Als ich das erste Mal nach Dubai reiste, war ich verunsichert. Wie würde ich das Land empfinden, das einerseits gerade die Moderne am Reißbrett plante und andererseits rückständige Gesetze gegen Männer wie mich umsetzte? Schwule gab es dort offiziell nicht. Das Emirat am Persischen Golf verhängt mehrjährige Haftstrafen für homosexuelle Handlungen verbunden mit anschließender Deportation für Ausländer. Achtsam, vorsichtig, zurückhaltend bewegte ich mich in der Metropole, ja nicht auffallen. 

Für Homosexuelle stellen sich Verhaltensfragen ganz automatisch, wenn sie verreisen wollen. Die Planung von Urlaubs- und Geschäftsreisen sieht einfach anders aus als für die Mehrheit der Gesellschaft. Sie hat etwas Existenzielles. In welches Land kann ich gefahrlos einreisen? Wo muss ich mich nicht verstellen? Welche Kompromisse will ich eingehen, um mir eine weltberühmte Sehenswürdigkeit anzusehen?

Ich wähle Reiseziele auch nach solchen Kriterien aus. Nach Kapstadt bin ich gern gefahren, weil ich weiß, dass es eine gut verankerte Szene in der Waterkant gibt. In ländlichen Gegenden Südafrikas würde ich mich gleich unsicherer fühlen, weil trotz einer progressiven Gesetzgebung noch viele Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben herrschen. Überhaupt stehen nicht wenige Länder Afrikas auf meiner persönlichen Reise-Blacklist genauso wie Saudi-Arabien und Russland. Die Türkei reizt mich seit den Polizeiattacken auf Demonstranten der Pride-Parade im Frühjahr auch nicht mehr. 

In der Vergangenheit habe ich Erfahrungen gemacht, die mir bestimmte Ziele vergällt haben. In Belgrad habe ich mich gefühlt, als wäre ich in den 1950er Jahren gelandet, so versteckt lebten die Schwulen dort, die mir von brutalen Angriffen und heimlicher Liebe erzählten. In die lettische Hauptstadt Riga reiste ich unwissentlich am selben Wochenende, an dem rechte Hooligans auf CSD-Teilnehmer losstürmten. Ich war geschockt.  

Leichte Paranoia entwickelt

Kein Wunder, dass ich schon vor meiner Dubai-Reise eine leichte Paranoia entwickelt hatte. Eine Google-Recherche machte es nicht besser. Ich tippte ein: "gay traveler Dubai" und fand einen Bericht über ein kanadisches Paar, das dort 28 Tage im Gefängnis saß. Der offizielle Grund war, dass einer der beiden Männer ein verschreibungspflichtiges Medikament bei sich führte, das in den Vereinigten Arabischen Emiraten verboten war. Die Männer selbst waren sich allerdings sicher, dass sie als homosexuelles Paar gezielt am Flughafen ausgesiebt worden seien.

In Blogeinträgen wurde gleichgeschlechtlichen Paaren davon abgeraten, in den Emiraten ein Zimmer mit Doppelbett zu buchen. Zum Glück, dachte ich, war ich allein unterwegs. Ich fand auch einen Zeitungsartikel über eine Kuwaiter Initiative, die sich damit brüstete, Homosexuelle mit medizinischen Tests bei der Einreise "aufzuspüren". An all das dachte ich, als ich schließlich vor der Passkontrolle in Duabi stand, wo ich mich zum Glück nur über eine lange Schlange ärgern musste.

Urlaubsreisende können sich ihre Ziele natürlich selbst aussuchen. Aber was tun, wenn man geschäftlich in die Emirate reisen muss? Der Golfstaat pflegt unzählige Geschäftskontakte im Westen, eine Reise lässt sich manchmal nicht umgehen.

Das digitale Reisemagazin Man About World hat nun erstmals einen Leitfaden als App zusammengestellt, der schwulen Geschäftsreisenden helfen soll. Der LGBT Guide to Business Travel ist die erste Veröffentlichung dieser Art – unterstützt von der IGLTA, der internationalen Reisevereinigung schwul-lesbischer Veranstalter, und der Marriott-Hotelgruppe, die übrigens auch Häuser am Persischen Golf unterhält.

Der Inhalt der App ist nicht so revolutionär, wie die Beschreibung vermuten lässt. Statt länderspezifischer Sicherheitshinweise werden nur allgemeine Fragen zu Kulturverständnis und Geschäftsgebaren geklärt. Man liest Sätze wie: "Wenn Sie in ein streng islamisches Land fahren, müssen Sie vorsichtig sein", oder "wenn Sie das Hotel verlassen, ist es sogar noch wichtiger, sich diskret zu verhalten". Ein weiterer Tipp lautet: "Vielleicht suchen Sie vor Ort besser nicht nach LGBT-Leben."

In den vergangenen Jahren hat sich viel getan, was die LGBT-Rechte in Europa, Nord- und Südamerika und Australien angeht. Der Markt für Reisen unter der Regenbogenflagge boomt, es gibt schwule Kreuzfahrten und Wandertouren, ein japanisches Hotel bietet schwule Hochzeiten in einem traditionellen Resort an, obwohl es dort offiziell keine eingetragenen Partnerschaften oder gar gleichgeschlechtliche Ehen gibt.

Eine Rangliste bietet Hilfe

Jedes Jahr listet das schwule Reisemagazin Spartacus Traveler 204 Territorien in seinem Gay Travel Index auf. An erster Stelle für schwulenfreundliches Reisen stehen Schweden und Großbritannien, Deutschland folgt auf Platz 18, die Vereinigten Staaten auf Rang 30 – allerdings wurde der Index vor dem Massaker in einem LGBT-Club in Orlando diesen Juni erstellt. Ganz unten rangieren Niger, Südsudan und Mali. Die Emirate belegen Platz 191. 

Tobias Sauer ist der Chefredakteur des Spartacus Traveler, dessen Redaktion in Berlin sitzt. Er empfiehlt den Lesern keine Reisen in die Emirate oder den Iran. Nach einem unter Lesern kontrovers diskutierten Artikel über die Malediven sieht er von einer weiteren Berichterstattung über den Inselstaat im Indischen Ozean ab. Dort gilt die Scharia, Homosexualität ist strafbar, auch wenn die Touristen auf den abgeschirmten Hotelinseln davon wenig mitbekommen. "Wir freuen uns andererseits, wenn Staaten wie die Seychellen Homosexualität endlich legalisieren", sagt Tobias Sauer. "Dann können auch wir guten Gewissens über diese Länder berichten."

Eine amerikanische Kampagne für die Rechte homosexuelle Teenager trägt den Slogan "It Gets Better" – es wird besser. Das stimmt. Nie war es so einfach für schwule Männer wie mich, in das Flugzeug einer europäischen oder amerikanischen Fluglinie zu steigen, meinen Partner nach der Landung zu küssen und sich am Ankunftsort als Paar vorzustellen. Ich schätze, die Hälfte der Welt steht uns inzwischen offen gegenüber. Und es wäre schön, wenn sich dieser Prozentsatz erhöhen würde. Denn auch das ist Gleichberechtigung von Hetero- und Homosexuellen: dieselbe Vorfreude für dasselbe Reiseziel zu teilen.