Das erste Mal vergisst man nie. Der erste Kuss. Die erste Liebe. Auch die erste Baumumarmung ist ein besonderes Erlebnis – vor allem für Menschen, die den direkten Kontakt zur Pflanzenwelt sonst eher vermeiden. "Wie geht es dir jetzt?", fragt Michael Peche, nachdem ich meine Arme um einen Baumstamm gelegt habe. Wir stehen vor einer alten Kastanie auf einer Wiese im Teutoburger Wald. Die Sonne scheint, der Wind weht, der Wald rauscht, und ich bin unter die Baumumarmer gegangen. Wie es mir jetzt geht? Ziemlich gut.

Michael Peche hat den Baum auch umarmt. Für ihn ist das nichts Besonderes, denn er ist Naturcoach und verbringt viel Zeit im Wald. Manchmal nimmt er Leute mit und zeigt ihnen besondere Bäume oder geheimnisvolle Orte, wie die nahegelegenen Externsteine, um die sich viele Mythen ranken. Er möchte ein intensives Naturerlebnis vermitteln und anderen helfen, Entspannung und innere Ruhe zu finden. Achtsamkeit zu lernen. Er nennt das eine "mentale Reise in die Natur".

Michael Peche: Im ersten Leben Bauingenieur. © Oliver Burgard

Michael Peche ist Anfang 40, ein freundlicher, aufgeschlossener Mensch, der seine Begleiter am liebsten duzt. Und er ist Diplom-Bauingenieur, ein Beruf, der ihn nie glücklich gemacht hat: "Das war nicht das Richtige für mich, zu viele Zahlen, zu viel Technik." Deswegen hat er den Job aufgegeben und einen anderen Weg eingeschlagen. Der führte ihn aus Ostwestfalen zunächst in die Schweiz und dann nach Neuseeland, wo er eine Weile mit Maoris zusammenlebte. Später hat er sich in verschiedenen Lehrgängen zum Coach ausbilden lassen. Michael Peche arbeitet auch als Entspannungstrainer in einer Reha-Klinik und als Dozent für Gesundheitsthemen, am liebsten aber ist er draußen, in der Natur, im Wald. 

Wir haben die Schuhe ausgezogen, sind barfuß über die Wiese gelaufen und haben uns mit geschlossenen Augen eine Weile an einen knorrigen Baumstamm geschmiegt, um die Lebensenergie zu spüren, die durch den Baum strömt. Der Naturcoach erklärt, dass Bäume eine heilende Kraft haben, weil sie mit ihren biochemischen Botenstoffen das menschliche Immunsystem positiv beeinflussen können. Außerdem meint er, dass man beim Barfußlaufen die Kräfte spürt, die von den Baumwurzeln ausgehen und durch den Boden nach oben strömen. Vielleicht ist es aber auch einfach nur angenehm, mal die Schuhe auszuziehen, wer weiß.

Während ich den Baum umarme, versuche ich, meine Konzentration auf die Natur zu richten – auf den Baum, die Luft, den Boden unter meinen nackten Füßen. Der Coach leitete mich an, er spricht mit leiser, monotoner Stimme. Das Ganze gleicht einer Freiluft-Meditation. Und obwohl ich jetzt ganz nah am Baum bin und mir wirklich Mühe gebe, seine Energie aufzusaugen, habe ich Probleme mit der Konzentration. Denn ein paar Meter weiter, abseits der Wiese, ist ziemlich viel los ist. 

Magische Steine

Hinter uns befindet sich das Ausflugsrestaurant Zum Felsenwirt, daneben ein Besucherzentrum für Touristen. Dort kann man sich über eine Sehenswürdigkeit informieren, wegen der die ganzen Leute hier sind: die Externsteine, eine bizarre Formation aus Sandsteinfelsen, knapp 40 Meter hoch und einige Millionen Jahre alt. Die markanten Felsen im Teutoburger Wald ziehen jedes Jahr mehr als eine halbe Million Besucher an.

