Pack den Laptop ein – Seite 1

Das Paradies für Digitalarbeiter liegt etwa eine Stunde von Berlin entfernt in Klein Glien, einem 43-Seelen-Dorf bei Bad Belzig. Die Sonne malt Schatten auf die Wiese des Gutshofs, auf einem handgemalten Schild steht Coconat Workation Retreat. In der Mitte leuchtet hellgelb das Gutshaus mit Freitreppe, die Fenster sind geöffnet, drinnen sieht man Menschen an Laptops. Draußen unter einem knorrigen Baum sitzt Julianne Becker, eine der vier Gründerinnen. "Die Leute aus der Stadt sehnen sich nach Natur – gleichzeitig möchten sie effizient sein", erklärt sie. Im Coconat soll das gelingen. Während sie spricht, beobachtet sie ihre kleine Tochter, die in einem Brunnen badet. Becker lebt selbst nur ein paar Kilometer entfernt, meistens läuft sie zur Arbeit, an Kornblumen und Roggenfeldern vorbei.

Seit zwei Jahren lockt das Coconat gestresste Digitalnomaden aus der Stadt nach Brandenburg – tage- oder sogar monatsweise. Im Grünen sollen die Gäste endlich einmal konzentriert arbeiten können. Zu Hause fällt ihnen das offenbar schwer. Workation ist ein Trendkonzept, das zunächst durch die Tech-Industrie Auftrieb bekam: Warum sollten Menschen, die von überall arbeiten können, das nicht an schönen Orten tun? Und warum dann nicht auch gleich ein bisschen Urlaub machen? Das klingt zunächst einmal Paradox. Für Menschen in Berufen, deren Arbeit schon längst die Freizeit infiltriert hat, ist es das aber gar nicht. Bis jetzt lagen die typischen Reiseziele westlicher Laptop-Arbeiter eher fern: Rundreisen durch Bali oder Thailand, Arbeitstrips mit der Transsibirischen Eisenbahn oder Segeltörns nach Südamerika.

Zehn Euro am Tag

"Wir wollen zeigen", sagt Becker, "dass man für Workations nicht weit weg muss". Für Hauptstädter ist die Stadtflucht besonders einfach – und dabei billiger und umweltfreundlicher, als ein Trip nach Thailand. Zum Coconat kommt man aus Berlin mit dem öffentlichen Nahverkehr. Coworken kostet zehn Euro pro Tag, mit Übernachtung im Mehrbettzimmer und Vollpension sind es 33 Euro. Für manche ist das günstiger, als ihr Leben in der Stadt.

In den vergangenen zwei Jahren haben sich allein um Berlin fast zwei Dutzend Arbeitsorte angesiedelt. Das Coconat wurde mit EU-Geldern gefördert, weil das Gebiet als strukturschwach gilt. Mittlerweile ist der Ort international bekannt. Freiberufler, Akademiker oder Firmen strömen zum Coworken, für Konferenzen oder Workshops in den lichtdurchfluteten Bau, der mehr wie ein aufgeräumtes Hippie-Hostel wirkt, als ein ausgelagertes Büro. Der kleine Dorfladen im Foyer bietet Bambus-Zahnbürsten und lokale Kräutermischungen an, das Geld wandert in die Vertrauenskasse. Im Natursee auf dem Grundstück dümpelt eine Frau auf dem Floß, während im Haus ein internationales Team einen Visual-Recording-Workshop abhält und bunte Bilder auf große Papierbögen malt.  

Hilfe für strukturschwache Regionen

Klein Glien: Blick in den Innenhof des Coconat © Sina Pousset für ZEIT ONLINE

Bereits im ersten Jahr war das Coconat profitabel. 2018, so schätzt Becker, kamen mehr als 2.000 Menschen. Auch Mitarbeiter der Telekom, um nur eines von vielen deutschen Großkonzernen mit Sitz in der Hauptstadt zu nennen. Aber auch ausländische Teams kommen für Retreats der Firma oder Coaching-Sessions, mal für ein Wochenende, mal für ein paar Wochen. Manche fliegen durch mehrere Zeitzonen, um auf dem Brandenburger Land zu arbeiten. Wenn sie dann wieder zurückfliegen, haben sie Berlin nur aus der Luft gesehen. Becker muss lachen, als sie das erzählt. Für die Betreiberin ist der Hype um ihr Gutshaus scheinbar selbst etwas absurd.

