Die zerstörte Kathedrale nach dem Erdbeben © Cameron Spencer/Getty Images

Der CERA-Masterplan sieht mehrere Großprojekte vor: das Flussufer des Avon wird eine Promenade, dort soll auch das Denkmal für die Opfer des Erdbebens sein. Nahe der Fachhochschulen entsteht ein Innovationsviertel, im Bühnenviertel sollen Theater und Orchester gebündelt werden, ein futuristisches Convention Center ist in Planung und natürlich wird es eine moderne Einkaufsmeile geben. Insgesamt soll die Innenstadt zusammenrücken, nicht mehr so ausfransen. Klare Linien, am Reißbrett sieht das gut aus. Ob es sich auch gut anfühlt, muss man abwarten.

Dass der Wiederaufbau länger dauert als gedacht, liegt laut Ombler daran, dass Nachbeben den Fortschritt immer wieder auf Null gesetzt haben. "Das Gute ist", sagt er, "dass es einen Masterplan für die Innenstadt gibt. Und dass sich viele Bürger daran beteiligt haben." Im Rahmen der "Share an Idea"-Aktion hatte die Stadtverwaltung wenige Wochen nach dem Beben mehr als 100.000 Ideen und Wünsche von Einwohnern gesammelt, die sie bei der Planung berücksichtigen wollte. Das war, bevor CERA übernahm.

5 Millionen Euro, 43 Bäume, 80 Demonstranten

Deren Masterplan gefällt nicht jedem. Vollkommen normal, meint Ombler: "Wenn du Entscheidungen triffst, musst du damit rechnen, dass du kritisiert wirst." Erst vor ein paar Tagen versammelten sich rund 80 Leute auf dem Victoria Square, um gegen die geplante Fällung von 43 Bäumen zu protestieren. Der Platz soll für fünf Millionen Euro erneuert werden, die Demonstranten sind dagegen. Wie in anderen Städten auch wird um jedes größere Bauvorhaben gerungen. Nur, dass Christchurch eine einzige Baustelle ist.

So erneuert sich Christchurch: Die Kathedrale wurde 2013 durch ein Provisorium aus 100 baumdicken, lackierten Kartonröhren ersetzt. © Christchurch Cathedral via Getty Images

Ryan Reynolds gehört zu denen, die sich von Anfang an einmischen. Einfach dadurch, dass sie zeigen, was möglich ist. Reynolds ist Mitgründer von Gap Filler, einer Initiative, die das Leben in die Stadt zurückholt, indem sie Brachflächen temporär bespielt. Reynolds und Hunderte freiwillige Helfer haben einen Minigolf-Parcour angelegt, Rasen zum Ballspielen gepflanzt, Europaletten zu einer Bühne gestapelt, Imbisswagen aufgestellt, in Sommernächten betreiben sie ein Freiluftkino. Es geht aber nicht darum, die Wunden zu verdecken, die das Beben gerissen hat, sondern darum, den Heilungsprozess zu befördern. Die Leute verbinden wieder Positives mit ihrer Stadt. Und überhaupt: Sie kommen wieder.

CERA und Reynolds arbeiten nicht nur mit verschiedenen Mitteln am Wiederaufbau, sondern auch mit verschiedenen Zielen. Denn Christchurch, wie es der Masterplan zeichnet, ist nicht Reynolds Christchurch. Er sagt: "Ich habe Angst, dass wir eine Stadt haben werden, von der die Einwohner sagen: Das ist nicht mehr unsere Stadt." Reynolds kritisiert, dass die Bundesbehörde CERA den Wiederaufbau quasi allein verantworte und die städtische Regierung außen vor lasse. Viele Bewohner fühlen sich übergangen.

Würden sich die Leute anketten?

Das beste Beispiel ist die Stadthalle, ein klotziges Konzerthaus aus den frühen Siebzigern, viel roher Beton. Entworfen haben es die Architekten Warren and Mahoney, beide aus Christchurch. Seit dem Beben ist das beschädigte Gebäude mit einem hohen Maschendrahtzaun abgesperrt. Geht es nach CERA, wird auf dem Gelände ein neues Theater- und Konzertensemble entstehen. Geht es nach Ryan Reynolds, wird die Stadthalle rekonstruiert. "Die Halle ist ein Symbol für die Leute von Christchurch", sagt er. "Daran wird sich zeigen, ob wir in unserer Stadt noch was zu sagen haben." Reynolds glaubt, also er hofft, die Leute würden sich eher an das Gebäude ketten, als seinen Abriss zuzulassen.

Ein paar Blocks entfernt ist Sam Crofskey wieder vom Dach gestiegen, er steht im Erdgeschoss des alten Postamts, in seinem Café, und tippt auf eine der Tischplatten. Sie sind aus den Dielen seines vorherigen Ladens gezimmert. Er und seine Frau haben einfach weitergemacht damals, sie hochschwanger, die gemeinsame Wohnung war auch zerstört. "Wir wussten nicht, was wir sonst hätten tun sollen", sagt Crofskey. Das neue C1 läuft gut, aber er hat nicht vergessen, wie schwierig das alles war. "Ein zweites Mal schaffe ich das nicht."

Das Gute im Schlechten

Crofskey tut sich schwer, das Aber zu formulieren, aber es existiert: das Gute im Schlechten. Die Leute haben begriffen, was wirklich wichtig ist, anstatt sich über lauwarmen Kaffee aufzuregen, sagt Crofskey. Aus Vorurteilen ist Neugier geworden, selbst auf Dinge, die ihnen fremd erscheinen. Die einst so konservative, altenglisch ausstaffierte Stadt sei durch das Beben offener geworden. Die riesigen Street Arts an den Brandmauern sind nur das sichtbarste Zeichen. Die Künstler wurden ganz offiziell von der Stadtverwaltung eingeladen, bis dahin undenkbar.

Früher haben die Mädchen im C1 gekellnert, weil sie Geld sparen wollten, um abzuhauen, sagt Crofskey. Nach London oder Melbourne oder sonst wohin, bloß raus aus Christchurch. Heute arbeiten sie bei ihm, weil sie genau hier sein wollen. "In zehn Jahren wird sich zeigen, ob Christchurch dieses Etwas entwickelt hat, das die Jugend dazu bringt, zu bleiben. Wenn das gelingt, haben wir es geschafft."

Eine Stadt, das wird einem paradoxerweise inmitten dieser Baustelle klar, besteht zum kleineren Teil aus Steinen und Beton.