzt: "Achtung Iwona, gelber Lkw von links", ruft es auf Polnisch aus dem kleinen schwarzen Gerät über Blecharczyk Kopf.

Auf dem Rücken ihres Lkw fährt Iwona Blecharczyk einen majestätischen weißen Windflügel durch die Dunkelheit. Ihr Truck ist 59 Meter lang und 41 Tonnen schwer, auf 24 Reifen steuert sie einen Koloss über die Autobahn. Der gelbe Lkw von DHL muss abbremsen. "Hinter einen Schwertransport zu geraten, ist eine Katastrophe für den Fahrer", sagt Blecharczyk. "Für ihn zählt jede Minute. Und wir sind mit unseren 90 Kilometern pro Stunde einfach zu langsam. Seine Pakete müssen am Morgen ausgeliefert werden."

Zerdrückt zwischen zwei Lkw

In diesem DHL-Wagen, der nun langsam aber gefährlich nah an Blecharczyk vorbeizieht, ist vielleicht ein Buch, das jemand vor ein paar Stunden im Internet bestellt hat. Wahrscheinlich ohne darüber nachzudenken, dass Übernachtbestellungen schlaflose Stunden für einen anderen Menschen bedeuten. "Wir sollten uns öfter die Frage stellen, was wir am nächsten Tag wirklich brauchen," sagt sie.

Vor der Abfahrt in Cuxhaven überprüft Iwona Blecharczyk noch mal, ob alle Rücklichter funktionieren. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Es ist eine europäische Realität, die kaum einer sieht: Der Güteraustausch zwischen den Ländern in Europa wird entscheidend von Menschen wie Iwona Blecharczyk und dem DHL-Fahrer getragen. Manche riskieren dafür sogar ihr Leben. Erst neulich sei wieder ein Begleitfahrer, den Blecharczyk kannte, gestorben. Zerdrückt zwischen zwei Lkw. Der hintere Fahrer war kurz eingeschlafen.

Es ist Montagabend und Iwona Blecharczyk ist auf dem Weg von Cuxhaven zu einem Windpark in Tschechien. Sie transportiert ein Rotorblatt und darf nur nachts fahren, um den normalen Verkehr so wenig wie möglich zu stören. Viereinhalb Stunden, von zehn Uhr abends bis halb drei Uhr morgens, dann muss sie Pause machen. Schlafen, essen, warten bis zum nächsten Sonnenuntergang. Die Fracht bestimmt den Rhythmus. Vor und hinter ihr fahren zwei weitere Schwertransporte mit je einem Begleitfahrzeug. Ein Windrad braucht schließlich drei Blätter. Vier Tage und 625 Kilometer später sollen sie in der Nähe von Jindřichovice ankommen.

Der Motor des Lkw vibriert unter den Sitzen. Blecharczyk trägt schmale schwarze Jeans, rote Chucks und einen grauen Kapuzenpullover. Ihre langen blonden Haare hat die 32-jährige Polin zu einem Pferdeschwanz gebunden. "Hinter dem Sitz liegen Wasserflaschen", sagt sie auf Englisch, jener Sprache, mit der sich die meisten Menschen in Europa untereinander verständigen, ob sie aus Nachbarländern kommen oder nicht. Anders würden sich die deutsche Reporterin und die polnische Lkw-Fahrerin trotz der gemeinsamen Grenze auch gar nicht verstehen. "Aber trink nicht zu viel. Wir können nicht anhalten." Daran, dass sie mit einem 55 Meter langen Rotorblatt nicht rechts ranfahren kann, denkt natürlich niemand, der sonst nur in Pkw sitzt.

