Kann man beweisen, dass es etwas nicht gibt? Eine hochphilosophische Frage. Seit Jahrhunderten bewegt sie Kleriker wie Okkultisten – und seit 25 Jahren auch eine ostwestfälische Stadt.

Denn: Bielefeld gibt es nicht. Diese Behauptung ist zu einem Klischee geworden, das auch alle kennen, die nie einen Fuß in Bielefelder Straßen gesetzt haben.

Wie es dazu kam? 1994 veröffentlichte ein Informatikstudent aus Kiel im Internet die Theorie, dass Bielefeld nicht existiert. Alle dem widersprechenden Hinweise, dass es die Stadt doch gäbe, seien Teil der sogenannten Bielefeldverschwörung. Die Bevölkerung werde geblendet und getäuscht von einer vermeintlich vorhandenen Stadt, die eigentlich nur etwas anderes, etwas Geheimes verberge. Alles, was als Bielefeld erscheine, sei Attrappe: Autos mit Kennzeichen BI ebenso wie der Halt am "Bielefelder" Hauptbahnhof.

Die Kanzlerin ist natürlich Teil der Verschwörung

Das war Satire. Der Student Achim Held war auf einer Studierendenparty in Kiel, die auch ein Gast aus Bielefeld besuchte. Ein anderer sagte zu dem Besucher aus Ostwestfalen-Lippe ungläubig: "Bielefeld? Das gibt's doch gar nicht!" Das hörte Held und kam auf die Idee, diese Aussage humoristisch weiterzuspinnen. Was, wenn es Bielefeld wirklich nicht gäbe? Held wollte mit seiner kruden Behauptung zeigen, wie lächerlich Verschwörungstheorien sind. Was er aber zeigte: Quatsch hält sich. Es ist nicht schwierig, Unwahrheiten so weit zu verbreiten, dass jeder über Ecken irgendwann schon einmal davon gehört hat. Sogar die Bundeskanzlerin sagte 2012 nach einem Besuch in Bielefeld (klar, dass die Regierung mit DENEN unter einer Decke steckt), sie habe den Eindruck, tatsächlich dort gewesen zu sein.

DIE, die Drahtzieher hinter der Verschwörung, sind übrigens die üblichen Verdächtigen: die CIA, der Mossad oder, auch klassisch, Aliens, die in einem als Universität getarnten Raumschiff leben. Eine alternative Deutung sieht in Bielefeld den Eingang zur versunkenen Stadt Atlantis.

Nun aber vorausgesetzt, die rund 340.000 Einwohnerinnen und Einwohner Bielefelds sind doch einfach nur gewöhnliche Stadtbewohner und keine Agenten – was macht man mit einer solchen Theorie? Im Fall der Stadt Bielefeld nutzt man sie für Marketingzwecke. Schon die 800-Jahr-Feier der Stadt 2014 stand unter dem Motto "Das gibt's doch gar nicht". Die Bielefeldverschwörung wurde in Romanen, Filmen und Theaterstücken aufgegriffen. Zum 25. Jubiläum der Bielefeldverschwörung hat die Bielefeld Marketing GmbH zusammen mit der Stadt Bielefeld einen Wettbewerb mit einem Preis von einer Million Euro für den oder diejenige ausgelobt, der oder die unwiderlegbar beweisen kann, dass es Bielefeld nicht gibt. Bis zum 4. September konnten Interessierte ihre schlüssigen Beweise einsenden.

Betrachtet man das Ausmaß der Teilnahme an diesem Wettbewerb, scheint die Beweislage gegen eine Existenz Bielefelds erdrückend zu sein: Mehr als 2.000 Einsendungen aus aller Welt gingen ein – auch aus den USA, Kanada, Japan und Indien. In Briefen, Bildern, Gedichten, handgezeichneten Comics, Kunstwerken und literarischen Aufsätzen wurde versucht, das Bielefeld-Problem zu lösen.

Allerdings wurde auf der Seite der Stadt Bielefeld schon vor der Auswertung des Wettbewerbs darauf hingewiesen, dass die Chancen auf den Hauptgewinn dünn sind: "Wir sind uns zu 99,99 Prozent sicher, dass wir jeden Beweis widerlegen können", war dort zu lesen. 

Das Universum ist unendlich, folglich gibt es Bielefeld nicht

Am diesem Mittag stellten Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen, das Bielefelder Stadtmarketing und der Verschwörungsschöpfer Achim Held dann das Ergebnis der Ausschreibung vor: Gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Forschern von der Universität Bielefeld und vom Stadtarchiv Bielefeld seien alle Beweise gesichtet und die teils komplexen Abhandlungen ausgewertet worden. Für ihre Beweise zogen die Teilnehmenden unter anderem historische Belege heran, etwa das Fehlen einer Stadtgründungsurkunde, die die tatsächliche Gründung der Stadt belegen könnte. Mathematisch versuchte ein Bewerber, die Nichtexistenz Bielefelds mit der unendlichen Größe des Universums zu beweisen, andere nutzten Effekte der Quantenmechanik, etwa das "Schrödinger-Backofen-Argument", angewandt auf Bielefeld.

Das Ergebnis: "Bielefeld gibt es – und wie!", sagte der Oberbürgermeister. Keinem der Teilnehmer sei es gelungen, einen Beweis für die angebliche Nichtexistenz Bielefelds zu finden. Als Trostpreis würden unter den Teilnehmenden Besucher-Wochenenden verlost.

Wir verabschieden uns von der Mär, dass es uns gar nicht gibt.
Pit Clausen, Oberbürgermeister von Bielefeld

Die wahren Gewinner des Wettbewerbes seien die Bielefelderinnen und Bielefelder, erklärte Clausen. Ein Gedenkstein in der Bielefelder Altstadt erinnere nun an die Verschwörung – und ihr Ende: "Nach 25 Jahren Bielefeldverschwörung haben wir Bielefelderinnen und Bielefelder dieser kuriosen Geschichte ein eigenes und spektakuläres Schlusskapitel gegeben. Darum nehmen wir uns jetzt das Recht zu sagen: Wir verabschieden uns von der Mär, dass es uns gar nicht gibt".

Keine große Überraschung, dass DIE das wollen.