Bunte Wäschefahnen an von Haus zu Haus gespannten Leinen hängen wie ein schützender Baldachin über den engen Gassen Venedigs. Trotzdem denke ich an Cluburlaub. Nicht wegen optischer Ähnlichkeit, nur wegen Enrica. Sie kam aus Venedig, jobbte früher unweit der Stadt als Animateurin und erzählte einmal von der Jahresendzeitstimmung im Hotel: Die letzten Wochen im Herbst seien unerträglich, keiner habe mehr Bock, alles wiederhole sich, jeder Gast eine Plage, der Clubtanz eine Horrorshow der Halbtoten.

Ein bisschen so fühlt sich der November in Venedig an. Schön ist es hier noch. Warm, sonnig. Die Pizza auf dem Campo San Polo – Wildschweinsalami, Trüffelöl – ist eine Sensation. Allein der Kellner weiß es schon. Si, si, grazie, nickt er und räumt den Teller ab. Bestätigung braucht er keine mehr, er kontert das Liebesbekenntnis mit dem Hinweis, die Tauben bitte nicht zu füttern. Auf das ebenso hervorragende Schokoladeneis wird er von mir kein Feedback bekommen.

Venedig, November 2013 © Marco Secchi/Getty Images
Venedig, November 2012 © Marco Sabadin/AFP/Getty Images

Der Sommer war sehr groß, na klar, die Kreuzfahrtschiffe waren da, die Schulklassen, die Familien, die Verliebten. Jetzt müssen eben auch die Nachzügler noch durchgeschleust werden, ihr dürft noch, nur zackig bitte. Die Ungnade des späten Besuchs.

Doch die Biennale, Kunst, unvergänglich zeitlos! 89 Länderpavillons, ein Drittel davon konzentriert in den Giardini, dazu die Arsenale-Hallen. Gut, die Feuilletons waren alle schon hier, die Auszeichnungen sind vergeben. Aber die Werke?

Bröckeln. Der französische Pavillon zeigt Céleste Boursier-Mougenots Installation rêvolutions, einen raumgreifenden Baum, drumherum zum Fläzen einladende Schaumstoffpolster. Doch sie laden nicht mehr ein, das Weiß hat seine Unschuld verloren, Risse durchziehen die Liegeflächen. Sind die in sämtlichen Skulpturenkörperöffnungen steckenden Zigaretten im britischen Pavillon Kunst oder der Streich einer genervten Schülergruppe? Hier weiß es niemand, die Kunstexperten sind lange weitergezogen. Wir sind die Mauerblümchen, letzte Wahl, in wenigen Tagen ist die Biennale vorbei.

Es ist immer zu spät

Dabei ist doch alles besser als im Frühling, als im Sommer. Keine Hitze, keine endlosen Schlangen. Im Juli diskutierte Venedigs Bürgermeister eine Zugangssperre für den Markusplatz. Die jetzt durch die engen Gassen fließenden Touristenströme lassen die Flut zur Hochsaison nur erahnen.

Venedig, November 2014 © OLIVIER MORIN/AFP/Getty Images
Dieser Text stammt aus unserem neuen Ressort "Entdecken", das sich dem Reisen und dem Abenteuer Alltag widmet. © DIE ZEIT

Der Blick aus dem Fenster der Pension zeigt Wasser. Ein Boot nähert sich, doch die Idylle wird gebrochen. Keine Gondel, ein Schnellboot mit Sirene, auf dem Weg zum überdachten Anlegesteg der Pronto Soccorso, der Notaufnahme des benachbarten Krankenhauses. Memento mori, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.

Und auf einmal wird klar, wieso es egal ist, zu welcher Jahreszeit man in Venedig ist. Wieso der Frühling nicht besser ist als der Sommer, der aber auch nicht schlechter als der Herbst. Das Novembergefühl des Zuspätkommens, in Venedig wird man es immer haben. Denn für den, der noch nie hier war, ist immer Herbst.

Eine Stadt, die so schön ist, dass sie zum Werbewort wurde. Das Venedig des Nordens, das Venedig des Ostens, das Venedig Amerikas, das Venedig Chinas. Sie hat keinen Makel, diese Stadt, die Gassen und Brücken und Gondeln und selbst die verfallenen Häuser, in Würde gereift. Doch in Venedig, dem Venedig Italiens, war schon jeder und sind alle.

Die Herbstzeit-Loser

Venedig, November 2014 © OLIVIER MORIN/AFP/Getty Images

Erleben lässt sich hier nichts, nur nacherleben. Umberto Eco verglich die Postmoderne einst mit der Haltung eines verliebten Mannes. Schon ein einfaches "Ich liebe dich" könne der nicht äußern, ohne automatisch auf alle zuvor geäußerten zu verweisen. Um falsche Unschuld zu vermeiden, sei ein "Wie schon ... sagte" unabdingbar. Wie schon Millionen Rucksackträger aus aller Welt sagten: Diese Brücke ist wunderschön!

Auf den Stand bringen kann man sich hier, mal in echt betrachten, was man von Bildern kannte. Wie wenn man 2015 das erste Mal Pulp Fiction sieht und Ordnung in die Zitate bringt, die man ja doch alle kennt. Aber planlos flanieren, sich in versteckte Ecken verirren? Fast unmöglich. Glaubt man kurz, sich verlaufen zu haben, prangt an der nächsten Hauswand der gelbe Wegweiser. San Marco rechts. Rialto links.

Im Venetian in Las Vegas © Ethan Miller/Getty Images

Venedig ist längst Freizeitpark, Kulisse geworden. Ein Nachbau des Venetian-Hotels in Las Vegas, nur schöner und unter freiem Himmel. Auf einem winzigen Platz stehen an drei Seiten unterschiedliche Mülleimer. Erst war es wohl einer, er reichte nicht, dann noch ein zweiter, er reichte nicht, dann kam der dritte. Solche Geschichten kann Venedig heute noch erzählen.

Ich schaue auf den Zettel in meiner Hand und das Klingelschild vor mir. Hier muss es sein. Das ältere Ehepaar ist freundlich. Enrica? Ah, nein, die wohne nicht mehr hier. Sie habe es nicht ausgehalten, die Urlauber, sei jetzt in Barcelona. Barcelona, um dem Tourismus zu entfliehen, auf die Idee kommt man nur hier. Eco spricht vom Zeitalter der verlorenen Unschuld. In Venedig ist immer Herbst.