"Wir haben drei Schwertransporte. Du musst hier weg"

Schwertransporte dürfen nur nachts fahren, um den Verkehr so wenig wie möglich zu stören. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Eine Raststätte an der A 2 kurz vor Magdeburg ist der erste und finale Stopp dieser Nacht. Hier gibt es drei Parkplätze für Schwertransporte, aber die Plätze sind besetzt. Auf ihnen stehen normale Lkw aus Deutschland, Spanien, Italien und Polen. "Das passiert oft", sagt Blecharczyk, "eigentlich jede Nacht." Der Parkplatzmangel für Schwertransporte ist ein Problem in ganz Europa. Grzegorz Ciemny, ihr Begleitfahrer und Marcin Kałuza, der Begleiter des ersten Schwertransports klopfen an die Scheiben der geparkten Lkw und wecken die Fahrer. Die meisten reagieren nicht. Einer, der Deutsche, schiebt sein verschlafenes Gesicht aus dem Fenster.

"Was wollt ihr?"

"Wir haben drei Schwertransporte. Du musst hier weg", sagt Marcin Kałuza auf Deutsch. 

"Was für eine Scheiße!", schimpft es aus der Kabine.

"Ich kann nichts dafür, du kennst die Regeln."

Fenster zu. Licht aus.

Marcin Kałuza muss jetzt die Polizei anrufen. Auch das passiert oft. Schwertransporte können nicht ausweichen. Ihnen muss auf europäischen Raststätten theoretisch Platz gemacht werden. Aber nur in Deutschland darf man deshalb auch die Polizei zur Hilfe rufen. Sechs Fahrzeuge, an die 200 Meter Schwertransport, blockieren die Zufahrt zur Rastanlage. Die Fahrer stehen im Kreis und reden laut. Nicht um ihre schlafenden Kollegen in den anderen Lkw zu wecken, sondern weil der Lärm der Autobahn auch nachts dröhnt. Blecharczyk nimmt das Warten gelassen, es gehört zu ihrem Job. Sie verschickt Sprachnachrichten, liest Facebook und schaut sich auf Instagram Bilder und Videos an.

Marcin Kałuza hüpft nervös von einem Bein auf das andere. Er ist ein kleiner, rundlicher Mann Anfang dreißig, mit kurzen blonden Haaren und blauen Augen. Blecharczyk und die anderen nennen ihn "Tornado", weil er nicht stillsitzen kann. "Wir nerven immer alle", sagt er in die Nacht, "die Fahrer, die Polizei, die Behörden. Alle stöhnen, wenn wir kommen. Kurwa. Kurwa. Kurwa." Das sagt er ständig. Wörtlich übersetzt heißt es "Hure", inhaltlich bedeutet es "Scheiße", "Verdammt noch mal!" oder einfach nur "Punkt". Nach einer halben Stunde ist die Polizei da, die Lkw müssen weg. Es ist vier Uhr morgens. Zeit zu schlafen. Hinter den Sitzen im Fahrerhaus gibt es zwei Betten, eins unten, eins oben.

Die Gurken hat ihre Mutter selbst eingelegt und die Eier kommen auch aus dem Hühnerstall ihrer Eltern. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Am Vormittag füllt sich die Raststätte mit Familien, die auf dem Weg in den Osterurlaub sind, nach Süddeutschland, Österreich oder Italien. Eine Art Urlaub, die Iwona Blecharczyk nie machen würde. Sie kann sich gerade nicht erinnern, wann sie das letzte Mal in den Urlaub gereist ist. Wenn sie ein paar Tage freihat, will sie nicht ans Meer. Dann fährt sie nach Hause zu ihrer Schwester nach Krakau oder zu ihren Eltern nach Kosztowa, in jenes kleine Dorf im Süden Polens, wo sie aufgewachsen ist. Sie backt dort Kuchen und genießt die Nudelsuppe ihrer Mutter, holt Eier aus dem Hühnerstall und sich ein bisschen Beständigkeit in ihr Leben zurück. Nachts, sagt sie, ist es dort ganz still.