Das Haupthaus hat Platz für knapp 50 Menschen, geschlafen wird in Mehrbett- oder Einzelzimmern. Ist die Scheune erst mal ausgebaut, kommen noch mal 50 Schlafplätze dazu. Im Garten stehen weiße Zelte, nebenan kann man seine eigenen Planen aufschlagen. Den Betreibern ist wichtig, verschiedene Preisklassen anzubieten. Sie glauben daran, dass die Diversität der Gäste die Kreativität des Einzelnen erhöht. Alle bekommen drei hausgemachte Mahlzeiten am Tag. Durch feste Essenszeiten will man den Coworkern eine gesunde Work-Life-Balance nahebringen, Pausen machen, abschalten. Wanderungen, Meditation und Yoga sollen entspannen und den Austausch zwischen den Gästen anregen. Auch sonst gibt es Dinge, die Städter auf dem Land vermissen könnten: Vegetarisches Essen, Hafermilch und stabiles Internet.

Abstand zum Alltag

Die Berliner Autorin Maike Stein ist zum dritten Mal zum Schreiben im Coconat. Sie sitzt auf einem Sessel in der Bibliothek und sieht entspannt aus, obwohl auf ihrem Laptop im Arbeitsraum nebenan eben noch der Curser blinkte. Das Gutshaus entdeckte sie durch Zufall vergangenen Winter beim Wandern. Mit Anfang Fünfzig gehört Maike Stein nicht zum klassischen Berliner Start-Up-Klientel. Sie ist auch nicht wegen der Landluft oder der internationalen Community hier. Vor allem schätzt Stein, dass ihr im Coconat der Rücken freigehalten wird. "Das Problem ist nicht die Großstadt, sondern der Alltag", sagt sie. Hier gibt es kein Telefonklingeln, keine Wäscheberge. Nur Arbeit.

Im Café bedient sich ein junger Architekt aus São Paulo gerade am Nachmittagsbuffet, es gibt Müsli, Brot und Gummibärchen. Er war fast einen Monat mit einem Erasmusprogramm hier. In ein paar Tagen geht es zurück – ungern, wie er sagt. Neben der sozialen Atmosphäre, liebe er die Ruhe, die es ihm ermöglichte "total effizient" zu arbeiten. "Hier ist es ganz anders, als zu Hause in São Paulo." Auch in Berlin wird es immer enger und teurer, was dazu führt, dass die Peripherie interessanter wird. "Viele haben den Traum, auf dem Land zu leben", erklärt Becker. Orte wie das Coconat machen das probeweise möglich.

Ein ganzes Dorf für Städter

Biesenthal: Vorbereitungen für die Eröffnungsfeier der Wehrmühle © Sina Pousset für ZEIT ONLINE

Die Webseite Kreativorte Brandenburg führt eine Liste moderner Arbeits- und Wohnprojekte im Bundesland. Hier kann man nachlesen, dass alle paar Wochen ein neues Projekt dazukommt. Sie heißen Haus des Wandels, Havelprater oder Uferwerk. Sie ziehen in verlassene Post- und Fabrikgebäude, in ausrangierte Gemeindezentren oder Kirchen. Die Ideen reichen vom einfachen Coworking-Café bis zum alternativen Aussteigermodell. In Wiesenburg unweit vom Coconat gründen Städter gerade ein ganzes Dorf.

"Auf dem Land ist Coworking gesellschaftlich relevanter, aber wirtschaftlich schwieriger", sagt Tobias Kremkau, Coworking Manager im Berliner St. Oberholz und Mitgründer des Instituts für Neue Arbeit (IfNA). Er steht in einem gläsernen Anbau einer Jugendstilvilla im Naturpark Biesenthal. Heute ist die Eröffnungsparty der Wehrmühle, dem neuen Coworking-Konzept des St. Oberholz. Das Café am Rosenthaler Platz in Mitte ist eine Berliner Institution, 2005 gehörte es zu den ersten Coworking-Spaces der Welt, bekannte Start-ups wie SoundCloud wurden hier gegründet. Jetzt erobert St. Oberholz das Land. Im Garten legt ein DJ elektronische Musik auf, einige Gäste baden im Fluss, der das Grundstück teilt. Das Café bietet ein auf Großstädter gemünztes Maß an Landleben: Blick ins Grün und dreierlei Milch für den Kaffee.

Trotz des Booms, ohne die großen Firmen, die ihre Mitarbeiter dutzendweise ins Grüne schicken, wäre das ländliche Coworking kaum zu finanzieren. Für den einzelnen Freiberufler ist der Weg zum Café um die Ecke eben doch näher. Ihn wollen die Betreiber der Wehrmühle deshalb abholen. Sie haben einen Shuttle vom Rosenthaler Platz eingerichtet, der ihre Gäste morgens aufs Land fährt und abends zurück. Digitalnomaden sind eben auch nur Pendler, wenn auch gegen den Strom.