Pantelleria ist eine eigenwillige Insel, die mitten im Canale di Sicilia liegt und Italiens nächstgelegenes Stück Erde zu Afrika ist. Nur 40 Meilen vom afrikanischen Kontinent entfernt kann man von ihr aus bei klarem Wetter auf Tunesiens Küste sehen. Wer mit dem Flugzeug kommt, der erblickt vom Fenster aus eine reizvolle Landschaft. Über die ganze Insel erstrecken sich in irisch-grüner Pracht kleine bewirtschaftete Terrassierungen. Ganz anders ist der Eindruck für diejenigen, die mit der Fähre von der sizilianischen Stadt Trapani, zu der Pantelleria gehört, kommen. Die pechschwarze steile Küstenwand erinnert an ein Bollwerk. Ob es sich die Natur hier zur Aufgabe gemacht hat, ihr noch immer brodelndes, dampfendes Vulkanherz und die Schätze, die die Insel birgt, zu schützen?

Das Haus von Salvatore Murana, ein stämmiger, von Wind und Sonne gegerbter 70-jähriger Landwirt, liegt mitten in dieser Hügellandschaft. Seit Generationen bewirtschaftet seine Familie die Weingärten, die sich links und rechts um seinen würfelförmigen weißen Dammuso, einen der hier typischen Bauten, erstrecken. Herr Murana bückt sich, nimmt eine Handvoll schwarzer Erde und sagt: "Ich könnte ohne diesen fruchtbaren Boden, ohne diese Landschaft mit ihren zu Stein verwandelten Lavafluten nicht leben. Hier, die Trauben, die rufen förmlich danach, gelesen zu werden." Dann steht Herr Murana auf und nähert sich einem aus Naturstein errichteten kegelförmigen Rundbau. Bei diesem angekommen, sperrt er eine kleine Metalltür auf und bittet, einzutreten. Darin steht ein einziger großer Zitrusbaum. Die Äste nehmen den ganzen Raum ein. Das ist also der vielgerühmte Giardino Pantesco. Herr Murana lässt der Besucherin Zeit, die Pracht zu genießen, bevor er mit dem Erzählen fortfährt. Sein Giardino Pantesco sei über ein Jahrhundert alt, sagt er stolz. Die Araber haben ihn hier eingeführt, nutzten ihn aber ursprünglich zur gesundheitlichen Vorsorge. Das erklärt auch, warum manche Bäume gepfropft wurden und sowohl Orangen als auch Zitronen tragen. Heute sind die 400 vorhandenen Giardini Panteschi für die meisten ihrer Besitzer Zierde und ein Ort der Ruhe und Entspannung. Doch was sie zu etwas ganz Besonderem macht, hat nichts mit der Ästhetik zu tun. "Die runde, fünf Meter hohe Steinmauer beschützt den Baum nicht nur vor dem Wind, in der Nacht fängt sie die Feuchtigkeit auf, ohne die er ja nicht gedeihen könnte", erklärt Herr Murana. 

Die Notwendigkeit macht den Menschen erfinderisch

Auf Pantelleria gibt es keine Süßwasserquellen. Also mussten die Bewohner und Bewohnerinnen nach Lösungen suchen, wie sie trotzdem zu Trinkwasser kommen konnten. Der Giardino Pantesco war so eine Quelle, genauso wie die auf der ganzen Insel verstreuten Zisternen, von denen einige noch aus der Zeit stammen, als die Karthager hier herrschten. Auch die gewölbten Dächer der Dammusi dienten diesem Zweck: Jeder Tropfen Regenwasser konnte so aufgefangen und in die Zisternen geleitetet werden.

"Erderwärmung, Umweltschutz, Desertifikation sind die großen Themen unserer Zeit", sagt Salvatore Gino Gabriele, Vorsitzender des 2016 eingerichteten Nationalparks Pantelleria, der drei Viertel der Insel erfasst. "Und es ist gut, dass man sich global darüber Gedanken macht. Doch damit sich wirklich etwas ändert, muss jeder auf lokaler Ebene seinen Teil dazu beitragen." Und wie das gehen kann, haben hier auf dieser Insel schon vor Jahrhunderten die Karthager, Römer und Araber gezeigt. "Nur, wenn wir uns zurückbesinnen, kann uns die Wende gelingen", meint Gabriele.