Eine eigene Wohnung hat Blecharczyk nicht. Das würde sich nicht lohnen. Sie hat nicht mal Zeit, die Wände ihres alten Jugendzimmers im Haus ihrer Eltern neu zu streichen, obwohl sie längst aus deren Farbwelt hinausgewachsen ist. Iwona Blecharczyk arbeitet von Montag bis Freitag, meistens muss sie aber am Sonntagabend schon wieder zurück auf die Straße und ihren Lkw für die nächste Tour beladen, damit es am Montag pünktlich losgehen kann. Das ist ein kurzes Wochenende. Anderseits hat sie auf der Straße außergewöhnlich viel Zeit für sich. Zum Beispiel, wenn sie wie jetzt den ganzen Tag an einer Raststätte darauf warten muss, wieder weiterfahren zu dürfen.

Zu viel Cola, zu viele Würstchen, zu wenig Schlaf

Iwona Blecharczyk kocht jede Mahlzeit selbst. Ihre Nahrungsmittel bewahrt sie in Kisten und einem kleinen Kühlschrank unter ihrem Bett auf. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Ihr Leben on the road hat vor etwas mehr als zehn Jahren begonnen. Während ihres Studiums in Rzeszów fuhr sie zusammen mit ihrem damaligen Freund an den Wochenenden polnische Arbeiter und Arbeiterinnen in einem kleinen Bus nach England. Die Engländer brauchten Hilfe bei der Ernte. Reisen war nach dem Eintritt Polens 2004 in die Europäische Union und dank des Schengener Abkommens zwar leichter, aber Flüge waren teuer. "Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen", sagt sie. Wer würde noch mit einem Auto nach England fahren, wenn man mit einer Billigfluglinie für 50 Euro von Krakau nach London fliegen kann? Viele der Polinnen und Polen, die sie damals gefahren hat, seien in England geblieben, sagt Blecharczyk. Bald müssen sie, sollte der Brexit tatsächlich irgendwann umgesetzt werden, vielleicht zurück. Sie sind die größte Gruppe von Einwanderern in Großbritannien.

Lieber weniger Geld haben, als die Identität aufgeben

Wenn die Fahrer den ganzen Tag an einer Raststätte warten müssen, wenn sie genug geschlafen, gegessen, ferngesehen und mit der Familie telefoniert haben, treffen sie sich manchmal und reden. Marcin Kałuza erzählt, dass viele seiner Freunde, vor allem Lkw-Fahrer und Handwerker, nach 2004 auf der Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten und -bedingungen ins europäische Ausland gegangen sind. Das schien damals einfach, nachdem die bürokratische Hürde einer Arbeitserlaubnis weggefallen ist. Einer seiner Schulfreunde wohne jetzt in Bayern, nachdem ihm das jahrelange Pendeln zu mühsam geworden ist. "Glücklicher ist er dadurch aber nicht geworden", sagt Kałuza. Der Freund finde in diesem kleinen bayrischen Ort nur schwer Anschluss. "Deutschland ist eben nicht seine Heimat." Marcin Kałuza würde diesen Schritt nie wagen. Lieber weniger Geld haben, als die eigene Identität aufgeben.

Iwona Blecharczyk hat damals in Rzeszów Englisch auf Lehramt studiert. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Lehrerin an verschiedenen Schulen in der Nähe ihres Heimatortes. "Es war eine schreckliche Zeit", sagt sie. Ständig sei sie müde gewesen und erschöpft von dem Lärm der Kinder. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Sie wollte raus.

Das Rotorblatt, das Iwona Blecharczyk von Cuxhaven in einen tschechischen Windpark transportiert, ist 55 Meter lang und 12 Tonnen schwer. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

An der Uni hatte sie mal ein Seminar über amerikanische Kultur besucht. Dort hatten sie über Freiheit und Unabhängigkeit gesprochen und diese legendären Trucker, die auf den Straßen von Amerika versuchten, genau das zu finden. Es muss im Jahr 2010 gewesen sein, als sie sich fragte, ob sie das auch könne, auf den Straßen Europas. Große Autos hatte sie schon als Kind gemocht. Also machte Blecharczyk einen Lkw-Führerschein, kündigte ihren Job als Lehrerin und bewarb sich bei verschiedenen Transportunternehmen. Ihre Eltern waren entsetzt. Die gute Ausbildung, das Abitur, der Hochschulabschluss, wofür? Sie bekam nur Absagen.

