Rom, an einem Dienstag im Oktober 2019. Am Trevi-Brunnen reiben sich die Touristen aneinander wie Pendler in der S-Bahn am Morgen. Wer dem Brunnen nahekommen will, der laut Reiseführer zu den romantischsten Orten der Welt zählt, muss unzählige Selfiestickbesitzer aus dem Weg räumen, um dann in einem knappen Meter Entfernung zum Becken hinter einer Absperrung zu landen. Vor dem Petersdom, ein paar Kilometer weiter, bietet sich ein anderes Bild desselben Phänomens: Hier stehen die Touristen in einer ordentlichen Eucharistieschlange an, die sich beinahe einmal um den riesigen Vorplatz windet. Die Wartezeit beträgt mehrere Stunden.

Man fühlt sich wie ein Trottel. Wozu eigentlich wegfahren? Anstehen kann man doch auch im Bürgeramt. Konnte man vor 20 Jahren nicht noch auf dem Rand dieses dämlichen Brunnens sitzen? Konnte man damals nicht einfach reinlatschen in den Petersdom?

Tourismus am Ende des Jahres 2019: Die große Sehnsuchts- und Illusionsmaschine liefert nicht mehr, was sie verspricht. Ist sie kaputt? Kann man sie reparieren?

Ciao, Eisbär

Dass man an einer wachsenden Zahl von Orten immer länger warten muss, um ein idyllisches Selfie mit Sehenswürdigkeit machen zu können, ist nur eine der seltsamen Entwicklungen, die der Tourismus bereithält. Und nicht die problematischste; als Tourist hat man immerhin eine Opt-out-Option – wer keine Lust mehr auf den Schmarrn hat, kann ja zu Hause bleiben.

Wirklich schmutzig wird es, wenn Tourismus auf Kosten anderer stattfindet. Und das tut er. Es hat sich ein Unwohlsein ins Reisen eingenistet, das auch mit dem Klimawandel zu tun hat, der bekanntlich auch die betrifft, die gar nicht mitmachen. Tourismus ist einer Studie von 2018 zufolge nicht für die bekannten fünf, sondern für acht Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wenn derzeit in Medien das Wort "Touristen" fällt, sind vornehmlich Flugpassagiere oder Kreuzfahrtreisende gemeint, die, in ihrem SUV der Meere liegestuhlend, in die Polarregionen reisen, um sich persönlich von den Eisbären zu verabschieden, deren Lebensraum sie gerade zu zerstören helfen.

Der Diskurs über Tourismus ist aber auch über den C02-Ausstoß hinaus geprägt von den Verwerfungen, die er verursacht. Overtourism heißt eine: Es begeben sich schlichtweg zu viele Leute an dieselben Orte. Dubrovnik, Barcelona, Venedig oder Mallorca sind mittlerweile damit beschäftigt, Urlauber fernzuhalten. Und auch in Städten wie Amsterdam, London, Rom, Paris oder Berlin knarzt die städtische wie soziale Infrastruktur. In Berlin hat sich die Zahl der Touristenankünfte seit 2006 knapp verdoppelt, von sieben auf dreizehneinhalb Millionen. Mancher Berliner, der dort, wo er einst nur wohnte, nun ganzjährig einen Rummelplatz vorfindet, kriegt schon einen Hals, wenn er nur einen Rollkoffer hört.

Souvenirshop statt Schuster

Es gibt Belastungschwellen, die an einer wachsenden Zahl von Orten übertreten werden. Vergangenes Jahr hat der italienische Journalist Marco d’Eramo sie in seinem Buch Die Welt im Selfie definiert. Sie sind demnach überschritten, wenn Touristen nicht mehr von den Leistungen profitieren, die für die lokale Bevölkerung vorgesehen sind. Sondern wenn die Anwohner Leistungen in Anspruch nehmen sollen, die für Touristen gedacht sind. Wenn die gewachsene Kneipe von folkloristischen Hip-Restaurants mit Mondpreisen verdrängt wird. Wenn der letzte Schuster aus- und noch ein Souvenirshop einzieht. Wenn auf Ferienwohnungsportalen zwar immer ein Plätzchen zu haben ist, die Einheimischen aber aus der Innenstadt wegziehen müssen, weil es für sie keines mehr gibt.

In Spanien legten in diesem Jahr Zimmermädchen die Arbeit nieder, weil sie von der Steigerung der Urlauberzahlen nichts haben, außer mehr Drecksarbeit. Der Massentourismus, der mit Sehnsüchten handelt, bewegt sich, kurz gesagt, an der Grenze zum Asozialen. Die Industrie des 21. Jahrhunderts, die so tut, als wäre ihr Produkt die pure Schönheit, ist auch eine Verdrängungs-, Verschmutzungs- und Ausbeutungsindustrie. 

Wie wird das weitergehen? Wie sieht die Zukunft des Reisens aus?