Er war ein junger Teenager, als in seiner Heimatstadt Welkom die Apartheid endete. Jahre später, während seines Fotografiestudiums in Kapstadt, entdeckte Lebohang Tlali schließlich einen Bildband des Niederländers Ad van Denderen. Plötzlich gab es echte Bilder zu seinen Erinnerungen an diese gewaltvollen frühen Neunzigerjahre. Es begann ein enger Austausch zwischen dem Südafrikaner und dem Niederländer. 2017 kehrte die beiden Fotografen für das Buchprojekt "Welkom Today" gemeinsam zurück. Im Interview erzählt Lebohang Tlali, was die Stadt und ihre Bewohner heute auszeichnet, wie die nächste Generation mit der Vergangenheit umgeht und welche Konflikte sich – auch fast dreißig Jahre nach dem Ende der Apartheid – nur schwer lösen lassen.

ZEIT ONLINE: Herr Tlali, Ihr neuestes Buchprojekt erzählt die Geschichte der südafrikanischen Stadt Welkom seit dem Ende der Apartheid. Wie würden Sie die Stadt heute beschreiben?

Lebohang Tlali: Welkom ist etwa 70 Jahre alt und eine der jüngsten Städte in Südafrika. Sie wurde um eine Goldmine gebaut und ihr Ursprung ist die Farm Welkom der Familie Oppenheimer. Als das Gold entdeckt wurde, gab es die Apartheid schon, deshalb entspricht die Struktur der Stadt bis heute der damaligen Rassentrennung: Es gibt ein Zentrum, Townships für die schwarze Bevölkerung und Nachbarschaften für die weißen Bewohner und es gibt das Umland, wo einst die billigen Arbeitskräfte aus Mosambik oder Lesotho, die in den Goldminen arbeiteten, in sehr einfachen Unterkünften lebten. Das Besondere an Welkom: Es gibt nur eine Ampel. Dafür aber sehr viele Kreisverkehre und lange, breite Straßen. Es ist eine grüne und flache Stadt. 

ZEIT ONLINE: Sie sind in Thabong, einer Township von Welkom, aufgewachsen. Anfang der Neunzigerjahre, als die Proteste und gewaltsamen Unruhen das Leben in Welkom bestimmten, waren Sie 12 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Tlali: Ich war damals in der Grundschule und kurz davor, auf die Highschool zu wechseln. Ich war ein sehr strebsamer und disziplinierter Junge. Ich habe die Schule sehr ernst genommen. Durch die Unruhen und das angespannte politische Klima musste die Schule oft ausfallen. Mir wurde früh bewusst, dass es in unserer Gesellschaft überall Gewalt und Kriminalität gibt. Ich glaube, wir haben aus dieser Zeit alle Narben davongetragen, die nur sehr langsam heilen. Auch wenn wir gar nicht direkt betroffen waren, haben wir das Leid ja jeden Tag mitbekommen, haben dabei zusehen müssen, wie Mitschüler oder Nachbarn plötzlich von der Polizei verhaftet und geschlagen wurden.

Lebohang Tlali, geboren 1978, wuchs in Thabong, einer Township von Welkom, auf. Er hat an der Michaelis School of Fine Arts in Kapstadt studiert und ist seitdem als Fotograf und Kurator international tätig. Zurzeit lebt er in Finnland. © Ad van Denderen

ZEIT ONLINE: Wie hat man in Ihrer Familie über die politische Situation gesprochen?

Tlali: Meine Großmutter hat mit meinen Geschwistern und mir sehr viel über Apartheid und das System, in dem wir leben, gesprochen. Sie hat immer betont: Wir sind unschuldig. Wir werden aufgrund unserer Hautfarbe unterdrückt. Dafür sind weiße Männer, die in der Regierung sitzen, verantwortlich.

ZEIT ONLINE: Der niederländische Fotograf Ad van Denderen und die Autorin Margalith Kleijwegt waren Anfang der Neunzigerjahre ebenfalls in Welkom und haben den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner in den letzten Tagen der Apartheid festgehalten. Daraus ist das Buch Welkom in Suid-Afrika mit Interviews und Fotos entstanden. Sie haben erst Jahre später von dem Buch erfahren. Wie kam das? 

Tlali: Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass Ad van Denderen damals in Welkom war. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir aneinander vorbeigelaufen sind. Er hat genau dort fotografiert, wo ich gelebt habe. Erst als ich nach Kapstadt gegangen bin, um Kunst und Fotografie zu studieren, habe ich das Buch eines Tages in der Bibliothek entdeckt. Ich war ziemlich schockiert.

ZEIT ONLINE: Was dachten Sie, als Sie das Buch zum ersten Mal in den Händen hielten? 

Tlali: In dem Buch waren mein Mathelehrer und mein Nachbar abgebildet, die Straßen meiner Kindheit und die Realität, in der ich aufgewachsen bin. Es war einfach sehr eigenartig, dass jemand mein Leben festgehalten hatte, ohne dass ich etwas davon wusste. Wir in Welkom hatten ja nur Worte, um das zu beschreiben, was im Kampf gegen die Apartheid passiert war, aber auf einmal gab es auch Bilder. Als junger Fotografiestudent hatte ich gerade erst begriffen, wie wichtig Fotos als Zeitdokumente sind und wie viel sie dazu beitragen können, Menschen und Geschichten einzufangen.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit 15 Jahren selbst angefangen, zu fotografieren. Was haben Sie fotografiert?

Tlali: Ich habe hauptsächlich meine Familie auf Geburtstagsfesten fotografiert. Bei mir gab es keine politische Botschaft wie bei Ad van Denderen. Ich bin nicht einfach auf die Straße gegangen, um Fotos zu machen. Es musste schon einen Anlass oder Nutzen geben. Wir hatten nicht viel Geld zu Hause und Filme waren teuer. Die Kamera gehörte auch nicht mir, sondern meiner älteren Schwester. Ich war natürlich sehr neidisch und habe sie mir so oft wie möglich ausgeliehen. 

ZEIT ONLINE: Mittlerweile arbeiten Sie als Fotograf und Kurator vor allem in Europa. Welkom scheint Sie aber nicht loszulassen. Für Ihr neuestes Buchprojekt Welkom Today haben Sie nun mit Ad van Denderen und Margalith Kleijwegt kooperiert und sind noch einmal gemeinsam in die Stadt zurückgekehrt. Was war Ihr Anliegen?  

Tlali: Mir war klar, dass ich wahrscheinlich der Einzige aus Welkom war, der das ursprüngliche Buch von Ad van Denderen kannte. Und ich wusste, dass ich dieses Buch endlich nach Welkom zurückbringen musste. Im Jahr 2014 habe ich Ad van Denderen dann einfach eine E-Mail geschrieben, in der Hoffnung auf Austausch. Ich wollte vor allem wissen, warum er kein Exemplar des Buchs in Welkom gelassen hatte.