Frauen könnten doch keinen Lkw fahren, las sie zwischen den Zeilen. Sie blieb hartnäckig. Irgendwann wurde sie von einer belgisch-polnischen Firma im Norden Polens zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Angebot: ein Job im Büro. Sie lehnte ab und bat um eine Chance als Fahrerin. Der Deal: vier Wochen auf Probe, zusammen mit einem männlichen Fahrer. Das war 2011. Seitdem fährt sie. Und lebt in gewisser Weise die europäische Version des amerikanischen Beatnik-Traums.

Noch zehn Stunden bis zur nächsten Abfahrt. Was tut sie? Duschen in der Raststätte für drei Euro, Teller am Straßenrand spülen, Videos auf Instagram anschauen. Und am Nachmittag wieder schlafen, um in der Nacht nicht müde zu werden. "Wäre super, wenn ich drei Stunden schaffe", sagt sie. Durch das kleine Fenster auf dem Dach sieht sie den blauen Himmel.

Es ist halb acht, Abendessen. Es gibt gekochten Brokkoli und Möhren mit gedämpftem Lachs. Blecharczyk achtet sehr darauf, was sie isst. Regelmäßig sucht sie im Internet nach neuen Gerichten, die gesund sind und lange satt machen. Nachts fahren, tagsüber schlafen, daran gewöhnt man sich irgendwann. Aber für den Körper ist der Beruf trotzdem Stress. Die meisten ihrer Kollegen hören mit Mitte vierzig auf zu fahren. Sie sind kaputt. Zu viel Cola, zu viele Würstchen, zu wenig Schlaf.

Immer wieder ist sie mit Vorurteilen konfrontiert

Routinen eines Lebens auf der Autobahn: das Geschirr auf der Raststätte spülen, den Kanister mit frischem Wasser auffüllen. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

In dem Kühlschrank und den Kisten unter ihrem Bett hat Blecharczyk Nahrungsmittel für zwei Wochen dabei. Bei dem Transport von Rotorblätter weiß man nie, wie lange die Reise dauert. Einmal hat sie in einem Windpark zwei Wochen auf die Entladung warten müssen, weil das Wetter so schlecht war.

Als sie anfing, auf dem Rastplatz selbst zu kochen, war ihr das peinlich. Sie zog die Vorhänge zu. "Ich dachte, die anderen – vor allem die westeuropäischen Fahrer – würden glauben, ich könnte es mir nicht leisten, in der Raststätte zu essen." Blecharczyk ist Polin, das vergisst sie auch auf den Straßen Europas nicht. Die Vorurteile schlagen ihr und ihren Kollegen immer wieder entgegen: Osteuropäer seien arm, unehrlich, alkoholabhängig, klauen Autos und manchmal sogar Nieren.

Deshalb sprechen die Fahrer der Begleitfahrzeuge, Marcin Kałuza und ihr Begleiter Grzegorz Ciemny neben Englisch auch Deutsch. Sie wollen so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten. Die europäische Klassenfrage macht auch auf der Straße, wo im Grunde alle Lkw-Fahrer gleich sind, nicht halt.

Iwona Blecharczyk findet trotz all der Widerstände, gegen die man stößt, dass man in diesem Beruf offener wird. "Wenn man durch verschiedene Länder fährt, sieht man, wie andere Menschen leben", sagt sie. Die Gemeinsamkeiten, die Unterschiede, und irgendwann stelle man fest, dass jeder über jeden lacht: "Die Belgier lachen über uns. Wir lachen über die Ukrainer. Aber am Ende sind wir alle gleich."

Blecharczyk fällt auf, dass vor allem junge Menschen aus verschiedenen Ländern sich überhaupt nicht mehr unterscheiden. Das mag einerseits mit einem grenzenlosen Europa zu tun haben, andererseits aber auch mit dem Internet. Sie tragen die gleiche Kleidung und hören die gleiche Musik. "Sie können sich doch überhaupt nicht vorstellen, wie ein Leben mit Grenzen wäre!"

