"Fett zu sein, ist kein Zeichen, versagt zu haben"

ZEIT ONLINE: Ihre Memoiren Hunger sind in den Vereinigten Staaten bereits vor zwei Jahren erschienen. Jetzt wurde das Buch auf Deutsch veröffentlicht. Wie haben Sie die Zeit seitdem erlebt? 

Roxane Gay: Es ist immer interessant, zu sehen, wie ein Buch von den Lesern und Leserinnen letztendlich wahrgenommen wird. Es ist ja ein sehr persönliches Buch und am Anfang habe ich mich schon ein bisschen gefürchtet. Aber im Großen und Ganzen waren es zwei großartige Jahre. Ich habe das Buch in der Hoffnung geschrieben, den Blick auf fette Menschen etwas verändern zu können. Ich glaube, das ist gelungen. Viele haben sehr engstirnige Ansichten, wie fette Menschen leben und welche Entscheidungen sie treffen. Ich wollte eine andere Perspektive liefern.

ZEIT ONLINE: In dem Buch setzen Sie sich mit ihrem eigenen Körper auseinander, der in seinen schwersten Zeiten 261 Kilogramm wog. Es geht um Hunger, Scham, Schmerz und den jahrzehntelangen Kampf, eine positive Beziehung zu diesem Körper aufzubauen. Ist Ihnen das Schreiben schwergefallen?

Roxane Gay: Ich schreibe viel im Kopf, bevor ich tatsächlich anfange, Sätze auf Papier zu bringen. Ich habe anderthalb Jahre darüber nachgedacht, was ich eigentlich sagen möchte. Das eigentliche Buch habe ich dann in etwa vier Monaten geschrieben. Ich denke langsam und schreibe schnell. Die Herausforderung bei Memoiren ist, das sie eben keine Autobiografie sind. Man muss sehr genau wissen, was der Fokus der Geschichte sein soll. Ich habe mich für meinen Körper entschieden. Alle Ereignisse und Gedanken, die nicht unmittelbar mit meinem Körper verbunden waren, mussten draußen bleiben. Das ist, wenn man über ein so persönliches Thema schreibt, nicht immer leicht.

Das Buch "Hunger" von Roxane Gay ist am 22. April erschienen. © btb Verlag

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Hunger für Sie?

Roxane Gay: Der Hunger, den ich in meinem Buch beschreibe, steht für ein Verlangen, das nicht gestillt werden kann. Es ist ein Verlangen nach Essen, aber auch nach Akzeptanz und Zufriedenheit.

ZEIT ONLINE: Ist die Beschreibung "fett" Ihrer Meinung nach eine gemeine Beleidigung oder ein gewöhnliches Adjektiv? 

Roxane Gay: Die Beschreibung "fett" wird als Beleidigung benutzt. "Fett" steht für Gefräßigkeit und Mangel an Disziplin. Es sollte nur ein faktisches Adjektiv sein. Ja, ich bin fett, aber das ist keine moralische Wertung. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen das verstehen. Fett zu sein, ist kein Zeichen, versagt zu haben. 

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch erfährt man, dass Sie im Alter von zwölf Jahren von einer Gruppe Jugendlicher sexuell missbraucht und vergewaltigt wurden. Danach haben Sie angefangen zu essen, um sich "vor der Welt zu schützen". Können Sie diese Verbindung zwischen Essen und Trauma genauer beschreiben? 

Roxane Gay: Ich wusste, umso mehr ich esse, umso größer würde ich werden, und umso größer ich werden würde, umso sicherer würde ich mich fühlen. Essen war beides: Trost und Sicherheit. Viele Menschen wenden sich nach einem traumatischen Erlebnis Drogen, Alkohol oder Sex zu, um den Schmerz zu betäuben. Ich wollte essen.

ZEIT ONLINE: Ihre Familie hat Sie in den Jahren der Traumabewältigung sehr unterstützt. Sie wurden geliebt und gefördert. Trotzdem gelang es dieser Liebe nicht, Sie aufzufangen und aus Ihrem Trauma zu befreien. Können Familien und Freunde tatsächlich nur wenig tun? Müssen Betroffene eigene Wege finden?

Roxane Gay: Man braucht schon die Unterstützung von anderen, auch wenn man diese Unterstützung nicht wirklich nutzen kann. Ich glaube, in den meisten Fällen wissen die Betroffenen gar nicht, wie sie um Hilfe bitten sollen, und wissen auch nicht, welche Hilfe sie brauchen. Deshalb ist es wichtig, wenigstens zu spüren, dass es Menschen gibt, die helfen könnten und denen man vertrauen kann. 