Für manche sind die Externsteine im Teutoburger Wald mehr als ein paar Felsen. © Oliver Burgard

Manche streifen vorher mit dem Naturcoach durch den Wald. Michael Peche bietet zwei verschiedene Touren an: "Die Magie der Externsteine" dauert zwei Stunden, auf dem Flyer steht: "eine fantastische Reise in die fabelhafte Welt der Bäume und Pflanzen". Die andere Route steht unter dem Motto "Die Seele der Externsteine". In rund sechs Stunden will Peche mit seinen Kunden  den "Mythos des Kraftortes aufspüren" und Orte mit besonderer Ausstrahlung im Teutoburger Wald aufsuchen. Die Touren wurden von der zuständigen Behörde, dem Landesverband Lippe, geprüft und gehören seitdem zum offiziellen Erlebnisangebot rund um die Externsteine. 

Magie, Mythos, Seele, Kraftort – die Schlagwörter, die Peche benutzt, ziehen Menschen an, die daran glauben, dass die Externsteine mehr sind als über die Jahrmillionen geformter Sandstein. Dass eine überirdische Energie in ihnen steckt. Es gibt ziemlich viele dieser Menschen. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Felsen seit Jahrhunderten, vielleicht auch Jahrtausenden, für spirituelle Rituale benutzt werden. Die legendäre Irminsul, ein germanisches Heiligtum, soll hier gestanden haben, bevor Karl der Große den Befehl gab, sie zu zerstören.

Später wurden die Felsen zu einer christlichen Anlage umgestaltet. Davon zeugt ein eindrucksvolles Relief, das im Mittelalter in den Stein geschlagen wurde, es zeigt, wie Jesus Christus vom Kreuz genommen wird. Noch später knüpften die Nationalsozialisten an die vermeintliche Tradition des germanischen Heiligtums an und nutzten den Ort als Bühne für völkische Propaganda.

Noch immer ein Rätsel

Bis heute sind die Externsteine nicht vollständig enträtselt. Im höchsten Felsen, auch Turmfelsen genannt, gibt es oben eine Nische mit einem kleinen Altar und einem kreisrunden Loch in der Wand. Dieses Sonnenloch ist der Grund dafür, dass die Felsen manchmal als das deutsche Stonehenge bezeichnet werden. Denn ähnlich wie die englische Anlage ist auch die Position des Lochs in den Externsteinen angeblich auf den Sonnenstand zur Sommersonnenwende ausgerichtet. Aber auch das ist nur eine umstrittene Hypothese, die manche Menschen plausibel finden und von anderen angezweifelt wird.

Das Loch im Turmfelsen soll auf den Stand der Sonne zur Sommersonnenwende ausgerichtet sein. © Oliver Burgard

Eine weitere Parallele zwischen Stonehenge und den westfälischen Felsen: Zur Sommersonnenwende verwandelt sich das Gelände in eine Bühne für ein inoffizielles Eso-Festival. Es wird musiziert und getanzt, geraucht und getrunken. Michael Peche hat miterlebt, wie Hunderte Menschen vor den Felsen campierten und die kürzeste Nacht des Jahres am Lagerfeuer verbrachten, um gemeinsam den Sonnenaufgang zu erleben: "Da gab es viele magische Momente", sagt er.

Die Behörden ignorierten die Sonnenwendfeiern lange, doch irgendwann wurde es zu viel. Zu viel Alkohol, zu viele andere Drogen, zu viele Menschen, zu viel Müll am Morgen danach. Seit 2010 ist wildes Camping und offenes Feuer vor den Felsen verboten. Seither geht es am 21. Juni ruhiger zu.

Die Rituale finden weiterhin statt, nur nicht mehr direkt vor den Steinen. Michael Peche kennt die Orte, sie liegen im Wald. Und er weiß, wie die Rituale ablaufen: "Die Leute benutzen Salbei und Weihrauch, es geht um spirituelle Reinigung." Wir lassen die Felsen hinter uns und folgen einem Trampelpfad zwischen Eichen und Buchen.

Es dauert nur wenige Augenblicke, bis der Wald uns verschluckt hat. Wie eine grüne Barriere trennen die Bäume uns vom touristischen Gewusel rund um die Externsteine. Wir laufen ein Stück und stehen plötzlich am Rand eines Abhangs. Das Sonnenlicht fällt von oben hinein und beleuchtet eine Feuerstelle. Vorsichtig steigen wir hinunter und betreten den Steinkreis. Die Asche ist kalt, aber die nächste Sonnenwendfeier kommt bestimmt.