Ein älterer Kollege hat ihr mal erzählt, wie lustig das früher war. An den Grenzen gab es Pubs und Diskos und ein richtiges soziales Leben. Sie muss heute fast nie an Grenzen halten. Manchmal, wenn sie mit einem Schwertransport unterwegs ist, muss sie Zollbeamten ihre Papiere zeigen. Das war's.

In ihren ersten Jahren als Lkw-Fahrerin fuhr Iwona Blecharczyk am liebsten nach Spanien. Wegen des Wetters und der beeindruckenden Landschaft. Damals waren die Fahrzeuge, die sie fuhr, noch deutlich kleiner. "Normale Lkw mit normaler Ware", sagt sie und lacht. Damals konnte sie kurz am Straßenrand anhalten, sich frische Orangen kaufen und auf einem Parkplatz am Meer schlafen.

Ein guter Verdienst, auch für deutsche Verhältnisse

Iwona Blecharczyk (rechts), ihr Begleiter Grzegorz Ciemny (links) und der Fahrer des ersten Schwertransports, Krzysztof Godawa, treffen letzte Absprachen. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Sie sitzt auf dem Beifahrersitz, die Knie nah an ihren Oberkörper herangezogen, den Kopf hat sie darauf abgelegt. Sie überlegt. "Eigentlich ist dieser Beruf doch perfekt für junge Menschen, die noch nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen." Man könne reisen, Geld sparen, Zeit für sich haben und in Ruhe nachdenken. Tatsächlich aber sinkt die Zahl der Lkw-Fahrer seit Jahren. Allein in Deutschland fehlen laut Bundesagentur für Arbeit mehr als 40.000 Fahrer. Kaum jemand will den Job noch machen. Dabei sind Lkw immer noch das wichtigste Transportmittel in Europa.

Als Fahrerin für Schwertransporte verdient Blecharczyk etwa 2.000 Euro netto im Monat. Ein guter Verdienst, auch für deutsche Verhältnisse. Menschen zwischen 20 und 35 Jahren verdienen in Deutschland durchschnittlich rund 2.300 Euro brutto. In der Steuerklasse 1 bleiben davon nicht viel mehr als 1.500 Euro übrig.

Sie war eine der ersten Frauen überhaupt in diesem Job

Die Fahrt in der zweiten Nacht vergeht wie im Flug. In dieser Dunkelheit könnte man überall auf der Welt sein. Im Jahr 2017 hat sich Iwona Blecharczyk einen Traum erfüllt und ist nach Nordamerika gegangen. Nach Kanada, weil sie für die Vereinigten Staaten keine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Ein Jahr durfte sie bleiben. Was sie vorher nicht wusste: Um als Europäerin in Kanada Lkw fahren zu dürfen, braucht man einen kanadischen Führerschein. Die ersten drei Monate verbrachte Blecharczyk in einer Fahrschule und sehnte sich zurück nach Europa, wo es einheitliche Regeln gibt und sie überall fahren konnte. Aber Aufgeben war keine Option. Als sie den Führerschein geschafft hatte, fuhr sie auf Eisstraßen an der Grenze zu Alaska und auf Ölfeldern. Sie lenkte Trucks, die bis zu 63 Tonnen wogen und war eine der ersten Frauen überhaupt in diesem Job. Manchmal war sie tagelang allein. Sie sagt, das war ein großes Glück und eine große Herausforderung. Die Natur sei unerbittlich gewesen und würde das menschliche Dasein in eine andere Perspektive rücken. "Ich bin nicht religiös, aber wenn man dort ist, denkt man, Gott muss hier leben."

