Rita Grundmann konnte nie viel reisen. Sie wurde 1930 geboren und verbrachte den Großteil ihres Lebens in Leipzig, als Professorengattin, Hausfrau und Mutter von vier Kindern. Sie war in dieser Hinsicht keine gewöhnliche DDR-Bürgerin. (Gewöhnliche DDR-Bürgerinnen arbeiteten, halfen aktiv dabei, den Sozialismus aufzubauen, und kümmerten sich nebenbei um das Leben in den eigenen vier Wänden.) In den Ferien fuhr ihre Familie manchmal in FDGB-Heime im Erzgebirge oder in die Sächsische Schweiz. Einmal erstand Rita Grundmann, nach stundenlangem Warten vor einem Leipziger Reisebüro, Plätze in einem Heim an der Ostsee. Das war der Horizont des Möglichen.

Als 1989 die Mauer fiel, versprach die Wende Chancen, Selbsterfüllung und Aufbruch. Für Rita Grundmann blieben es Gedanken. Wenige Jahre nach dem Mauerfall starb sie, ohne etwas von der Welt gesehen zu haben. Sie war 68 Jahre alt und meine Großmutter.

Nach ihrem Tod wurden Schmuck und Meißner Porzellan unter den vier Geschwistern aufgeteilt. Übrig blieb das alte Haus im Leipziger Westen und ein einsamer Großvater. 1999 zogen meine Eltern, meine Schwester und ich schließlich zu ihm. Das Haus wurde renoviert und ihre Möbel durch unsere ersetzt. Die meisten Spuren ihres Lebens verschwanden, nur ein paar blieben, versteckt in kleinen Abstellkammern und dunklen Kellerräumen, wie dieser braune Koffer, den ich irgendwann durch Zufall fand.

In dem Koffer lagen Kleider meiner Großmutter aus drei Jahrzehnten. Sie rochen nach Geranien und süßer, feuchter Erde, genauso wie sie in meiner Erinnerung auch immer gerochen hatte. Ich hängte die Kleider auf Holzbügel in meinen Schrank und fing an, sie zu tragen. Sie passten meinem eigenartigen Teeniekörper, der noch nicht so recht wusste, wer er sein würde. Sie passen bis heute. Das ist wundersam und unheimlich.  

Manchmal glaube ich, die Kleider sind über die Jahrzehnte mitgewachsen, allein, um weiter mitreisen zu dürfen, wie in der amerikanischen Komödie Eine für 4. In dem Film teilen sich vier Freundinnen mit sehr unterschiedlichen Körpern einen Sommer lang eine Jeans, die wie durch ein Wunder allen passt. Mit der Hose im Gepäck reisen sie nach Griechenland, Mexiko und durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Geschichte von meiner Großmutter und mir könnte Eins für 2 heißen.

Meine Mutter sagt immer, den ostdeutschen Frauen würde ein Gespür für Mode fehlen. Das läge an der DDR. In der Deutschen Demokratischen Republik hätte man die Sache mit dem Anziehen nie richtig lernen oder entwickeln können. Es gab kaum Auswahl, man musste nehmen, was da war. Außerdem duldete das sozialistische Kollektiv keinen individuellen Stil. Wer auffiel, war auffällig. Wahrscheinlich hat sie recht. Ich war drei Jahre alt, als die Mauer fiel. Der Sozialismus wohnt in mir, zur Schau stellen musste ich ihn nie. Das ist das Glück der Wendekinder.

Die Kleider meiner Großmutter, die ich gefunden habe, erzählen aber auch eine andere Geschichte. Sie erzählen vom Mut zu Farbe, Cocktailpartys, zeitloser Eleganz, heißen Sommernächten, schmeichelhaften Silhouetten und exotischen Drucken, die Fernweh stillen können. Von jenem blumig-freien Geist der Sechziger- und Siebzigerjahre, der eigentlich an der Mauer hätte enden sollen. In der DDR, das sagen die Bilder in unseren Köpfen heute, sollte es doch grau sein, maximal hellblau. Meine Großmutter trug trotzdem hot pink.

Mein Lieblingskleid aus diesem Koffer ist schwarz, mit kleinen Blumen in Rot, Orange, Gelb und Rosa. Der Schnitt erinnert an einen Kimono: weite Ärmel, schmale, lange H-Linie. Meine Großmutter hatte sich das Kleid für die Hochzeit meiner Tante gekauft. Das war 1979, vor genau 40 Jahren. Es war ein verregneter Tag im August, 17 Grad. Sie muss etwas gefroren haben.

Als ich das Kleid vor einigen Wochen wieder einmal trug, war ich im Urlaub in Italien. Wir saßen auf der Via Augusto Righi in Bologna und aßen Tortelloni in brodo. Es war einer dieser kitschig-lauen Sommerabende. Er und ich komplett verknallt. Zwei lange Wochen lagen hinter uns. Wir waren mit dem Auto bis nach Sizilien gefahren, über Florenz, Rom, Neapel. Bologna war der letzte Stopp, bevor wir nach Berlin zurückkehren würden. An diesem Abend hatten wir das erste Mal Sehnsucht nach zu Hause. Wir wollten im eigenen Bett schlafen. Diese Sehnsucht ist ein Privileg, das auch nach fast 30 Jahren deutscher Einheit nicht selbstverständlich ist. 

Meine Großmutter konnte nicht nach Italien fahren. Sie war nie in Japan, um echte Kimonos anzuprobieren, oder in Amerika, wo jeder eine Jeans besitzt. Sie hat die Welt nie aus der Vogelperspektive gesehen oder unbeschwert ihre Grenzen übertreten.

Wenn ich ihre Kleider trage, ist sie bei mir, diese stilsichere, elegante Frau aus dem verschwundenen Land. Ich nehme sie mit, an all die Orte, die sie nie sehen durfte. Das schwarze, lange Kleid mit den bunten Blumen, dessen Saum nun dringend in die Schneiderei muss, war mit mir in New York, Nashville und Los Angeles, in Paris, Montpellier und Marseille, in London und sogar auf Bali und diesen Sommer in Italien. Und wie auf jeder Reise habe ich ihm, als wir – also das Kleid und ich – das erste Mal auf die Straßen von Bologna traten, zugeflüstert: Schau mal, schön hier, oder?