Fischerhäuser und Kapitänshäuser, reetgedecktes Fachwerk und einfacher Rotklinker, Altbauvillen und Designer-Neubauten stehen kreuz und quer auf den Terrassen des grünen Elbhangs. Hier und da wehen Fahnen verschiedener Nationen im Wind, auch die Totenkopfflagge des FC St. Pauli. Eine Fähre tuckert vom Anleger Op'n Bulln auf die andere Elbseite nach Cranz ins Alte Land. Ab und zu schiebt sich eines der riesigen Pötte vorbei, auf denen die bunten Metallcontainer bis knapp unter die Kommandobrücke gestapelt sind. Der Hamburger Hafen ist nur fünf Kilometer entfernt ist, am Horizont ragen die Kräne auf.

Der Ausblick im Kaffeegarten Schuldt ist spektakulär. Er befindet sich weit oben auf dem 75 Meter hohen Süllberg im Blankeneser Treppenviertel, das 58 Treppen und ganze 4.864 Stufen vorweisen kann. Es wird auch Hamburger Riviera genannt oder dänisches Positano – dänisch, weil Blankenese mal zu Dänemark gehörte, und Positano weil es mit seinen verwinkelten Gassen an den Ort an der italienischen Amalfiküste erinnert.

Das Treppenviertel ist eine in sich geschlossene Idylle, die irgendwie mediterran wirkt, dafür aber etwas zu aufgeräumt ist. Es ist kein Wunder, dass sich an einem so attraktiven Ort die Schönen und Reichen niedergelassen haben. Die Gentrifizierung begann hier allerdings schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich wohlhabende Hamburger Kaufleute, die sogenannten Pfeffersäcke, Landhäuser in dem ehemaligen Fischerdorf bauten. 

Zum Strand? Immer nach unten. © Oliver Schindler

Kaffeepulver mitbringen

Blankenese bedeutet "glänzende Nase". Der Name beruht auf einer nasenförmigen Sandbank, die nicht mehr existiert, weil sie einst von einer Sturmflut weggespült wurde. Gerne weisen Hamburger aber darauf hin, dass der Name eigentlich nicht passe, weil die typische Blankeneser Nase eben nicht glänzt, sondern von Puder mattiert ist.

Aber es geht auch geerdet zu im Nobelviertel: "Der alte Brauch wird nicht gebrochen – hier können Familien Kaffee kochen" lautet das Motto, das im Kaffeegarten Schuldt seit 1877 gilt. So wie in bayerischen Biergärten die eigene Brotzeit mitgebracht werden darf, ist es hier möglich, Kaffeepulver mitzunehmen und vom Personal aufgießen zu lassen. "Den Brauch gibt es immer noch, aber heute ist es eher ein Spaß", sagt Holger von Elm. Der 58-Jährige führt den Familienbetrieb, den seine Urgroßmutter einst eröffnet hatte. Mitgebrachter Kaffee werde noch immer mit der Hand aufgegossen, nur die alten Kannen, in die vierzig Tassen Kaffee passen, benutzten sie nicht mehr, sagt der Chef.

Holger von Elm gilt als echter Blankeneser, da seine Familie seit fünf Generationen hier lebt. Als Blankeneser darf sich nämlich nur bezeichnen, wer wenigstens Großeltern hat, die hier geboren wurden. Als der Kaffeegarten Schuldt Ende des 19. Jahrhunderts den Betrieb aufnahm, war Kaffee noch ein rares und teures Gut. "Die Gäste kamen mit der Fähre aus Hamburg, um einen Ausflug ins Fischerdorf zu machen, und brachten ihren Kaffee mit", erklärt von Elm. Das Aufgießen war und ist natürlich nicht umsonst. Der Spaß kostet heute 1,50 Euro für drei Tassen.

Unterhalb des Treppenviertels befindet sich der Elbstrand, der von Övelgönne bis zur Stadtgrenze rund zehn Kilometer lang ist. Den Stadtstrand hat Hamburg mit Metropolen wie Rio, Tel Aviv oder Barcelona gemein, auch wenn er hier nicht am Meer liegt. Die Elbe gilt zwar als relativ sauber, aber es ist dennoch zu gefährlich, an Blankeneses Stränden zu baden, einerseits wegen der Strömung von Ebbe und Flut, andererseits wegen des Sogs der großen Frachter. Die sind hier zum Greifen nah, denn die Fahrrinne verläuft nicht weit vom Ufer. 

Der Elbstrand von Blankenese im Gegenlicht der untergehenden Sonne. © Oliver Schindler

Ein Rest Naturstrand

Wer von der City aus nach Blankenese kommt, sollte nicht im Treppenviertel umdrehen, sondern noch einen Kilometer weiter nach Westen laufen. Dort finden Ausflügler nämlich den letzten Naturstrand Hamburgs, das Falkensteiner Ufer: Der bewaldete Elbhang reicht hinunter bis an den Strand, der jetzt immer breiter und düniger wird.

Eine Seifenblasenmaschine rotiert und schickt ihre wabernden Gebilde in den Sommerhimmel. Ein grüner Traktor zieht einen Wohnwagen im Schneckentempo durch den tiefen Elbsand. Eine silberne Looping-Rutsche, die einfach so auf dem Dach eines Backsteinhäuschens steht, sorgt für staunende Gesichter auf dem Spielplatz. Auf dem Elbecamp am Falkensteiner Ufer wechseln sich altweiße Wohnmobile mit extravaganten Zirkuswagen und ausrangierten Feuerwehren ab, auch bunte Bauwagen und Bullis  haben hier ihren Stellplatz. Auf diesem hippiesken Campingplatz  gibt es keine Parzellen, Vorzelte und Jägerzäune, keine Verbotsschilder und auch keine Werbung, die ist selbst auf den Sonnenschirmen überklebt.

Am buntesten aber sind die Menschen selbst. Von der Terrasse des Café Lukus lassen sie sich ganz wunderbar beobachten. Der Leiter des Elbecamps, Garip Yavuz, ist auch oft hier. Er erzählt, dass man auf seinem Campingplatz alle sozialen Schichten treffe: Ausflügler aus Hamburg, Urlauber aus der ganzen Welt, und die Dauercamper natürlich, von denen es 47 gibt. "Jeder kann hier so sein, wie er ist", sagt Yavuz, Vielfalt ist ihm wichtig. Echte Blankeneser sind natürlich auch unter den Gästen.