Dieser Kalender hängt in der Fahrerkabine von Iwona Blecharczyk. Er war ein Werbegeschenk. Blecharczyk mag es, mit den Klischees zu spielen. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Als sie zurück nach Polen kam, hat sie zu Hause bei ihren Eltern einen Monat Urlaub gemacht. Zurückkommen war schwerer als Gehen. "Niemand spricht darüber, was passiert, nachdem ein Traum in Erfüllung gegangen ist", sagt sie. Deshalb hat sie sich die nächste Herausforderung gesucht. "Der Adrenalinkick hier in Europa sind Schwertransporte." Im Transportwesen gäbe es nichts Aufregenderes. 

Fünfzig Kilometer vor der tschechischen Grenze hält die Schwertransportkolonne auf einem Parkplatz. Es gibt keine Raststätte, nur ein kleines Toilettenhaus mit Wänden und Armaturen aus kaltem Stahl. Krzysztof Godawa, der Fahrer des ersten Lkw, ein drahtiger Mann Mitte vierzig mit sonnengegerbtem Gesicht, und die beiden Begleiter Marcin Kałuza und Grzegorz Ciemny haben zu einem Feierabendbier im ersten Lkw eingeladen. Beine und Füße überall. Keine Schuhe. Die müssen alle ausziehen, wie zu Hause.

Marcin Kałuza zeigt auf seinem Handy ein Bild von seinem Sohn. Er ist erst vor ein paar Monaten auf die Welt kommen. "Süß, oder?! Ich vermisse ihn", sagt er. Grzegorz Ciemny, ein großer Mann mit dunkelgrüner Mütze, nickt. "Du hast Glück, dass er noch so klein ist. Richtig schlimm wird es erst, wenn die Kinder größer werden und nicht mehr verstehen, warum du nie zu Hause bist. Aus Sehnsucht wird irgendwann Wut. Glaub mir, die tut weh." Grzegorz ist Anfang vierzig und Vater von zwei Kindern. Eigentlich, sagt er, wäre man natürlich am liebsten die ganze Zeit zu Hause, aber das Merkwürdige ist: Sobald man zu Hause ist, hält man es dort auch nicht aus und muss wieder auf die Straße.

Der Moment des Hinhockens macht angreifbar

Iwona Blecharczyk darf mit einem Schwertransport nicht mehr als 4,5 Stunden am Stück fahren. Danach muss sie eine Pause machen. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

Wenn man sich die Gruppe in der Kabine anschaut, wie sie darüber reden, was sie vermissen und wohin sie noch wollen, denkt man: Diese Menschen pendeln zwischen Freiheit und Heimat. Blecharczyk sagt: "Wir Lkw-Fahrer sind einsame Wölfe. Man muss gut aufpassen, dass man sich nicht in der Einsamkeit verliert."

Für Iwona Blecharczyk ist es normal, dass sie in einem Konvoi die einzige Frau ist. Oft ist sie sogar die einzige Lkw-Fahrerin auf dem gesamten Rastplatz. Morgens um halb fünf zur Toilette über einen dunklen Rastplatz zu laufen, auf dem fast ausschließlich Lkw mit männlichen Fahrern stehen, macht auch ihr Angst.
Bevor Blecharczyk das Licht in ihrer Kabine löscht, sagt sie: "Natürlich grusele ich mich manchmal, wenn ich nachts auf die Toilette muss, aber das muss ich aushalten. Und ich kenne auch Geschichten von Übergriffen, aber mir ist Gott sei Dank noch nie etwas passiert." Dennoch hat sie vor einer Woche einen Urintrichter bestellt, mit dem sie auch im Stehen austreten kann. In Pink. Damit sie sich, wenn es keine richtigen Toiletten gibt, nicht irgendwohin hocken muss. Der Moment des Hinhockens macht angreifbar, sagt sie.

Sie hat das Spiel aus Nähe und Distanz über die Jahre gelernt. Hat sich angewöhnt, gegenüber Männern den Kopf hochzuhalten und den Blick nicht zu senken. Eine Lektion seien die Fahrten nach Frankreich gewesen. Dort hat sie sich oft unwohl gefühlt. In den Lagerhallen vor Paris hätten die Männer ihr ständig hinterher gepfiffen.

