Kevins Wohnung wurde fristlos gekündigt. Er ist bald wieder ohne Bleibe. © Nikita Teryoshin für Die ZEIT Christ&Welt

Als Elke Breitenbach gegen 18 Uhr an das Rednerpult im Deutschen Bundestag tritt, herrscht im Plenum bereits Aufräumstimmung. Donnerstag vergangene Woche, Tagesordnungspunkt 11, Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit. Die Berliner Sozialsenatorin spricht mit viel Kraft in der Stimme, sie blickt dabei auf halb leere Reihen und in müde Gesichter. Am Morgen wurde im Parlament bereits über ein neues Organspendegesetz abgestimmt, viel mediale Aufmerksamkeit, der restliche Sitzungstag wirkt dagegen wie eine lästige Nachwehe.

Bliebe nach langen Plenumssitzungen Pfand zurück, langsam wäre es Zeit, es einzusammeln, einmal durchzufegen und an morgen zu denken. Elke Breitenbach (Die Linke) war gekommen, um von der bundesweit ersten Obdachlosenzählung zu berichten. Weil Obdachlosigkeit schon immer eines dieser Nebenher-Themen war, passt es, dass Breitenbach einem halb leeren Saal davon erzählt.

In der Nacht zum 30. Januar werden rund 3700 Freiwillige in 500 Teams durch Berlin ziehen, um zu zählen, wie viele Menschen unter freiem Himmel leben. Das ist nicht weniger als eine absolute Neuheit: Noch nie hat es eine solche Zählung in einer deutschen Großstadt gegeben, noch nie gab es eine verlässliche Obdachlosenstatistik. Nicht in Berlin, nicht im Rest der Republik. Niemand weiß mit Sicherheit, eigentlich noch nicht einmal ungefähr, wie viele Menschen im Freien zurückbleiben, wenn sich das geschäftige Leben am Abend durch die Straßen der Hauptstadt drückt und hinter den Haustüren im Warmen verschwindet. Der Berliner Senat schätzt, dass es sich um 4000 bis 10.000 Menschen handelt. Man hat den Überblick verloren. "Wir brauchen Daten, wir brauchen Studien, wir brauchen Grundlagen", sagt Breitenbach in ihrer Rede. Andernfalls sei verlässliche Hilfe schlicht unmöglich.

Den Namen dieses Mannes haben wir nicht erfahren. © Nikita Teryoshin für Die ZEIT Christ&Welt

"Je genauer wir wissen, wie viele Menschen auf der Straße leben, welche Sprache sie sprechen und welches Geschlecht sie haben, desto besser können wir die Hilfen für sie organisieren", sagte Breitenbach im Vorfeld Christ&Welt.

Jörg lebt seit sieben Jahren draußen, aktuell am Bahnhof Jannowitzbrücke. © Nikita Teryoshin für Die ZEIT Christ&Welt

Die "Nacht der Solidarität" soll den Blick der Hauptstadtbewohner auf die Menschen ohne Obdach lenken. "Auch wenn immer noch viele Menschen lieber wegschauen, wir wollen, dass die Obdachlosen wahrgenommen werden, dass sie angesprochen werden, Hilfe angeboten bekommen." Mitte Februar habe man eine verlässliche Zahl. Auf dieser Grundlage lasse sich Hilfe koordinieren und Politik machen, so Breitenbach.

"Wenn ich abends zum Essen einlade, muss ich doch auch ungefähr wissen, wie viele Menschen kommen werden", sagt Dieter Puhl. Bis Ende 2018 war Puhl Leiter der Berliner Stadtmission am Bahnhof Zoo. Seit Februar leitet er für die Stadtmission die Stabsstelle "Christliche und gesellschaftliche Verantwortung". Seit 30 Jahren beschäftigt sich Puhl mit Obdachlosigkeit in Berlin. Boulevardmedien nennen ihn "Mr. Obdachlos".Welche Zahl erwartet Dieter Puhl? "Das weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass die Zahl in den letzten Jahren gestiegen ist. Dafür muss man kein Sozialarbeiter sein, sondern ein einfacher Bürger Berlins." Dann schiebt er nach: "Die obdachlosen Menschen, die wir als solche erkennen, halte ich für die Minderheit. Wir wissen nicht, wie viele Menschen Nacht für Nacht im Zug verbringen."

Gerade Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis verbrächten oft die gesamte Nacht in der Bahn, die Fahrt ist für sie kostenfrei. Aus 30 Jahren Arbeit mit Obdachlosen weiß Dieter Puhl: Die meisten Menschen haben eine Meinung zu Obdachlosen, ohne sich jemals wirklich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Das geordnete Leben rauscht an diesen Menschen vorbei, als wären sie unsichtbar, als bräuchte man sie nicht anzusprechen, sie nichts fragen, weil man bereits alles weiß. Die Tatsache, dass sie auf der Straße leben, erzählt bereits ihre Geschichte. Das denken zumindest viele.

Alexa lebt seit zirka elf Jahren am Kottbusser Platz. © Nikita Teryoshin für Die ZEIT Christ&Welt

"Wenn 3700 freiwillige Helfer durch Berlin ziehen und nachts zählen, dann wärmt allein das die Stadt schon ein bisschen", sagt Puhl. "Die Stadtgemeinschaft solidarisiert sich, das ist sehr wichtig." Puhl hofft darauf, dass Obdachlosigkeit nicht mehr nur als rein soziales Problem bewertet wird. 60 Prozent der Menschen ohne Obdach seien psychisch erkrankt. "Zuständig wären auch das Gesundheitsministerium, der Senat für Inneres, für Bau." Für entsprechenden politischen Druck brauche es eine verlässliche Zahl, auf die sich Initiativen berufen könnten. Berlin geht dabei nun voran. "Obdachlose sind Teil der Gesellschaft", sagt Breitenbach.

Roman aus der Ukraine ist seit 3 Monaten obdachlos. Er hat keine Papiere. © Nikita Teryoshin für Die ZEIT Christ&Welt

Außerdem hat der Deutsche Bundestag am vergangenen Donnerstag beschlossen, eine bundesweite Wohnungslosenstatistik einzuführen. Darin werden Menschen ohne gültigen Mietvertrag erfasst, die in Notunterkünften untergebracht sind. Diese Zahl erfasst allerdings nicht die Obdachlosen in den Parks, an den U-Bahnhöfen, in den Vorräumen der Bankfilialen.