"Horst sagt immer, Angeln ist besser als Sex", erzählt Heinz Galling, als wir wieder am Schweriner Bahnhof ankommen. Und dass er das mit dem Sex erst erwähnt, als der Angelausflug schon hinter uns liegt, ist vielleicht ganz gut. Denn als Angel-Jungfrau hätte man das womöglich auch nicht verstehen können, wie er hier die Vorzüge des Fischereisports beschreibt: "Beim Angeln weiß man nie, was kommt, man kann es auch nicht beeinflussen ­­­­­­– Sex ja schon manchmal", erklärt Galling die Theorie, die eigentlich von seinem Freund Horst stammt. Und die wiederum führt zur Theorie der Autorin, dass man vielleicht verstehen muss, was Männer am Angeln finden, wenn man Männer generell verstehen will. Ist das so? "Bisschen ist das so vielleicht", sagt Galling und lacht dann ein bisschen leise. "Machen wir uns nix vor, Angeln ist schon eine Männerdomäne."

Heinz Galling ist Deutschlands berühmtester Angler. Also er und Horst Hennings. Die beiden sind die Stars der einzigen regelmäßigen Angelsendung im deutschen Fernsehen. Sie läuft sonntags im NDR. Sechs Folgen pro Staffel, in denen sie sich Gewässern in Norddeutschland nähern und sich von Einheimischen was über Watangeln und Elbzander erzählen lassen. Und eine Spezialsendung, in der sie weiter weg fahren, nach Norwegen oder Florida, um dort um die Wette zu angeln, gibt es auch. Mann gegen Mann und zusammen gegen den Fisch. Der ist zwar störrisch, oft schlau, hat einen feinen Geruchssinn, aber kann zumindest nicht widersprechen.

Rute raus, der Spaß beginnt! ist der Titel der Kult-Sendung, klingt nach BRD und Altherrenhumor und dann doch wieder so unschuldig. Die Idee dazu hatte Heinz Galling. Vor zehn Jahren hat er dem Programmdirektor einfach mal sein Konzept geschickt. Horst, der amtierende Europameister im Bootsangeln kam 2012 für die zweite Staffel dazu und blieb. Auch immer dieselben: Kameramann, Tonmann und Cutter. Galling ist Aufnahmeleiter und Regisseur in einer Person. "Man vertraut sich blind", sagt er und erzählt, dass sie sich auch "nicht zu schade" seien, mal zusammen im Doppelbett zu übernachten, um Kosten zu sparen.

Hier dürfen Männer scheitern

Die Sendung lebt von der Männerfreundschaft, davon, dass die beiden Angel-Fans sich kabbeln. So etwas kann man nicht spielen. Horst mag es wilder: auf rauer See angeln, Action, Abenteuer. Und er sei schnell mal beleidigt, wenn nicht er als Erster einen Fisch fängt, sagt sein Freund Galling. Der mag es nämlich ruhiger und bleibt auch meist ruhig, wenn nicht immer alles nach Plan läuft. Etwa wenn Horst die Böschung hinab stolpert oder Heinz samt Gummistiefel im Watt stecken bleibt. Hier dürfen Männer scheitern. "Manchmal passiert auch zehn Minuten gar nichts, wir zeigen Angeln, wie es wirklich ist." Ohne Erfolgsdruck und Social-Media-Show-Off.

Jetzt hat Galling noch ein Buch geschrieben. Auch übers Angeln, Die schönste Nebensache der Welt, wie der Untertitel behauptet. Und da wird man ja schon neugierig, was das mit diesem Massenhobby so auf sich hat. Und deswegen wartet er am Morgen am Bahnhof. Er trägt so Safari-artige Klamotten und fragt direkt nach dem "Moin", ob man besser "Du" sagen solle. Und so fahren wir duzend an den Fluss Warnow, wohin genau bleibt geheim. Angeln ist die Suche nach der perfekten Stelle. Leer soll sie sein. Und schön und voller Fisch.

Heinz kommt aus Lübeck, aber die Gegend um den Schweriner See ist seine Heimat geworden. "Ich kann dir hier Orte zeigen! Landschaftlich ein Traum! Das sind so Kraftorte. Da kannst du den Akku wieder aufladen." Er ist seit 1988 beim NDR. Hat Sport und Englisch studiert, ist früher Triathlon gelaufen, war in den Achtzigerjahren sogar beim Ironman auf Hawaii. Nächstes Jahr wird er 60, "man muss sich fit halten, Fernsehen macht immer zwei, drei Kilo dicker und so ein bisschen eitel bin ich auch". Früher war er Sportreporter, heute dreht er Reise- und Naturreportagen, fährt nach Mazedonien, das Geheimnis der Schlangeninsel erkunden oder im Winter an den Balaton.

Wir stehen auf einer Brücke und gucken auf den kleinen Fluss, das macht man so. "Man muss das Gewässer lesen. Siehst du den großen Ring auf dem Wasser? Das war ein größerer." Am Morgen hatte es geregnet, das ist gut, weil dann von den Äckern die Kleintiere ins Wasser gespült werden, erklärt Heinz. Unter uns ist eine kleine Flussbiegung. "Da ist ein Kolk, eine Art Rückströmung, da können die Meerforellen, die hier auf dem Weg zu den Laichgebieten hoch kommen, sich ausruhen." Die Warnow mündet in Warnemünde in die Ostsee.