Mehr als 200.000 Menschen schauen "Trucking Girl"

Es ist Mittwoch, das Team muss noch sieben Stunden warten, bis es weitergeht. Immerhin scheint die Sonne. Blecharczyk putzt ihre Seitenspiegel und schaut sich mit ihrem Begleiter die kommende Route an. Würde es regnen, würde sie in ihrer Fahrerkabine wahrscheinlich ein Video für ihren YouTube-Kanal aufnehmen.

2013 hat sie angefangen, ihre Arbeit zu dokumentieren: Wie sie einparkt, auflädt, ablädt, was sie isst und trinkt, wie sie schläft, wie der Innenraum ihres Lkw aussieht, wie sie wartet. Ihr erstes Video über einen Ladevorgang am Frankfurter Flughafen hat mittlerweile 4,7 Millionen Aufrufe. Mehr als 200.000 Menschen haben ihren Kanal Trucking Girl abonniert. Die meisten, sagt sie, sind auch Lkw-Fahrer oder solche, die es werden wollen. Sie verdient ein wenig mit an den Klicks, manchmal macht sie auch Werbung, wie es Influencer tun. Und sie bekommt unzählig Fanbriefe, Liebeserklärungen und Heiratsanträge. Früher hatte sie an ihrem Lkw ein Namensschild. Irgendwann hat sie es abmontiert, weil ständig jemand klopfte und sie kennenlernen wollte.

Am Abend geht es wieder auf die Autobahn, Blecharczyks Hände steuern das Lenkrad, so groß wie ein Hula-Hoop-Reifen. Auf die Frage, ob sie in einer Partnerschaft lebt, will sie nicht antworten. "Es gibt nicht viel, was ich schützen möchte", sagt sie, "das aber schon." Sie weiß, sie kann diesen Beruf nur machen, solange sie keine eigene Familie und keine eigenen Kinder hat. Die wenigen Fahrerinnen, die es gibt, würden aufhören, sobald sie Mütter werden. Wie soll das auch gehen? "Diese Freiheit, die ich gewählt habe, hat eben auch einen Preis", sagt sie.

"Vor allem EU-Politiker glauben, wir seien Idioten"

Die Firma Mattel ehrt seit einigen Jahren Frauen, die Geschlechterrollen überwinden, und widmet ihnen eine Barbiepuppe. Dieses Jahr wurde Iwona Blecharczyk ausgewählt. © Carolin Würfel für ZEIT ONLINE

In bürgerlichen Kreisen in Deutschland ist Freiheit meistens mit einem Ziel wie dem Meer verbunden, mit Familie, Strand und Blick auf den Horizont. Für Menschen wie Iwona Blecharczyk bedeutet Freiheit, überhaupt erst loszufahren. Freiheit ist die Möglichkeit eines Weges, den es ohne offene Grenzen in Europa nicht gäbe.

Vor ein paar Jahren hat sie in Spanien mal einen deutschen Fahrer kennengelernt: Manfred, Mitte siebzig. Seine Kabine war voller Bücher, Fotos und alter Landkarten. Er hat ihr Fotos aus dem Irak, dem Sudan oder der Türkei gezeigt, entstanden vor vierzig Jahren, sie müssen ausgesehen haben wie aus der National Geographic. Den typischen Lkw-Fahrer, sagt sie, gebe es ja gar nicht. "Klar, es gibt den armen Kerl aus der Provinz, der mit Mühe seine Familie ernähren muss, aber es gibt auch den ausgestiegenen Investmentbanker und eben Hippies wie Manfred." Sie sind noch auf Facebook befreundet. Vor ein paar Monaten war er in Indien unterwegs. Sie seufzt: "So ein Leben kann man nur als Mann führen."

Das stimmt – und stimmt wiederum nicht: Weil sich durch Frauen wie sie etwas ändert und Grenzen verschoben werden. Die Firma Mattel ehrt seit einigen Jahren Frauen in einer sogenannten Shero-Kollektion, ein Kofferwort aus she und hero.

