Tradition verleiht Prügel – Seite 1

Der maskierte Mann rüttelt an der Absperrung, die ihn von den Zuschauern am Rand der Straße trennt. Er trägt ein Kostüm aus verfilztem Fell, eine große, hölzerne Zunge ragt aus dem Maul seiner Maske. Auf Menschen, die er zu packen bekommt, schlägt er mit einem Reisigbündel ein. Die, die daneben stehen, johlen. Es ist Krampuslauf in Klagenfurt, der größte in Österreich.

"Wenn du nicht brav warst, holt dich der Krampus." Jedes österreichische Kind versteht diesen Satz. Der Krampus ist der böse Gehilfe des Nikolaus. Er ist sein düsterer Untergebener, ein sagenhaftes Monster, das die böse Seite der guten Macht verkörpert. Er ist der Schrecken vieler Kinder.

Auch wenn der Krampus mittlerweile weitgehend aus Kinderzimmern verschwunden ist oder zumindest freundlicher erzählt wird: Überall in Österreich, auch in Teilen Bayerns und Südtirols, jagen die Krampusse im November und Dezember durch die Dörfer. In den vergangenen zwanzig Jahren ist die Zahl der Krampusläufe, so werden die Volksfeste genannt, stetig gestiegen. Ein Brauch lebt auf, selbst in den Großstädten Graz und Wien, wo es immer mehr Krampus-Vereine gibt.

Ungefähr tausend Krampusse sind an diesem Novemberabend auf der extra abgesperrten Straße in Klagenfurt unterwegs. Man hört sie, noch ehe man sie sieht. Mal roter, mal weißer Nebel umhüllt sie wie lebendig gewordene Geisterbahnfiguren. Die Kuhglocken, die sie auf dem Rücken tragen, bimmeln derart laut, dass die Volksmusik an den Punschständen nicht mehr zu hören ist. Entlang der Krampus-Route stehen die Menschen dicht an dicht. Es ist schwierig, in die erste Reihe zu kommen. Dort vorn ist es wiederum schwierig, den Schlägen auszuweichen. Wer von der Reisigrute getroffen wird, sollte nicht auf das Mitgefühl der Umstehenden zählen. Denn darum geht es, die Schläge sind Teil des Programms.

Schon allein die Drohgebärden des Krampus würden im Alltag sofort sanktioniert werden © Julia Meyer

Aber es gibt klare Regeln. Schläge dürfen nur unterhalb der Knie gesetzt werden, andere Körperteile zu traktieren ist verboten. Die Ruten dürfen nur aus Reisig bestehen und fest zuschlagen darf niemand. Das verbieten sowohl der Krampus-Kodex als auch das Strafgesetzbuch. Doch "fest" ist halt ein dehnbarer Begriff. 

Meist läuft der Krampuslauf regelkonform ab, wie in Klagenfurt. Es kommt aber auch immer wieder zu Gewalttaten. Erst am Wochenende erstattete eine 32-jährige Frau im bayrischen Bad Tölz Anzeige, nachdem sie auf dem Christkindlmarkt verletzt worden war. Ein Krampusdarsteller hatte sie mit einer Rute ohne Vorwarnung auf den Oberschenkel geschlagen. Vor zwei Jahren landeten in Lienz in Osttirol acht Menschen mit Hämatomen, Schürfungen und Knochenbrüchen im Krankenhaus. Insgesamt bestätigte das Bezirkskrankenhaus 51 Verletzte in der Region. In Kärnten registrierte die Polizei im selben Jahr sechs Verletzte. Dort berichtet eine 17-Jährige, gepackt und geschlagen worden zu sein, sie wurde an der Wirbelsäule verletzt und erlitt eine Platzwunde. Und es passiert auch, dass einzelne Krampusse, trotz strikten Alkoholverbots für die Darsteller, betrunken sind. Auch wenn die Gewalt bei Weitem nicht auf jedem Umzug eskaliert: Irgendwo geschieht eigentlich immer was.

Bisweilen ist auch das Publikum auf den Krampusmärschen aggressiv. Vor allem für junge Männer ist es eine Art Mutprobe, den Krampus zu triezen, ihn an den Hörnern zu ziehen, was für die Darsteller nicht ungefährlich ist. An der Klagenfurter Route quetscht sich ein Jugendlicher durch die Absperrung. Sofort rennen die Monster auf ihn zu und schlagen ihm auf die Unterschenkel.