Schreiben als Ausweg

ZEIT ONLINE: Welche Erfahrungen haben Sie mit psychologischen Therapien? 

Roxane Gay: Ich bin in psychologischer Behandlung, seit ich 14 Jahre alt bin. Aber ich habe mich gegenüber den Therapeutinnen lange nicht geöffnet.

ZEIT ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Sie vor allem das Schreiben gerettet hat. Stimmt das?

Roxane Gay: Ja, das Schreiben war für mich ein Ausweg. Durch das Schreiben konnte ich mich ausdrücken, selbst in Momenten, in denen mir gegenüber anderen die Sprache fehlte. Auf dem Papier hatte ich wieder eine Beziehung zu mir. Das war sehr wichtig. Das Schreiben erlaubte mir, das, was ich erlebt hatte, zu teilen, und gab mir den Raum, traumatisiert sein zu dürfen.

ZEIT ONLINE: Nach ihrem Studium und ihrer Promotion haben Sie eine akademische Laufbahn eingeschlagen und seitdem als Dozentin und Professorin an verschiedenen amerikanischen Hochschulen gelehrt, unter anderem in Yale. Wie sind Sie damit umgegangen, plötzlich vor Dutzenden Menschen stehen zu müssen, die Sie und natürlich auch Ihren Körper anschauen?

Roxane Gay: Das war eine große Herausforderung, aber ich liebe es, zu unterrichten. Ich war am Anfang sehr unsicher. Andere Menschen unterrichten zu müssen, ist eine furchteinflößende Angelegenheit. Man muss die Rolle der Expertin ausfüllen können und Autorität wahren. Gleichzeitig ist man aber auch ein Mensch, der verletzlich ist und Angst hat. Das interessiert die Studierenden natürlich nicht. Man muss also eine gute Balance finden zwischen den eigenen menschlichen Regungen und Zweifeln und der Arbeit als Dozentin. Was mir dabei hilft, ist die Gewissheit, dass ich zu Recht vor einer Klasse stehe und diesen Platz verdient habe. 

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben sich als fette, bisexuelle Person of Color. Sie passen in mehreren Hinsichten nicht in öffentliche und konventionelle Maßstäbe. Bestimmt Diskriminierung ihren Alltag?

Roxane Gay: Alle drei Aspekte sind Teil meiner Identität und lassen sich auch nicht voneinander trennen. Sie machen mich zu gleichen Teilen angreifbar. Natürlich werde ich immer marginalisiert, aber ich laufe nicht die ganze Zeit mit diesem Bewusstsein durch die Welt. So funktioniert mein Kopf nicht. Ich will und kann meinen Alltag nicht von Vorurteilen bestimmen lassen. Sonst würde ich ja zu gar nichts kommen. Ich glaube, es ist auch nicht besonders gesund, sich als Opfer zu stilisieren. Trotz all der Marginalisierungen und Diskriminierungen, die ich erlebt habe, bin ich extrem privilegiert und es ist wichtig, diese Privilegien anzuerkennen.

ZEIT ONLINE: Der weibliche Körper dient seit eh und je als Projektionsfläche. Trotzdem gibt es Unterschiede. Inwieweit wird der Körper einer Frau of Color anders behandelt als der Körper einer weißen Frau?

Roxane Gay: Der Körper von Frauen of Color wird definitiv anders behandelt. Oft werden unsere Körper übersexualisiert. Oder wir werden wie Mammies behandelt. (Anm. d. R.: "Mammies" sind ein amerikanisches Stereotyp für schwarze Frauen, die in einer weißen Familie arbeiteten und die Kinder der Familie pflegten. Diese Mutterfigur ist in der Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten stark verwurzelt.) Wir gelten als nicht relevant und unsichtbar. 

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch ringen Sie noch mit der Entscheidung, sich einer Sleeve-Gastrektomie zu unterziehen und einen Teil ihres Magens entfernen zu lassen. Im Januar 2018 haben Sie sich schließlich operieren lassen. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Roxane Gay: Ich habe sehr viel Gewicht verloren und kann mich ganz anders durch die Welt bewegen. Diese Erfahrung hat mir die Augen geöffnet.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Roxane Gay: Ganz einfach: Ich kann mehr unternehmen und am öffentlichen Leben teilhaben. Ich passe buchstäblich in mehr Orte und Räume. Das ist eine tolle Erfahrung und ich bereue die Entscheidung überhaupt nicht.

