Arctic Surfers © Erlendur Thór Manússon

Stattdessen gehen wir ins Schwimmbad von Bolungarvík und rutschen um die Wette. In den 39 bis 40 Grad warmen Hot Pots treffen sich die Bewohner der umliegenden Ortschaften, um sich über den neuesten Klatsch und Tratsch zu informieren. Von Íngos Sitznachbarin erfahren wir, dass es hier seit vielen Jahren nicht mehr so hohe Wellen gab wie in diesem Jahr. Auf der Rückfahrt machen wir noch einen Zwischenstopp in Ísafjörður. Die Fischereistadt ist mit ihren rund 3.700 Einwohnern das kulturelle Zentrum der Westfjorde. Kim und ich kaufen Wolle. Sie will mir auch eine Mütze stricken. Danach besorgen wir noch schnell die Zutaten für unser Abendessen.

Pflegehinweise für Schafwolle

Zurück in unserem Haus in Flateyri backen wir alle gemeinsam Pizza mit Fisch, Rosmarin, Olivenöl und Zitrone. Später bekommen wir Besuch von Thór, dem 13-jährigen Sohn einer Freundin von Íngo und Erlendur. Er erzählt uns, dass seine Mutter Elisabeth in Soeból in diesem Winter mal wieder eingeschneit ist. Die Straße, die zu ihrer kleinen Farm führt, ist nicht mehr befahrbar. Elisabeth ist die Letzte, die in ihrem Tal geblieben ist. Alle anderen sind nach und nach weggezogen. Thórs Mutter betreibt eine kleine Schaffarm und verkauft Lamm, das sich von salzigem Gras und Beeren ernährt. "Einmal die Woche kommt das Rettungsteam und holt Mama ab, damit sie Besorgungen machen kann", erzählt mir Thór.

Da sein Schulweg zu weit ist, lebt er die meiste Zeit des Jahres bei seiner Schwester in Flateyri. Íngo und Erlendur haben Thór vor zwei Jahren das Snowboarden beigebracht. Seitdem ist es sein liebstes Hobby. Bis spät in die Nacht spielen wir Karten und erzählen uns von unseren Abenteuern. Kim strickt nebenbei an meiner neuen Schafwollmütze. Íngo erwähnt vor dem Schlafengehen noch, dass wir morgen eventuell früh raus müssen, um die besten Wellen des Tages zu erwischen.

Am nächsten Tag weckt uns Íngo tatsächlich in aller Frühe. Gestern Nacht war Vollmond, und heute Morgen weht ein leichter Wind aus Südwesten. Zum Wellenreiten ist diese ablandige Brise optimal und verspricht gute Wellen. Der Spot, den Íngo für uns ausgesucht hat, ist ein sogenannter "Beach Break". Die Wellen brechen hier auf einer Sandbank, und es surft sich am besten bei Ebbe. Und Ebbe ist genau jetzt. In Windeseile düsen wir zum Strand unserer Wahl. Kim, Jonní und Erlendur schlüpfen bereits im Auto in ihre Neoprenanzüge.

So schnell bin ich heute nicht. Wenn ich normalerweise doch einigermaßen flink in meinen Anzug gleite, erscheint mir das Anziehen mit einem Arm und bei drei Grad Lufttemperatur heute als unüberwindbares Hindernis. Íngo leiht mir seinen selbstgestrickten Wollponcho, eine Art tragbare Umkleidekabine für eisige Temperaturen. Meine krampfhaften Versuche, mich einarmig unter dem Wollvorhang ins Neopren zu zwängen, versucht er aufzulockern, indem er mir Pflegehinweise für die Schafwolle gibt. "Wusstest du, dass man isländische Wolle nicht wäscht?", fragt er, "man legt sie einfach einige Tage in den Gefrierschrank, dann ist sie wieder sauber." Aber auch seine Ablenkungsmanöver helfen nicht.

Alleine komme ich einfach nicht in den Anzug. Die Jungs ziehen mit vereinten Kräften, bis sich endlich auch mein rechter Arm in der 5,4 mm dicken Neoprenschicht befindet. Meine Hände und Füße sind zu diesem Zeitpunkt schon komplett eingefroren. Umso dankbarer bin ich für das heiße Wasser aus den Thermoskannen, das wir in unsere Handschuhe und die Neopren-Boots gießen. Es ist eine Wohltat, kurzzeitig etwas Wärme zu spüren. Jetzt kann auch mich nichts mehr aufhalten.

Unbeschreibliches Glück

Gemeinsam mit Jonní renne ich ins Wasser und wir begeben uns auf Wellenjagd. Erstaunlicherweise läuft das Paddeln mit meinem Arm besser als gedacht, und so komme ich relativ schnell voran. Ich setze mich auf mein Board mit Blick auf die verschneiten Berge und den schillernden Fjord und warte auf das nächste Set herannahender Wellen. Es ist ganz still um mich herum. In meiner Nase spüre ich die eiskalte Luft. Es riecht nach Meer und Schnee.

Ich bin komplett verzaubert von dieser Umgebung, sodass ich für einen Moment vergesse, warum ich hier draußen auf einem Brett sitze. Dann höre ich Jonní hinter mir rufen. Da kommt meine Welle. Ich weiß, dass ich mit der Kraft in meinem rechten Arm sparsam umgehen muss. Ich bin zum Zerreißen angespannt, denn ich will diese Welle unbedingt surfen. Langsam paddle ich an und gebe dann alles. Die Woge packt mein Board, und ich reite die bislang kälteste Welle meines Lebens. Nur dass ich die Kälte in diesem Moment gar nicht wahrnehme.

In dieser spektakulären Natur surfen zu dürfen, erfüllt mich mit einem derartigen Glücksgefühl, dass ich erst wieder in der eiskalten Realität lande, als jemand gefühlt einen Eimer Nägel über meinem Kopf auskippt. Ich bin vom Board ins Wasser gefallen und kurz untergetaucht. Als ich später zitternd ins Auto steige, erzählt mir Jonní, dass er bei seiner ersten Welle auf diesem Fjord auch Glücksgefühle hatte. "Ich würde hier bei absolut jeder Temperatur ins Wasser gehen, es kommt nur darauf an, wie gut die Wellen sind. Bei Minustemperaturen bekommt man allerdings Frostbeulen", sagt er. Ich möchte etwas erwidern, kann aber meine Lippen vor Kälte zu keinem Wort formen.

Wir düsen in voller Neoprenmontur ins Schwimmbad von Bolungarvík. Íngo kennt hier die Bademeister, die uns mit einem freundlichen "Hæ!" begrüßen. Nicht einmal die Schulklasse, die dort gerade Schwimmunterricht hat, wundert sich sonderlich, als wir in unseren hautengen schwarzen Anzügen die Duschen stürmen. "Als Kind wusste ich nie so richtig zu schätzen, was es bedeutet, auf Island zu leben", erzählt mir Íngo später auf unserer Rückfahrt nach Reyjkavík. "Erst als ich älter wurde und andere Länder sah, habe ich so richtig verstanden, was für ein unbeschreibliches Glück ich habe, hier auf Island leben zu dürfen und so viele magische Orte und traditionelle Sagen zu kennen".

Die drei Trolle, die so emsig den Graben zwischen den Westfjorden und dem restlichen Island ausgehoben haben, waren damals übrigens derartig in ihre Arbeit vertieft, dass sie von der aufgehenden Sonne überrascht wurden und sich an Ort und Stelle zu Stein verwandelten. Noch heute schaut die versteinerte Trollfrau bei Drangsnes wehmütig aufs Meer hinaus.

Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Winter 2015