Die Schläge sind Teil des Programms

Nicht wenige Menschen haben schlechte Erinnerungen an den Krampus und verlassen deshalb nicht das Haus, sobald sie seine Glocken hören. Es gibt sogar Seminare, die Menschen bei ihrer Angst vor der dämonischen Gestalt helfen sollen.

"Fest" ist ein dehnbarer Begriff

"Um Gewalt geht es nicht, ich lehne das ab", sagt Andreas P., der sich nach dem Umzug in Klagenfurt die schwere Maske vom Kopf zieht. Er hat kurze blonde Locken und beantwortet Fragen freundlich, bereitwillig. Natürlich, der Krampus solle erschrecken, das sei die Tradition. Der Schlag, sagt er, sei ein Glücksbringer, er spende Fruchtbarkeit. Ihm gehe es darum, den Brauch zu erhalten. "Aber sicher, schwarze Schafe gibt es überall."

Theresia Heimerl sieht dagegen ein strukturelles Problem. Gewalt liege in der Natur des Krampus, sagt die Religionswissenschaftlerin von der Universität Graz. Symbolisch, sagt sie, marschiere die Gewalt immer mit, in den Gebärden der Darsteller, in der körperlichen Überlegenheit, die die Kostüme demonstrieren. Der Krampus ist eine klar männliche Figur, und auch die allermeisten der Darsteller sind Männer. Die Gewalt, die von ihnen ausgeht, trifft besonders Frauen. Sie sei auch sexualisierte Gewalt, sagt Heimerl.

Versteckt hinter Maske und Brauchtum

Es gibt zahlreiche Berichte, in denen Betroffene von Übergriffen erzählen. Viele von denen, die in die Stadt gezogen sind, meiden bis heute in der Krampuszeit ihre Heimatdörfer. So auch eine junge Frau, die in einem Wiener Café sitzt, auf dem Arm ihr Baby. Ins Salzburger Land, wo sie aufgewachsen ist, fahre sie zu dieser Jahreszeit nicht, sagt sie. Panische Angst habe sie damals gehabt, die Verfolgungsjagden und Schläge hätten vor allem die Zuschauerinnen getroffen.

Auch eine junge Verkäuferin am Bahnhof in Klagenfurt fürchtet sich schon seit ihrer Kindheit vor den Dämonendarstellern. Sie verlässt heute ihre Arbeitsstelle schon früher als sonst. Bevor der Marsch beginnt, lässt sie sich von ihrem Freund abholen. Wohin sie fahren? Nur noch nach Hause.

Aber es gibt auch Frauen, die das Krampus-Brauchtum fasziniert. Manche, so Heimerl, sähen sogar die blauen Flecken als Trophäe an. Auch ein junges Mädchen am Rande des Klagenfurter Krampuslaufs hofft, einen Schlag abzubekommen. Angst habe sie keine, ruft sie gegen den Lärm, sie sei wegen des Grusels, der potenziellen Gefahr hier.

Von einer Krise der Männlichkeit ist, wenn auch nur für diese paar Stunden, nicht viel zu sehen. © Julia Meyer für ZEIT ONLINE

Der Krampus ist ein Eroberer, er ist stark, unerschrocken und mächtig. Die Erzählung von der gewaltigen Männlichkeit: In der Figur des Krampus ist sie satirisch verdichtet. Fragt man Gertraud Seiser, Sozialanthropologin an der Universität Wien, die sich mit der Krampustradition im Salzburger Land beschäftigt, nach den Exzessen, spricht sie vom kernigen männlichen Rollenvorbild, das in den alpinen Regionen vorherrsche. Der fesche Snowboardlehrer, der kräftige Bergführer, sie alle seien dominante Heldentypen und natürlich oft auch: Frauenhelden. Seiser erklärt sich die Begeisterung vieler Frauen jedenfalls auch mit einer sexualisierten Faszination. Sie speise sich aus dem Wissen, dass unter der Verkleidung junge, kräftige Männer steckten. 

