"Man muss das erlebt haben, man kann es sich beim besten Willen nicht vorstellen." Das sagt Giusy, eine zierliche Genueserin, Mitte fünfzig, die vor einem Jahr miterlebte, wie die Morandi-Brücke einstürzte. Als Bewohnerin eines der Häuser unterhalb des Viadukts, wurde sie Zeugin, wie 43 Menschen in den Tod gerissen wurden. Kurz zuvor hatte sie zusammen mit ihrer Nachbarin Mimma auf dem Gehweg gehockt, um Unkraut zu zupfen. Gegen halb zwölf gingen die beiden Frauen in ihre Häuser, der Regen war heftiger geworden. Giusy will weitererzählen, da steigen ihr die Tränen in die Augen. Mimma übernimmt, erzählt, dass sie gerade habe duschen wollen, als sie dieses heftige Getöse hörte. "Ich riss das Badezimmerfenster auf und sah, wie die Brücke vor meinen Augen verschwand."

Es war der 14. August, 11.36 Uhr, als die viel befahrene Autobahnbrücke über den Fluss Polcevera einstürzte. Nach der Tragödie starrte ganz Genua wie gelähmt in den Abgrund, alle hofften, es sei nur ein Albtraum, aus dem sie bald wieder erwachen würden. Nun bereitet sich die norditalienische Hafenstadt auf den Jahrestag des Unglücks vor. Erzbischof Angelo Bagnasco wird am Ort des Geschehens eine Messe für die Opfer und die Hinterbliebenen zelebrieren. Italiens Premierminister Giuseppe Conte wird da sein und der Präsident Sergio Mattarella. Zusammen werden sie den Totenglocken lauschen, die in der ganzen Stadt um 11.36 Uhr läuten werden.

Betreten der Roten Zone verboten

Giusy und Mimma haben der Toten schon oft gedacht. Sie gehören zum Vorstand des Komitees der Opfer und Evakuierten, das sich gleich nach dem Unglück gebildet hatte. Seither haben sich die Mitglieder an jedem 14. des Monats bei der alten Eisenbrücke getroffen. Hinter dem Zaun beginnt die sogenannte Rote Zone, Betreten verboten. "Wissen Sie", sagt Giusy, "hier habe ich mein ganzes Leben verbracht." In einem der Häuser, das mittlerweile abgerissen wurde, ist vor einigen Jahren ihre Mutter gestorben. Und aus ihrer Wohnung, die es auch nicht mehr gibt, hat sie ihre Tochter im Brautkleid treten sehen. Am 4. Mai durften die Anrainer zum letzten Mal nach Hause, um verbliebene Habseligkeiten mitzunehmen.

Elf Monate haben die Genueser Seite an Seite mit den Brückenstümpfen gelebt, die sie tagtäglich an die Tragödie erinnerten. Dann, am Morgen des 28. Juni, wurden die letzten beiden Pfeiler gesprengt. Innerhalb von sechs Sekunden stürzten Tausende Kubikmeter Stahl und Beton in sich zusammen. Um diesen Moment zu erleben, waren viele Bewohner ins höher gelegen Stadtviertel Coronata gekommen. Heute ist hier oben nichts los, die Kirchenglocken läuten um 12.30 Uhr, ansonsten Stille. Der Anblick der Baustelle unten im Tal hat etwas Gespenstisches. Ein Niemandsland beiderseits des Flusses Polcevera, der die Stadt nun wieder entzweit.