Warum tue ich mir das an?

Als mich kürzlich ein Freund besuchte, fiel mir auf, wie grundlegend sich die Kultur verändert hat, wie wir Gäste begrüßen. Früher war es an mir, als Gastgeber die Einstiegsfrage zu stellen: Möchtest du ein Glas Wasser, einen Kaffee? Brauchst du einen Aschenbecher? Heute ist es der Gast, der die erste Frage stellt. Panisch, hektisch, bis in die Haarspitzen voll mit dem Stresshormon Cortisol: "Kann ich mein Handy bei dir laden?" 

Wie sind wir an diesem Punkt gelandet?, frage ich mich in solchen Momenten. Laptops, Smartphones und Tablets waren Versprechen auf die Zukunft: überall arbeiten, Filme schauen, Musik hören, Bücher lesen. Wir kauften, weil wir Freiheit wollten. Was wir bekamen, waren neue Abhängigkeiten.

Neulich zum Beispiel habe ich mir ein neues Smartphone geleistet. Es hat 600 Euro gekostet, der Akku hält trotzdem nur acht bis zehn Stunden. Pro Euro Kaufpreis bekomme ich nicht mal eine Minute Akkulaufzeit. Deshalb besorgte ich mir zwei Powerbanks, Mitnehm-Akkus, eine für kurze und eine für lange Reisen. Leute wie ich, die früher in Physik durchgefallen sind, reden plötzlich über Milliamperestunden-Werte ihrer Powerbanks, als wären es Aktienkurse, die über den Aufstieg und Fall unseres Depots entscheiden.

Als nächstes stellte ich fest, dass meine alten Kopfhörer nicht mehr in mein neues Telefon passten. Weil es nicht über einen Kopfhörereingang verfügt. Um Musik zu hören, musste ich einen Adapter kaufen. Gleichzeitig Musik hören und Handy laden geht trotzdem nicht. Weil da nur genau dieser eine Slot ist, um überhaupt etwas anzukabeln.

Mobile and Internet Dependency Syndrome. Das klingt, als wäre es ernst

Wenigstens, dachte ich lange, sind Batterien nahezu vollends aus meinem Leben verschwunden. Ihren Platz haben Lithium-Ionen-Akkus eingenommen. Doch hielt einst so ein Viererpack AA-Batterien in einer Digitalkamera über mehrere Wochen, muss ich meine Lithium-Ionen-Akkugeräte täglich aufladen. Manchmal sogar mehrmals. Ich befürchte, ich leide mit knapp 30 schon an einer digitalen Frühvergreisung: Die Technik will nicht so, wie ich will.

Ständig seine Geräte zu laden, ist – natürlich – eine Vermeidungsstrategie. Man möchte vermeiden, dass die Geräte unbenutzbar werden, weil ihnen der Saft fehlt. Einige Forscher sprechen dabei von Nomophobie, der Angst davor, nicht mobil erreichbar zu sein. Nomophobie – das klingt nach einem harmlosen Spleen. Andere Forscher sprechen von Maids: Mobile and Internet Dependency Syndrome. Das klingt, als wäre es ernst. Und zwar so richtig.

Besonders schlimm äußert sich Maids unterwegs. Wer oft mit dem ICE fährt, kennt diese passiv-aggressiven Kämpfe um die eine einzige Steckdose zwischen den Sitzen: "Entschuldigen Sie", sagen die iPad-Highperformer mit angeschlossenen Tastaturen und Bluetooth-Kopfhörern. "Brauchen Sie die Steckdose noch lange? Sie wissen ja." Der Akku, schon klar.

Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, schleiche ich nach ein paar Stunden durch Bars oder Cafés, auf der Suche nach Strom – und muss am Ende mitleidig am Tresen fragen: Darf ich bitte, bitte, bitte mein Handy laden? Ich bestelle auch doppelt so viel, wie ich eigentlich wollte.

Schon im Jahr 2009 versuchte sich die Europäische Union daran, das Akkuzubehör- und Kabelproblem zu entwirren. Der damalige Industriekommissar Günter Verheugen wollte die gut 30 am Markt erhältlichen Ladestecker in Europa vereinheitlichen. Heute, zehn Jahre später, lassen sich tatsächlich fast alle Smartphones per Micro-USB-Anschluss laden. Alle – außer die des Marktführers: Apple

Ich habe mich ausgerechnet vollends an diese Firma gekettet. iPhone, iPad, MacBook: die heilige Dreifaltigkeit des ach so postmaterialistischen Medienprekariats. Wegen meiner Komplettabhängigkeit musste ich mir das ultimative Zubehör besorgen. Das Ding ist gut einen Meter lang, es sieht aus wie eine mehrsträngige Peitsche. An den Enden: Adapter für Mini USB, USB Micro, USB C, Lightning. Ich kann jederzeit alles aufladen, was in meinen Haushalt geladen werden muss. Aber ich muss dafür diese Peitsche in die Hand nehmen. Als wäre es eine Neunschwänzige Katze, mit der ich mich selbst geißele, weil ich der Meinung war, noch mehr Produkte vom reichsten Unternehmen der Welt kaufen zu müssen. 