"Pantelleria liebt man oder flüchtet von ihr, so schnell, wie es geht", sagt Giambattista Policardo, ein schlaksiger 50-jähriger waschechter Pantesco, der die Besucher auf Wanderungen kreuz und quer über die Insel begleitet. Wer entspannt am Strand liegen will, der ist hier fehl am Platz. Zwar gibt es unzählige kleine Buchten entlang der Küste, die man mit dem Boot oder über steinige Pfade erreicht, aber ein wahres Paradies ist die Insel für all jene, die gern wandern. Es geht durch Steineichenwälder und die immergrüne Hartlaubvegetation Macchia mediterranea, über Kùddie, Vulkankrater, durch Felsschluchten und an Grotten vorbei, in denen man häufig auf Knochen von Tieren stößt und in denen sich einst Banditen versteckten. 

Eine der vielen Warmwasserquellen auf Pantelleria © Andrea Affaticati

Entlang der Saumwege, die die Hügellandschaft durchqueren und über die einst die Bauern mit ihren vollbepackten Mauleseln ihre Ernte zu den Häfen und den Märkten der Insel brachten, erstrecken sich wiederum links und rechts Olivenhaine und Weinterrassen. Genauer gesagt, Bonsai-Olivenbäume und -Rebstöcke. Nichts wächst hier in die Höhe, alles schön flach in die Breite. So manch widerspenstiger Olivenbaumast wurde sogar an dem Boden befestigt und die Trauben streifen oft schon fast die Erde. Warum das so ist, ist schnell erklärt: Zwar bringt die fruchtbare Vulkanerde alles zum Gedeihen, der Wind, der hier oft auch sehr stürmisch über die Insel fegt, versucht aber immer wieder, der Erde alles zu entreißen. Und so haben die Bauern im Laufe der Generationen diese Bonsai-Anbaumethode entwickelt. Die Rebstöcke haben sogar einen eigenen Namen: Alberello di Pantelleria. Dass es sich bei diesem Pantelleria-Bäumchen um eine ganz besondere, den Naturgegebenheiten angepasste Anbaukultur handelt, wurde 2014 auch von der Unesco bestätigt, die den Alberello 2014 in die Liste der Weltkulturerben aufgenommen hat.

Der Jugend eine Zukunftsperspektive bieten

Das Leben auf dieser Insel war noch nie einfach. Nichtsdestotrotz und obwohl die Arbeit auf den Feldern große körperliche Anstrengung erfordert, ist es den Panteschi gelungen, mit einigen Produkten weltweit erfolgreich zu sein, wie dem renommierten Dessertwein Passito di Pantelleria und Kapern. Wie mühsam die Arbeit hier ist, weiß Frau Iolanda Giannusa zu erzählen. Schon als Kind sei sie mit der Familie auf die Kapernfelder gezogen. "Von Mai bis August hieß es, sich stundenlang gebückt von einer Kapernpflanze zur anderen fortzubewegen, denn die zieht es vor, sich auf dem Boden auszubreiten." Heute ist Frau Iolanda 76 Jahre alt und die Beine machen nicht mehr so richtig mit. Kein Wunder, zweimal die Woche sei sie, jahraus und jahrein, bei jedem Wetter zum Markt von Pantelleria zu Fuß hinuntergegangen, um den selbst gemachten Tuma-Käse zu verkaufen. Das waren zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück. "Damals lebten wir von wenig und schufteten viel dafür, das ist für die heutige Jugend keine Option mehr, obwohl ja so manches leichter geworden ist." Immerhin gebe es jetzt Autos und seit Mitte der Sechzigerjahre auch überall Elektrizität. Nur die anstrengende Arbeit auf den Feldern sei gleich geblieben, erfolge noch immer manuell. "Egal, was man anbaut, man erntet immer kopfüber", fügt sie seufzend hinzu.