Ich möchte nicht wissen, wie es sich anhört, wenn ein Mensch aus zwölf Metern Höhe auf den Boden klatscht. Deshalb klettere ich an diesem Abend in München erst mal nicht selbst, sondern mache mich bei den beiden Jungs neben mir unbeliebt.

"Alles voll easy", hat der eine noch vor wenigen Minuten behauptet. Er hat das Seil ins Sicherungsgerät eingefädelt und es seinem Partner an den Gurt geklippt. "Hier rein, da raus." Ohne dass sein Kletterpartner das Sichern danach auch nur einmal geübt hätte, war er zur Kletterwand gerannt und die ersten Meter hochgejagt, wo er das Seil falsch herum in die erste Zwischensicherung hängte. Sein Partner am Boden zog mit zitternden Händen am falschen Ende des Seils. Würde der Kletterer jetzt fallen, würde das Seil durch das Sicherungsgerät, das hilft, den Seillauf zu kontrollieren, rauschen und er ungebremst auf den Boden fallen. Im schlimmeren Fall würden durch den plötzlichen Zug zusätzlich die Finger seines Partners ins Sicherungsgerät gezogen und zerquetscht werden. Ich klettere seit zehn Jahren und sehe mich gezwungen, einzugreifen. 

Am liebsten würde ich die beiden anschreien. Stattdessen rufe ich zum Kletterer: "Komm doch lieber mal runter", und helfe seinem überforderten Partner beim Ablassen. Während meiner Zeit als Jugendleiterin im Sportklettern habe ich die Erfahrung gemacht, dass es in Gefahrensituationen besser ist, ruhig zu bleiben. Als der Typ wieder Boden unter den Füßen hat, erklärt er mir, dass sein Partner schon ein paarmal bouldern war. Ich fasse es nicht. Wie kann man ernsthaft glauben, dass Bouldern, das ungesicherte Klettern in bis zu drei Metern Höhe, zum Sichern eines Kletterers qualifiziert?

Das hier ist kein Fitnessstudio

Seit einigen Jahren ist Klettern eine Trendsportart. Während die Szene in den Achtzigerjahren hauptsächlich aus Bergsportfreaks bestand, die an Felsen in der Natur kletterten, gibt es heute in fast jeder größeren deutschen Stadt eine Kletterhalle. Der Deutsche Alpenverein gibt an, dass zwischen den Jahren 2000 und 2018 jedes Jahr im Schnitt 18 neue Kletteranlagen eröffneten. Mittlerweile sind es rund 500. 

Eigentlich finde ich es super, dass Klettern populärer wird, dass es immer mehr Menschen gibt, die dieser Sport genauso fasziniert wie mich. Dank des Booms konnte ich trotz meiner vielen Umzüge in den letzten Jahren in jeder neuen Stadt eine Kletterhalle finden. Und manchmal träume ich davon, als Reporterin aus Tokio zu berichten, wenn Klettern nächstes Jahr olympisch wird. Nur eines nervt mich an dem Trend: Ich habe immer mehr Begegnungen mit Kletterern, die ihre Fähigkeiten überschätzen.

Immer wieder treffe ich Neulinge, die die Kletterhalle als Fitnessstudio der anderen Art sehen, es nicht für nötig halten, das Sichern in einem Kletterkurs zu lernen, und dadurch sich und andere in Gefahr bringen. Der Boom zieht einen neuen Typus Sportler in die Kletterhallen: den Hypekletterer. Er ist zu cool dafür, sich mit der Sicherungstechnik auseinanderzusetzen. Wie der Kerl, der seinen Klettergurt wie Baggypants über den Hintern hängen ließ, obwohl er auf der Hüfte sitzen muss. Oder wie der Segler, der sich mit einem Doppelknoten ins Seil einbinden wollte, weil er ja wisse, was er einem Knoten zumuten könne. Mich nervt vor allem die Einstellung, mit der der Hypekletterer die Halle betritt: Er möchte performen und dabei natürlich instagramable sein. Wie der Kerl mit der GoPro auf dem Kopf, der so darin vertieft war, das beste Bildmaterial zu liefern, dass er nicht merkte, wie er die Route einer anderen Kletterin kreuzte.