Wie schlimm soll das noch werden, wenn der letzte Diesel verschrottet ist und nur noch Elektroautos durch die Gegend fahren – die alle paar Kilometer an die Säule müssen? Wenn Schuhe über stromgetriebene Räder verfügen mit denen man rollen statt laufen kann? Wenn wir Virtual-Reality-Kontaktlinsen tragen werden? Aber noch spannender als die Zukunft ist der Blick zurück: Wie ist das eigentlich so schlimm geworden?

Ein Werkzeug zum Sich-selbst-Belügen

Es gibt bei Google eine Funktion, mit der sich nachverfolgen lässt, wann welcher Begriff zum ersten Mal massenhaft gesucht wurde. Quasi eine Instant-Archäologie der neuesten Neuzeit. 

Sucht man so nach "Powerbanks", erfährt man: Der erste nennenswerte Anstieg ist erst zum Weihnachtsgeschäft 2014 verzeichnet. Vorher waren Powerbanks in Deutschland offenbar gänzlich unbekannt. Danach geht es steil bergauf – bis zum absoluten Peak im Sommer 2016. Da erschien das Handyspiel Pokémon Go. Hunderttausende jagten kleine Monster in deutschen Parkanlagen und turboentleerten dabei ihre Akkus. Der Heilsbringer war die Powerbank. Strom! Immer und überall verfügbar!

Seitdem, auch das lässt sich in der Google-Statistik ablesen, peakt der Suchbegriff "Powerbank" besonders zuverlässig zu Weihnachten. Man könnte meinen, die Powerbank hat das Hygienepaket (Duschgel, Shampoo, Conditioner), die sogenannte "gute Flasche Wein" oder den IKEA-Gutschein als Kann-man-immer-brauchen-Geschenk abgelöst. 

Und dann ist da noch der globaler Megatrend sharing economy. Teilen statt besitzen. In Hamburger und Berliner Kiosken lassen sich Powerbanks mieten. Man zahlt eine kleine Gebühr, hinterlegt einen Pfand und kann die Powerbank nach Benutzung in einem anderen Kiosk zurückgeben – die alte Strategie, mit der Apple zum wertvollsten Unternehmen der Welt geworden ist: Schaffe bei deinen Kunden ein Bedürfnis, von dem sie nie geahnt hätten, dass es ein Bedürfnis sein könnte.

Die Gefahren von Powerbanks werden lieber verdrängt. Dabei sind sie sehr real

Auch die Outdoor-Welt wird zunehmends erschlossen. Es gibt Jacken, die man per Powerbank beheizen kann und portable Grills, die Steaks mit Strom durchbraten. Die Powerbank ist heute das, was einst der Generator war. Nur im Hosentaschenformat. Und ein Werkzeug zum Sich-selbst-Belügen, wie wahnsinnig praktisch die Welt geworden ist. Die Gefahren von Powerbanks werden lieber verdrängt. Dabei sind sie sehr real.

Im Mai 2015 explodierte eine Powerbank in einem Stuttgarter Hotel. Im April 2018 explodierte in Bad Freienwalde an der Oder eine Powerbank in einem Wohnhaus. Im Juni 2018 zeichneten Sicherheitskameras in China auf, wie das Gerät eines Fahrgasts in seinem Rucksack in Flammen aufgeht. Im März 2018 rief Amazon die Powerbank-Eigenmarke zurück: Brandgefahr. Im März 2019, wieder in Stuttgart, legte eine qualmende Powerbank den Nahverkehr lahm.

Manchmal frage ich mich: Wer kontrolliert hier wen? Der Mensch die Maschine? Oder ist es längst andersherum? Ich kann akzeptieren, wenn ein Mitmensch schneller laufen kann als ich oder besser kochen. Selbst anderen Journalisten, die schmissige Texte schreiben, begegne ich eher bewundernd als missgünstig. Rein kompetitiv bin ich mit mir und meiner Umwelt im Reinen. Ich weiß, was ich kann und was nicht. Aber! Meine Geduld an Gegenstände zu verlieren, wenn menschliches Versagen keine Ursache, sondern die Folge technischen Versagens ist – das ist für mich die größte alltägliche Demütigung.

Also: Warum tue ich mir das an?

Womöglich liegt die Milde gegenüber der Technik an einer zutiefst menschlichen Empfindung: Mitleid. Wenn mein Telefon seine Akkuwarnung ausspuckt, gesteht es mir gegenüber die eigene Unzulänglichkeit. Es sagt: Ohne externes Zubehör bin ich wertlos. Ich unterliege einem spontanen Vaterkomplex: Wie ein Baby seine Flasche will, will mein Telefon seinen Strom. Darin liegt etwas sehr Niedliches, Schützenswertes. Zärtlich drücke ich das Ladekabel in mein Telefon. Als wäre es eine invertierte Nabelschnur. 

Und doch – neulich wäre ich wirklich fast ausgerastet wegen des ganzen Akku-Wahnsinns. Ich besuchte einen alten Freund. Wir wollten was trinken gehen, in unsere alte Stammkneipe, wo man noch Bier trinken kann wie früher. Und rauchen. Nur unsere Abfahrt verzögerte sich um eine Stunde: Ich musste warten, bis mein Freund seine E-Zigarette aufgeladen hatte.