Jeden Tag trampelt Knútur Ármann auf seinem besten Mitarbeiter herum. Mal in Gummistiefeln, mal in Turnschuhen; entschlossenen und trotzdem leicht federnden Schrittes. Der beste Mitarbeiter des Isländers ist die Erde unter seinen Füßen. "Alles, was wir hier machen, machen wir mithilfe der Natur", sagt der 43-Jährige und prüft gleichzeitig mit sehr blauen Augen, was an der Theke in seinem Gewächshaus vor sich geht. Theke? Gewächshaus? Noch mal von vorn.

Knútur Ármann baut Tomaten an auf Island, jener schroffen Insel am Polarkreis, mit der Kälte, Ponys, Vulkane und äußerst freundliche Menschen, die zuletzt als begeisterte Fans bei der Fußball-EM-Premiere ihres Teams in Frankreich auffielen, in Verbindung gebracht werden. Vielleicht denkt man bei Island noch an Polarlichter oder dicke Strickpullover mit halbkreisförmig angeordneten Mustern – aber doch nicht an Tomaten!

Dabei hat sich Island längst zum Gemüseparadies entwickelt. Schon seit 1924 beheizen die Isländer ihre Gewächshäuser kostengünstig per Erdwärme, immer mehr futuristisch anmutende Glasbauten strahlen nachts vom Boden aus gegen die grünen Polarlichter am Horizont an.

Möglich macht dies die geologische Beschaffenheit der Insel. Das Wasser aus dem Boden misst 90 bis 95 Grad Celsius und sorgt nicht nur in Wohnhäusern für angenehme Temperaturen und im Winter für eine Art Fußbodenheizung auf der bekanntesten Einkaufsstraße in Reykjavík, sondern auch für gemüsefreundliche Wärme in den Gewächshäusern des Landes. Fast den kompletten Energiebedarf der Insel deckt die Natur auf diese Weise ab, auch Strom wird über Geothermie erzeugt.

Der Gemüsegeschäftszweig wächst, 68 Prozent des auf Island verzehrten Gemüses – Kartoffeln, Gurken, Tomaten, Rüben, Pilze, Möhren, Salat, Paprika, Kohl, Brokkoli und Blumenkohl – stammen aus heimischem Anbau, sagt Katrin Maria Andresdóttir, Vorsitzende der Isländischen Vereinigung der Erwerbsgartenbauproduzenten (Icelandic Association of Horticulture Producers). "Export gibt es kaum, wir verkaufen nur geringe Mengen nach Grönland und auf die Färöer-Inseln, hauptsächlich Kartoffeln, Gurken und Tomaten." Die meisten Produkte verließen das Land gar nicht erst. So würden fast alle Gurken, die auf Island verkauft werden (99,6 Prozent) auch auf der Insel angebaut.

Vor 20 Jahren zogen Knútur Ármann und seine Frau Helena Hermundardóttir von Reykjavík ins 90 Kilometer entfernte Reykholt und übernahmen dort leer stehende Gewächshäuser. Dem Paar war das Leben in der einzigen isländischen Großstadt zu unruhig geworden. Für Island-Verhältnisse, wo auf den Quadratkilometer nur drei Menschen kommen und mehr als ein Drittel der Inselbevölkerung in der Hauptstadt ansässig ist, gilt Reykjavík als äußerst schnelllebig und kräftezehrend.

Seitdem baut Knútur Ármann also Tomaten an, knapp ein Fünftel der gesamten Produktion auf Island, etwa 1.600 Tonnen pro Jahr. Im Supermarkt zahlt man für ein Kilo Inseltomaten umgerechnet bis zu sieben Euro, importiertes Gemüse, etwa aus den Niederlanden, ist günstiger. Die Isländer zahlen für lokale Produkte jedoch gerne etwas mehr. "Der Geschmack ist einfach besser", verkündet der gelernte Landwirt, der sein Geld inzwischen nicht nur mit Gemüseanbau und Pferdezucht verdient, sondern auch damit, erstaunten Touristen den isländischen Tomatentraum näherzubringen.