Unter den großen Blättern des Tropenbaums auf der Praça Quinze sitzen die Erdnussverkäufer am liebsten. Auf Kunden müssen die Jungs hier nicht lange warten. Der Schatten der hundertjährigen Figueira, einer brasilianischen Ficus-Art, zieht alle an, die vor der Hitze flüchten. Auch die Touristen, die hier, im Zentrum Rio de Janeiros, die historischen Anfänge der Stadt entdecken wollen. "Amendoins, amendoins", rufen die Jungs, sobald sich Fremde nähern, rennen mit ihren handgefalteten Tüten voller Erdnüsse los und lächeln so lange, bis endlich einer kauft. 

Mit seinem barocken Königspalast Paço Imperial und den vielen Kirchen wirkt der Platz wie eine Halluzination, kaum greifbar zwischen all den gläsernen Bürotürmen und verstopften Hauptstraßen. Dabei war er mal der Nukleus Rio de Janeiros, jener Stadt am Zuckerhut, die 1565 von den Portugiesen gegründet wurde.

Wenige Schritte vom schattenspendenden Ficus entfernt ragt der alte Hafenkai in die Guanabara-Bucht. Auf ein Fragment gestutzt, wäre der Anleger ohne den auffallenden Pyramidenbrunnen heute kaum noch zu sehen. Nebenan kehrt ein Straßenfeger ohne Eile über die großen Steinquader der Kaimauer und sammelt leere Cachaça-Flaschen aus der letzten Nacht zusammen. In Sichtweite, gleich hinter dem Torbogen Arco do Teles, beginnt das einstige Händlerviertel. In den schmalen Gassen, der Travessa do Comércio und der Rua dos Mercadores, haben einige Prachtbauten im Kolonialstil überlebt: farbenfroh getüncht, mit schmiedeeisernen Balkonen und Granitrahmen um Fenster und Türen, wie in Portugal.

Ja, selbst eine gegenwartssüchtige Metropole wie Rio besitzt eine Vergangenheit. Nur ist sie in der modernen Sechs-Millionen-Metropole zwischen Wolkenkratzern, Boulevards, Luxusvierteln und wuchernden Favelas kaum noch auszumachen. Erst in den letzten Jahren wurde sie wiederentdeckt und auf Hochglanz poliert. Die einst prachtvollen Gebäude im Händlerviertel wurden restauriert und beherbergen nun schicke Restaurants und Bars und teure Galerien. 

Metropole über Nacht

Wir schreiben das Jahr 1808. Soweit überliefert, blickte der portugiesische Prinz und spätere König João VI. ganz verzückt, als er mit seiner Flotte in die Bucht östlich von Rio segelte. Die Praça Quinze war voller Schaulustiger, als die 36 schwer beladenen Schiffe wenig später ihre Anker warfen. Feine Leute gingen von Bord, die komplette Nationalbibliothek wurde ausgeladen. 

Zu Hause in Portugal herrschte Krieg, Napoleons Heer stand vor Lissabons Toren. Kurz vor dem Einmarsch der Franzosen hatte sich die portugiesische Königsfamilie zur Flucht über den Atlantik entschlossen. Mit ihr schiffte sich der gesamte Hofstaat ein, rund 17.000 Personen. So geschah etwas Außergewöhnliches: Über Nacht wurde Rio de Janeiro, das bis dahin finstere Kolonialprovinz war, zum Zentrum des portugiesischen Imperiums.  

Vor dem Kai, wo heute die Fähren nach Niterói ablegen, haben die Einwohner Rios König João VI. dafür ein Denkmal gesetzt. Dafür, dass er kam und auch dafür, dass er blieb. Denn der Monarch dachte gar nicht daran, wieder abzureisen: Er zog das süße Leben unter Palmen den politischen Wirren in Europa vor. Er verwandelte Rio in eine strahlende Kapitale, förderte den Handel, die Wissenschaft und die schönen Künste, er baute eine Bibliothek für seine Bücher, gründete die erste Bank und das Theater. All das ist fußläufig von der Praça Quinze zu erreichen. Zudem ließ er den sehenswerten botanischen Garten anlegen sowie den Park Quinta da Boavista, der heute für Konzerte und Picknicks genutzt wird und den Kaiserpalast umgibt.

Damit wären wir auch schon beim nächsten Kapitel dieses portugiesisch-brasilianischen Märchens, der Kaiserzeit, die im September 1822 begann. Anstatt mit seinem Vater König João VI. nach Lissabon zurückzukehren, blieb sein Sohn in der Kolonie und erklärte sie einfach zum Kaiserreich. Pedro I., Kaiser von Brasilien: ein kurzes, aber spektakuläres Intermezzo.