Natürlich fasziniert Klettern auch durch Adrenalinkicks. Die entstehen aber durch das Austesten und Ausreizen der eigenen physischen und psychischen Grenzen – nicht durch das Risiko, dass die Sicherung versagt. Schaffe ich den letzten Zug einer schweren Route trotz zitternder Muskeln, ist das ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Einen solchen Moment kann ich nur genießen, wenn ich die Gewissheit habe, dass meine Kletterpartnerin routiniert und erfahren ist. Nur deshalb gehe ich das Risiko ein, von der Wand zu fallen.

Anders als beim Joggen oder im Fitnessstudio kann man beim Klettern sterben. Natürlich passiert das nur selten. 2017 zählte der Deutsche Alpenverein 177 Unfälle in Kletterhallen, keiner davon endete tödlich. Wenn man sich mit den Risiken des Kletterns auseinandersetzt und richtig sichert, ist Klettern ein ungefährlicher Sport. Die Ursache für die meisten Kletterunfälle ist menschliches Versagen und nicht Materialschwäche. So waren die Gründe für die Unfälle im Jahr 2017 laut Unfallstatistik des Deutschen Alpenvereins zum Beispiel: Kletterer hat sich überschätzt, großer Gewichtsunterschied zwischen Kletterer und Sicherer oder das Auslassen einer Zwischensicherung, der sogenannten Exe. 

Als Anfänger klettert man im Toprope. Das bedeutet, dass das Seil am Ende der Kletterroute durch einen Karabiner läuft. Die Person an der Wand kann sich ganz aufs Klettern konzentrieren, allein ihr Partner ist mit dem Sichern beschäftigt, indem er das Seil durchs Sicherungsgerät nachzieht. Erst wer routiniert im Toprope sichern und klettern kann, kann in einem Kurs die Vorstiegstechnik lernen.

Ich will in Ruhe klettern

Beim Vorstieg ist das Seil zu Beginn nur am Gurt der Kletterin befestigt. Beim Klettern hängt sie es dann alle paar Meter in Zwischensicherungskarabiner ein. Die sichernde Person wechselt währenddessen zwischen zwei Sicherungsmodi hin und her, mal gibt sie Seil, mal zieht sie es nach. Stürzt die Kletterin zwischen zwei Zwischensicherungen, kann sie einige Meter tief fallen, ehe das Seil ihren Sturz auffängt. Durch die Wucht kann die sichernde Person in die Luft gezogen werden. Damit bei einem solchen Sturz kein Unfall passiert, muss die sichernde Person beide Modi präzise beherrschen und wissen, wie sie sich mit den Füßen an der Wand abfedern kann, falls sie nach oben gezogen wird. 

Dass der Hypekletterer in München seinen Anfängerfreund im Vorstieg sichern lassen wollte, war ein bisschen so, als hätte er von einem Nichtschwimmer verlangt, eine 25-Meter Bahn im Kraulstil zu schwimmen. Da es in Kletterhallen keine Bademeister gibt, mische ich mich ein, wenn sich neben mir jemand in Gefahr begibt. Damit mache ich mich nicht immer beliebt. Hypekletterer mit dicken Pumpermuskeln haben es nicht gerne, von einer zierlichen Frau korrigiert zu werden. Dabei ist die Situation auch für mich unangenehm. Nach einem anstrengenden Arbeitstag komme ich nicht in die Halle, um den Klugscheißer zu spielen. Ich will in Ruhe klettern.