Die Figur des Krampus diene, schreibt die Forscherin Heimerl, als zumindest temporäre Rückversicherung einer im Alltag längst vergangenen Identitätskonstruktion als wilder Mann. Das kann man auch in Klagenfurt beobachten. Von einer Krise der Männlichkeit ist, wenn auch nur für diese paar Stunden, nicht viel zu sehen. Sie stampfen umher, drehen sich ruckartig zum Publikum, bauen sich herausfordernd vor den Zusehenden auf. Allein die Drohgebärden des Krampus würden im Alltag sofort sanktioniert werden, hinter Maske und Brauchtum sind sie legitim.

Touristisch ein Supergeschäft

Wie alt die Legende des Krampus ist, lässt sich nur ungefähr sagen. Erste Dokumentationen tauchen Ende des 16. Jahrhunderts auf. Oft wird aber auf seine angeblich vorchristlichen Wurzeln verwiesen. Auch die Nationalsozialisten wollten den Krampus in germanischer Zeit angesiedelt wissen. Aus volkskundlicher Sicht ist das alles ein großes Durcheinander, touristisch betrachtet ist es vor allem ein Supergeschäft. Kaum eine Gemeinde, die ihren Krampuslauf nicht als großes Event anpreist. Je mehr Menschen, umso besser für den Standort, Tourismus ist schließlich einer bedeutendsten Wirtschaftszweige Österreichs. Besonders lieb, schreibt Heimerl, seien die Besucher den Österreichern, wenn "sie dafür bezahlen, sich vom wilden alpenländischen Brauchtum erschrecken zu lassen".

Früher war alles noch ärger?

Man kann den Boom der Krampusläufe auch als eine Art politisches Statement lesen, als Rückbesinnung auf eine Tradition, die die eigene regionale und nationale Identität festigt. "Früher", dieses Wort benutzen auch beim Klagenfurter Krampuslauf mehrere Zuschauer. Früher sei es alles noch viel ärger gewesen. Früher sei der Krampus nicht durch Absperrungen und Regeln reglementiert gewesen. Früher seien die Schläge härter gewesen. Manche sagen das mit Genugtuung, andere mit Bedauern.

Die Touristen kommen jedenfalls. Auch hier in Klagenfurt trifft man sie zahlreich, sogar ein Fernsehteam aus Russland ist da, um Szenen für eine Doku über volkstümliche Traditionen zu drehen. Unter den Zusehenden am Streckenrand findet man kaum kritische Stimmen. Die Menschen, oft ganze Familien, sind ja gekommen, um sich zu gruseln. Ein echter Horrorfilm, unter vermeintlich kontrollierten Bedingungen.

Die Touristen kommen jedenfalls. © Julia Meyer für ZEIT ONLINE

Peter Wiesflecker, steirischer Landesarchivar und Historiker, kritisiert diese "Eventisierung" des Brauchtums. Dies habe nicht mehr viel mit der eigentlich komplexen und dialektischen Figur des Krampus zu tun. Die Krampusläufe, so Wiesenthaler, seien eine relativ neue Erscheinung. Es gibt sie, vereinzelt, erst seit dem 19. Jahrhundert, dass sie jetzt immer mehr Gegenden erfassen, ist ein neues Phänomen. Die Entwicklung zur Massenveranstaltung, der immer breiter angelegte Volksfestcharakter, ist für Wiesflecker auch ein Grund für die eskalierende Gewalt.

Wie um ihn zu bestätigen, erscheint kurz nach unserem Gespräch ein YouTube-Video aus Südtirol. Der Clip, aus einem Fenster heraus gefilmt, zeigt erschreckende Bilder. Vielleicht ein Dutzend entfesselter Krampusse sind zu sehen, Menschen flüchten vor ihnen. Wen die Krampusse erwischen, auf den dreschen sie mit roher Gewalt ein. Es ist unklar, ob dieser Exzess am Rande einer der von Wiesflecker kritisierten Massenveranstaltungen entstanden ist. Der britische Guardian hat kürzlich einen Text über die Gewalttaten veröffentlicht.

Vor ein paar Jahren erschien der Krampus schon einmal auf der internationalen Bühne. In der US-Latenight-Show von Jimmy Fallon erklärte der österreichische Oscar-Preisträger Christoph Waltz dem erstaunten Gastgeber den bizarren Dämonen und die Angst, die er unter Kindern und Erwachsenen verbreite. Am Ende bilanzierte er trocken: "Es ist ein katholisches Land. Es funktioniert über Traumatisierung."