Magdeburger sind unzugänglich und unhöflich. Das sagen jene, die Magdeburger kennen, aber selbst nicht in der Stadt groß geworden sind. Der Grund: Magdeburger lachen nicht über einen Witz, der nicht witzig ist. Und sie fragen niemals, wie es einem geht, wenn es sie nicht interessiert. Damit kann nicht jeder umgehen. Was Kenner aber auch sagen: Wer sich von dieser Schroffheit nicht abschrecken lässt, dem öffnen sich Magdeburger nach einer Weile – und dann kann es sehr witzig werden.

Was für die Menschen gilt, gilt auch für die Stadt: Zunächst hat niemand Lust darauf und am Ende wundern sich alle, warum sie sich Magdeburg nicht schon viel früher angeschaut haben. Oder, um es mit den Worten eines leicht angetrunkenen Hamburgers zu sagen, eines Zugezogenen, der an einem Freitagabend in einem Magdeburger Clubs brüllte: "Magdeburg! Das ist brutal! Der wilde Osten!"

Magdeburg also, stolze Hauptstadt Sachsen-Anhalts: 230.000 Einwohner, Elbe, die Mitte von Deutschland. Es ist die zweitgrünste Stadt des Landes, und das "A" im Namen wird kurz ausgesprochen, alle Tagesschau-Sprecher machen das falsch. Der 1. FC Magdeburg, 1974 Europapokalsieger, spielt seit dieser Saison endlich in der dritten Liga. Die Handballer vom SC Magdeburg sind schon lange vorn mit dabei, sie gehören zu den erfolgreichsten deutschen Mannschaften. Über so etwas freuen sich die Magdeburger, sie werden dann richtiggehend enthusiastisch. Natürlich nur kurz.

Der Dom wundert sich

Jeder, wirklich jeder, der hier geboren oder aufgewachsen ist, kennt das Magdeburger Lied, in dem der Zoo, der Barleber See und der Omnibus besungen werden. Ein Kinderchor trällert im Refrain so einfach wie treffend: "Ist denn die Elbe immer noch die selbe? // Fragt sich der Dom und wundert sich. // So viel Verkehr, Häuser und noch mehr. // Hab ich früher wirklich nicht gesehen." Ein Lied, bescheiden, verbindend, man muss schmunzeln und mag es trotzdem. Ein Lied wie die darin besungene Stadt.

Wer am Hauptbahnhof aus-, um- oder einsteigt, sieht den Magdeburger Charme nicht gleich. Es ist einer dieser dunklen Bahnhöfe, für die noch keine Zeit war. Vor dem Bahnhof gibt es viel Nichts und einen McDonalds, seit Neuestem auch eine Burger-King-Filiale. Für Autofahrer ist der erste Eindruck kaum besser: Magdeburg grüßt die Schnellstraße mit seinen Plattenbauten, immerhin mit verschiedenen farblichen Akzenten.

In Magdeburg leben 19.000 Studierende, die meisten davon besuchen die Otto-von-Guericke-Universität. Studiengebühren gibt es dort nicht, die Professoren kennen ihre Studierenden noch per Namen. Hört man sich bei den Studenten um, wie ihnen dieses Magdeburg denn nun eigentlich gefalle, antworten die meisten: Besser als erwartet. Die Stadt werde unterschätzt.

Leben, feiern, spazieren gehen

Magdeburg ist ziemlich ideal für Menschen, denen Berlin zu groß, München zu schick und Hamburg zu teuer ist. Hier können Studierende mit ihren WGs noch mitten in der Stadt wohnen, Altbau, und sich sogar ein Wohnzimmer leisten. Kleinstadtflair unter Großstadtbedingungen. Man kennt jede Ecke, braucht nirgendwohin länger als eine Viertelstunde mit dem Fahrrad. Wer ins Theater gehen will, hat die Wahl zwischen Opernhaus, Schauspielhaus, zwei kleineren Theatern und dem Puppentheater. Genug, aber so überschaubar, dass keine stundenlangen Diskussionen für die Abendplanung nötig sind.

Allabendlicher Treffpunkt ist der Hasselbachplatz. Rundherum gibt es Dutzende Bars, einige davon Tür an Tür, die meisten mit Raucherbereich, das Bier fast überall günstiger als 3 Euro. Wer tanzen will, findet meist auch etwas, am größten ist das Angebot für die Techno-Szene: eine kleine glitzerige Seifenblasenwelt, in der die Musik so lange an bleibt, wie getanzt wird. Da ist Magdeburg besser als so manche Millionenstadt.

Im Sommer veranstaltet das Kunstkantine-Kollektiv jeden Sonntag ein Open Air hinter ihrem Club, genannt Datsche. Junge Menschen, einige mit kleinen Kindern, lassen sich dann auf der dazugehörigen Wiese, dem aufgeschütteten Sand oder auf den Liegestühlen die Sonne ins Gesicht scheinen. Elektronische Musik, Burger, ein kleiner Spielplatz. Über dem Gelände hängen Lichterketten aus bunten Stoffkugeln.

Magdeburg – Ottostadt

In den vergangenen Jahren hat der Verein Kulturanker in leerstehenden Häusern Kunstveranstaltungen organisiert. Bisheriger Höhepunkt der Reihe war ein Projekt auf dem ehemaligen JVA-Gelände: Das stillgelegte Magdeburger Gefängnis war wochenlang geöffnet, die ehemaligen Zellen konnten Künstler für Filmvorführungen, Objektkunst oder als Gemäldegalerien nutzen. Knast wird Kunst. Statt Gefangener fand man im Innenhof des Geländes eine Theaterbühne, Topfpflanzen und Diskokugeln. Auch in diesem Jahr startet der Verein wieder Veranstaltungen in der JVA.

Der Innenhof der JVA Magdeburg während des Sommers 2015 © Valerie Schönian

Magdeburg nennt sich auch Otto-Stadt, weil Otto der I., erster deutscher Kaiser, die Stadt erstmalig groß machte. Und weil ein zweiter Otto, Otto von Guericke, hier die Existenz eines Vakuums bewies. Weitere große bis mittelgroße Persönlichkeiten, die irgendwann mal in Magdeburg gelebt haben: Martin Luther, Stefan Kretzschmar und Sigmar Gabriel.

Magdeburg wurde während des Dreißigjährigen Krieges und später während des Zweiten Weltkriegs zu großen Teilen zerstört. Nun wirkt halt alles etwas zusammengewürfelt. Aber es ist ein schöner Würfel: gelbe und weiße Altbauten neben heruntergekommener Platte neben renovierter Platte neben einem Hundertwasserhaus. Und über all das ragt der 104 Meter hohe Dom, der älteste gotische Sakralbau Deutschlands. 

Vom Turm der nahe der Elbe gelegenen Johanneskirche ist zu sehen, wie viele Parks es in Magdeburg gibt. Der größte ist der Stadtpark Rotehorn, er liegt auf einer kleinen Insel zwischen zwei Flussarmen der Elbe. Dort gibt es einen Strand und die sogenannte Rotehornspitze: das Ende der Insel. Hier sitzen die Menschen auf Steinen, um sie herum fließt das Elbwasser, auf dem gegenüberliegendem Ufer radeln Fahrradfahrer den Elbweg entlang. Hier sitzend kann man wunderbar die Länge der Tage vergessen, bevor man das ganze Wochenende durchtanzt oder in wenigen Schritten ein halbes Dutzend Bars abklappert. Das ist er, der wilde Osten.