ZEIT ONLINE: Hat Ihr Erfolg als Autorin auch dazu beigetragen, glücklicher zu werden?

Roxane Gay: Schreiben ist zuallererst mein Beruf. Aber es macht mir natürlich trotzdem Freude, erfolgreich zu sein. Ich liebe meine Arbeit und bin sehr glücklich, dass ich Bücher schreiben kann, die sich verkaufen und anerkannt werden. Das Tolle am Schreiben ist außerdem, dass man sich immer neue Ziele setzen kann. Ich habe noch so viele Ambitionen.

Jede Frau ist "kompliziert"

ZEIT ONLINE: Ihr vorletztes Buch, eine Sammlung von Kurzgeschichten, hieß Difficult Women. Wer oder was sind denn "komplizierte Frauen"? 

Roxane Gay: Jede Frau, die selbstständig denkt, unabhängig, menschlich und fehlerhaft ist, und sich traut, all diese Eigenschaften zu zeigen, ist eine komplizierte Frau. Das kennen wir doch alle: Jedes Mal, wenn eine Frau etwas Unerlaubtes tut oder unerwartet Aufmerksamkeit auf sich zieht, heißt es: "Schaut mal, wie kompliziert die ist." Dabei ist sie in Wahrheit nur sie selbst. Ich würde mich selbstverständlich auch dazuzählen.

ZEIT ONLINE: Das erste Buch, für das Sie sehr viel Aufmerksamkeit bekommen haben, hieß Bad Feminist. Sind Sie auch noch eine schlechte Feministin? 

Roxane Gay: Ja klar! Aber damit wollte ich vorführen, wie wir über Feminismus und Frauen nachdenken. Viele haben extrem hohe feministische Ansprüche, aber wir sind eben auch Menschen, sind unvernünftig und machen Fehler. Auch das muss man anerkennen. Umso älter ich werde, um so besser werde ich als Feministin. Das liegt aber vor allem daran, dass ich mir den Raum gebe, Fehler machen zu dürfen.

ZEIT ONLINE: Die meisten Frauen, das belegen Studien immer wieder, sind mit ihrem Körper nicht zufrieden. Haben Sie einen Vorschlag, wie man diese negative, oft verzerrte Wahrnehmung verändern könnte?

Roxane Gay: Wir müssen die Männer loswerden. 

ZEIT ONLINE: Meinen Sie das ernst? Wäre diese Welt ihrer Meinung nach tatsächlich besser, wenn Sie von einem Matriarchat regiert werden würde? 

Roxane Gay: Ach, das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Aber Männer haben diese Welt mehr als 2.000 Jahre lang regiert und es in dieser Zeit geschafft, die Welt in den Ruin zu treiben. Ich glaube nicht, dass Frauen alles besser machen würden. Das ist ein Trugschluss. Auch Frauen haben sich den patriarchalen Strukturen angepasst und vertreten lieber die Interessen des Patriarchats als ihre eigenen. Aber es wäre einen Versuch wert. Wir Frauen haben ja nie die Gelegenheit bekommen. Im Idealfall würden wir natürlich einen Weg finden, bei dem Männer und Frauen zusammen regieren und führen könnten. In Deutschland ist seit Längerem eine Frau an der Spitze, das ist toll. Aber in Amerika warten wir vergeblich auf so eine Chance und ich hoffe wirklich sehr, dass wir irgendwann endlich anfangen, Frauen mehr zuzuhören.  

ZEIT ONLINE: Nächstes Jahr finden in den USA Präsidentschaftswahlen statt. Gibt es eine Frau, die Sie als Kandidatin vorschlagen würden?

Roxane Gay: Ich verfolge seit Längerem die Arbeit von Stacey Abrams. Sie hat noch nicht verkündet, ob sie antreten wird, aber ich hoffe es wirklich sehr. Sie ist toll. Und ich bin sehr beeindruckt von Elizabeth Warren. Sie ist eine gute und sehr durchdachte Politikerin, die seit Jahrzehnten sehr hart arbeitet. Sie ist keine perfekte Kandidatin, aber ich suche auch nicht mehr nach einer perfekten Kandidatin. Ich suche nach jemandem, der den Schaden, den Donald Trump den Vereinigten Staaten zugefügt hat, rückgängig machen kann. Der dieses Land gut führt und sicherstellt, dass die Bedürfnisse aller Amerikanerinnen und Amerikaner berücksichtigt und adressiert werden, nicht nur die von reichen, weißen Männern.