Frauen, die Geschlechterrollen überwinden, widmet die Firma eine Barbiepuppe. Dieses Jahr wurde Iwona Blecharczyk ausgewählt. Ihre Puppe trägt einen dunkelblauen Overall.

"Was Europa ausmacht, ist ja auch der Frieden"

Blecharczyk gefällt es, mit Klischees zu brechen: Eine zierliche Frau, etwa 1,70 Meter groß, die Schwertransporte durch Europa fährt. Sie könnte ebenso gut Model sein oder Lehrerin. Aber sie ist stolz auf ihren Beruf und würde sich wünschen, dass dieser Tätigkeit mehr Respekt entgegengebracht wird. "Ich habe oft den Eindruck, dass vor allem EU-Politiker glauben, wir seien Idioten."

Sie sagt, sie und ihre Kollegen kennen Europa vielleicht besser, als manch anderer. "Wir sehen die Spannungen, wenn wir durch die Ukraine fahren und die Realitäten der verzweifelten Geflüchteten an den Küsten in Frankreich und Spanien." In Calais hätte man während der Flüchtlingskrise nachts das Benzin aus dem Lkw geklaut und sie kennt Kollegen, denen die ganze Ladung abmontiert wurde. "Das ist natürlich ein Problem", sagt sie, "aber die Geflüchteten sind nun mal hier. Die meisten Menschen in Europa können sich gar nicht vorstellen, was Krieg eigentlich bedeutet." Sie wünscht sich, dass die Politiker endlich Lösungen finden, andere als Abschottung oder Rechtsextremismus. "Denn das, was Europa ausmacht, ist ja auch der Frieden. Aber dieses Europa ist fragil. Man hat doch gesehen, wie schnell Putin in die Ukraine einmarschiert ist."

An der tschechischen Grenze warten bereits neue Begleiter auf den Konvoi. Schwertransporte dürfen hier nur mit einheimischer Begleitung fahren, Teamwork über nationale Grenzen. Die Männer und Blecharczyk rufen sich über Funk Kommandos zu, auf Englisch, Tschechisch, Deutsch und Polnisch. Die Lkw müssen nun von der Autobahn runter und Landstraße fahren. Blecharczyk spricht nicht mehr. Vorsichtig lenkt sie den Lkw und seine Ladung durch kleine Dörfer und schmale Landstraßen, immer weiter in einen Waldweg hinein. Die tschechischen Begleiter ziehen Straßenschilder und Leitpfosten aus der Erde. Grzegorz gibt ihr über Funk unaufhörlich Anweisungen. "Langsam, langsam. Mehr rechts. Ein bisschen nach links. Fahr. Fahr. Stopp." Der Ast eines Baumes ist im Weg. Ein Begleiter sägt ihn ab. In einer besonders engen Kurve, hängt ein Teil der Reifen plötzlich über dem Straßengraben. Iwona Blecharczyk bleibt ruhig, schaut, schaltet, lenkt, Zentimeterarbeit. Ein wenig später steht ihr Koloss mit dem weißen Flügel tatsächlich in diesem Windpark. Es ist Donnerstag, halb zwei nachts, Iwona Blecharczyk ist glücklich.

"Am Anfang der Woche", sagt sie, "denke ich manchmal, dass es auch schön wäre, einfach zu Hause zu bleiben, bei meinen Eltern oder meiner Schwester, aber dann sehe ich Orte wie diesen." Sie holt ihre Kamera und ihr Stativ aus einem Fach, geht nach draußen und schießt ein paar Fotos von dieser Weite und dem Rotorblatt, das in der Dunkelheit wie eine riesige Libelle leuchtet. Sechsmal wird sie in den nächsten Monaten hierherfahren und Rotorblätter abliefern. Im Sommer, sagt sie, bevor sie die Vorhänge in ihrer Kabine zuzieht, ist es bestimmt schön hier. "Das nächste Mal nehme ich meine Hängematte mit."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels waren die Angaben zur Geschwindigkeit des Schwertransports fehlerhaft. Das haben wir korrigiert.