"Throw your hands up in the air", brüllt eine heisere Stimme. Es ist nach vier Uhr morgens und etwa Hundert Menschen machen genau das: Sie heben ihre Arme in die Luft und hüpfen zur Musik von Outkast und David Guetta auf und ab. Der Club ist so voll, dass viele auf der Straße stehen. In rotem Neonlicht leuchten die Lettern "Pub Street" über der Szene, so heißt die Partymeile der Stadt. Es ist eine der wenigen Straßen, in denen zu dieser Zeit noch Licht brennt in Siem Reap, Kambodscha.

Nehmen wir die drei dänischen Jungs, die aus Thailand gekommen sind: Es ist ihr letzter Abend in der Stadt. Seit zwei Tagen sieht ihr Programm so aus: tagsüber Tempel, nachts trinken bis zum Umfallen. Einen Longdrink gibt es hier für weniger als einen Dollar, ein Bier für etwa 50 Cent. "Awesome!", ruft der jüngste der Gruppe und bestellt sich einen Pitcher Margarita. Der Pitcher sieht aus wie die Wassereimer, die hier als alternative Spülung in den Toiletten stehen, nur ist er jetzt mit eisigem Alkohol gefüllt. Die Strohhalme ragen daraus wie lange Antennen in die Luft. Oder nehmen wir Jeff, einen Jurastudenten aus den USA, der in die Menge grölt: "Jägerbombs!" Sie sind das typische Publikum in der Pub Street: Hier treffen sich nachts junge Rucksacktouristen, um sich vom Kulturprogramm des Tages zu erholen.
Warum aber landen Menschen wie sie in Siem Reap? Warum bleiben sie nicht, zum Beispiel, in Bangkok?

Es könnte damit zu tun haben, dass die benachbarten Tempelanlagen von Angkor nicht nur Weltkulturerbe sind – sondern auch aus einem Computerspiel oder Hollywoodfilm stammen könnten. Eine Szene aus Tomb Raider wurde hier gedreht, das war einer dieser Schlüsselreize, der aus einem touristischen Angebot eine Massenattraktion machen kann. Angelina Jolie posierte damals vor dem Tempeleingang. Das finden viele fast so awesome wie die billigen Getränkepreise. Die Tempel ziehen jährlich mehr als 1,5 Millionen Besucher an. Seit 1998 steigt die Gesamtzahl der Touristen jedes Jahr deutlich. Wer heute den Sonnenuntergang vor Angkor Wat sehen will, muss neben Hunderten anderen auf ein paar Zentimetern heruntergetretenem Gras Platz nehmen.

Welche Touristen werden es sein?

Doch nicht nur Angkor Wat lockt Touristen an. Es ist auch der Ruf des Landes, ein neues Thailand zu sein. 2,1 Millionen ausländische Touristen kamen dem Tourismusministerium zufolge noch 2009 ins Land, vergangenes Jahr waren es bereits 4,5 Millionen. Wirtschaftlich ist das gut für das Land, das lange Zeit nicht stabil war. Kambodscha erholt sich von Jahrzehnten Krieg und Diktatur. Erst 1991 wurde Frieden erklärt, 1997 kam es zum Putsch. Tourismus wächst in einem Kontext, der sich durch Armut und mangelhafte Infrastruktur auszeichnet. Während die Fördergelder aus humanitären Projekten langsam weniger werden, versucht das Land auf eigenen Füßen zu stehen. Das Einkommen aus der Tourismusbranche wird für die Zukunft Kambodschas entscheidend sein. Nur, welche Touristen werden das sein? Es gibt jedenfalls viele in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, die die Kultur des Landes wenig interessiert.

Deutschland: 54 © Sina Pousset

Der Frauenschlafsaal des Mad Monkey Hostels in Phnom Penh hat wenig mit Schlaf zu tun. In etwa halbstündigem Anstand taumelt eine alkoholisierte Feierleiche in den klimatisierten Raum, stößt sich an irgendetwas und verschwindet unter Türknallen im Bad. Die Wände vibrieren vom hosteleigenen Club auf dem Dach. Auch hier trinkt man Jägerbombs. Hinter der Bar hängt ein Scoreboard, England führt mit 295 "Bazooka"-Eimern, gefolgt von den USA mit 117. Tagsüber fahren Shuttlebusse vom Hostel zu den Killing Fields. Nachmittags wird auf dem Dach bei ein paar Bier entspannt und auf die Stadt geguckt.

Etwa zwei Millionen Menschen fielen dem Genozid der Roten Khmer zum Opfer, fast ein Viertel der Bevölkerung. Eines der Massengräber befindet sich nur 20 Kilometer außerhalb von Phnom Penh. Viele Reisende machen hier Station, um der Opfer zu gedenken. Für viele Backpacker ist es eine Besichtigungsstation zwischen zwei Club-Besuchen. Das macht es nicht automatisch zum moralischen Vergehen. Für viele Kambodschaner ist der relativ neue Tourismusboom aber eben doch gewöhnungsbedürftig.

Er kam schnell, und mit ihm stieg die Kriminalität; die Tuktuk-Taxifahrer in größeren Städten empfehlen, die Taschen unter den Füßen zu verstecken. Vor wenigen Jahren war das noch anders.

Phnom Penh hat sich in den vergangenen Jahren zu einem neuen Anlaufpunkt für Budgetreisende entwickelt. Der Partytourismus schwappt in großen Wellen aus Thailand hinüber. "Phnom Penh isch so geil", schwäbelt es im Hostel etwa, "du läbsch hier wie ein König." Sehen andere auch so. Mein Zimmernachbar Stephan, Dreadlocksträger, nimmt sich eine Auszeit nach dem Bachelor in Literatur. Seit drei Wochen ist er nun hier, und jeden Tag gönnt er sich neben Mahlzeiten in schicken Restaurants, die ihn nur ein paar Dollar kosten, ein paar Gramm Gras. Bhang-Lassis und sogenannte Happy Pizzas mit grünem Topping gibt es in Südostasien fast überall. Aber Kambodscha ist billiger als überlaufene Nachbarländer. Und es lockt noch mit einem weiteren Plus: mit unberührten Stränden.