Als ich ein Kind war, setzte mir meine Mutter alle paar Monate einen Kochtopf auf den Kopf. Ich musste den Topf festhalten, während sie eine Haushaltsschere aus der Schublade holte, mit der sie sonst Blumen kürzte oder fertig portionierten Streukäse öffnete. Dann schnitt sie mit der Schere einmal um meinen Kopf: ein klassischer Topfschnitt. Das war die Frisur meiner Kindheit. Und zu dieser Zeit wahrscheinlich die uncoolste Frisur der Welt. Wenn meine Mutter mir die neue Frisur vor dem Spiegel zeigte, wusste ich schon, dass ich am kommenden Tag in der Schule gedemütigt werden würden – für meinen "Pisspott-Schnitt", wie man damals nannte.

Die Beziehung zwischen meinen Haaren und mir entspannte sich deutlich, als ich zum ersten Mal von einem Profi die Haare geschnitten bekam. Das Loswerden des Pisspott-Schnitts war eine Art Unabhängigkeitserklärung. Ich fand es auch wunderbar, dass Friseure sich so für mich interessierten: In welcher Klasse bist du denn? Machst du gerade Abitur? Was studierst du? Was willst du damit machen, wenn du fertig bist? Und egal, was man antwortete, segnete der Friseur vollkommen unkritisch die eigenen Lebensentscheidungen ab. Die Selbstvergewisserung durch diese Gespräche ist weg, seit der Friseur und ich uns ignorieren.

Im Jahr 2015 wurde in Deutschland der Mindestlohn eingeführt. Friseure verdienen mittlerweile wenigstens einen halbwegs menschenwürdigen Lohn. Der Preis dafür, so scheint es, ist eine neue Diskretion beim Haareschneiden. Aber kann das sein? Ich rufe beim Zentralverband des Friseurhandwerks an.

Warum redet ihr nicht mehr mit uns?, klage ich die freundliche Dame aus der Pressestelle an. Sie verspricht, sich zu erkundigen. Ein paar Stunden später ruft sie wieder an, mittlerweile habe sie die Kollegen und Kolleginnen befragt, sogar ganz nach oben telefoniert, bis zum Präsidenten des Zentralverbands: Harald Esser, quasi Deutschlands Friseurpapst, habe ihr persönlich versichert: Friseure und Friseurinnen kommunizieren genauso viel und gern wie früher. Es liege immer an den Kunden. Wenn sie freundliche Signale senden, fängt der Friseur ein Gespräch an. Wenn nicht, werden sie vom Friseur in Ruhe gelassen. Nicht der Friseur oder die Friseurin hat sich also verändert, sondern ich. War ich früher den Friseuren zugewandt, bin ich offenbar unfreundlich geworden, kontaktvermeidend. Wahrscheinlich ist es so: Seit ich im Job stehe, seit mich Rechnungen quälen und Selbstzweifel, seit das Leben eben nicht mehr ausschließlich aus Vorfreude und Pläneschmieden besteht, seitdem muss sich mein Naturell irgendwie verhärtet haben. So wie Haarwachs, das man zu lang dringelassen hat. Diese Erkenntnis schmerzt mehr, als es ein versehentliches Stechen mit der Scherenspitze in die Kopfhaut je könnte.

Dass Kunden (wie ich) diese Sprachlosigkeit als seltsam empfinden, habe die freundliche Frau am Telefon außerdem noch nie gehört. Die Kunden, die sie kennt, sind schon längst einen Schritt weiter. Sie erwarten von Friseurläden heute, dass sie WLAN zur Verfügung stellen, damit sie sich mit YouTube oder Netflix ablenken können.

Das wäre also eine Lösung: zurückignorieren und beim Friseur die neue Staffel Queer Eye oder Stranger Things schauen. Die zweite wäre: die Flucht nach vorn. Neulich habe ich gelesen, dass der Topfschnitt, an dem ich früher zu leiden hatte, mittlerweile Bowl Cut genannt wird. Stars wie Rihanna oder Miley Cyrus haben ihn rehabilitiert. Sogar auf der diesjährigen Fashionshow der Luxusmarke Fendi trug jedes Model Bowl Cut. Das könnte meine Rettung sein: Schließlich lässt sich der Bowl Cut, wie ich aus meiner Kindheit kenne, zu Hause sehr einfach selbst erreichen. Am leichtesten und besten wäre aber sicher Folgendes: einfach mal selbst das Gespräch anfangen. Dann hätten sich auch die Lebenskrisen und die Angst vor vermeintlichen Riesenohren oder einem Eierkopf erledigt.