Wie bringt man als Beifahrer ein Auto in Wales zum Stehen? Ganz einfach, man sagt: "Das ist aber schön hier in England." Der walisische Nationalstolz wiegt so schwer, dass er schlagartig über den rechten Fuß des Fahrers den Weg auf die Bremse findet.

Fremdenführer Noel Clawson dreht seinen Kopf nach links in Richtung Beifahrersitz: "Wales ist nicht England und Waliser sind keine Engländer", sagt er. Dann schaut er in den Rückspiegel und drückt wieder aufs Gas. Tatsächlich hat Wales im Südwesten der Insel nicht nur eine ganz eigene Geschichte, sondern seit 1998 auch ein Parlament, das eigene Gesetze macht. Sie haben es selbst in der Hand, "alles außer Steuern und Militär", sagt Noel Clawson stolz.

Wales arbeitet praktisch seit der Zwangsvereinigung mit England im Jahr 1535 beharrlich an seinem Nationalstolz und seiner Selbständigkeit. In Sachen Tourismus ist dem kleinen Land – es ist nur gut 110 Kilometer breit und 240 Kilometer lang – eine kleine Sensation gelungen. 2012  eröffnete der "Wales Coast Path", mit seinen 1.400 Kilometern ist er der weltweit längste zusammenhängende Wanderweg entlang einer Landesküste. Er führt von Queensferry im Norden bis nach Chepstow im Süden, immer an der Irischen See entlang.

Wie vieles in Wales sind auch die Schilder entlang des Coastal Path zweisprachig: Englisch und Walisisch. © Photofusion/Getty Images

Die Hauptstadt Cardiff ist ein perfekter Einstiegspunkt in den Coast Path. Auf der großen Flagge am Turm von Bute Castle flattert eine rote Echse mit spitzer Zunge und fledermausartigen Flügeln im Küstenwind. Der feuerspeiende Drache ist das Nationalsymbol von Wales und hier genau an der richtigen Stelle, denn Cardiff hat ein besonderes Verhältnis zum Feuer: Jahrhunderte lang haben sich die Anwohner hier in die Erde gegraben, um es am brennen zu halten. Die Kohle war es, die Cardiff als Hafenstadt und Metropole im 19. Jahrhundert reich und berühmt gemacht hat. Zwischenzeitlich war die Stadt der weltweit größte Umschlagplatz für das schwarze Gold. Noch heute zeugen große Bauwerke wie das eindrucksvolle Schloss der Unternehmer-Familie Bute davon. 

Palmen und Feigenbäume

Aber auch wesentlich kleinere, wie das Haus von Mr. Pettigrew, dem Gärtner der Familie Bute. Heute beherbergt der viktorianisch-verspielte Backsteinbau ein Café, auf dem Hof stehen kleine Tische mit Spitzendeckchen. Der dampfende Tee schmeckt großartig und die Besucherin Francis Potts fühlt sich bemüßigt zu erklären, warum: "Wir Briten würden niemals Teebeutel benutzen", sagt sie, während sie in ihrer Tasse mit Blümchen-Dekor rührt. "Wir trinken den Tee aus einer Kanne, mit einem Sieb und frischen Teeblättern. Und wir benutzen niemals altes Wasser, das schon mal gekocht hat." Wales mag eigenständig sein, die Regeln der britischen tea time aber gelten hier genauso. 

Etwa drei Tagesmärsche entfernt und ebenfalls an der Südküste liegt die Hafenstadt Swansea. Hier zeigt sich die ganze Vielfalt des Coast Path: Hafenanlagen, Kräne und Industrie auf der einen, fast unberührte Natur auf der anderen Seite. Auf dem Weg nach Westen liegt der Duft von Salzwasser und Algen in der Luft, im Fischerstädtchen Mumbles ragt ein frisch geweißter, achteckiger Leuchtturm auf. Im nahe gelegenen Langland begeistern gleichmäßige Wellen die Surfer in ihren schwarzen Neoprenanzügen. Und in den Gärten am Wegesrand stehen Palmen und Feigenbäume. Wie das sein kann? "Ganz einfach", antwortet ein Gärtner mit Wasserschlauch in der Hand, "möglich macht das die Wärme des Golfstroms."

Das nächste Tagesziel ist die Landzunge von Rhossili Beach, dessen Sandstrand nicht wenige für den schönsten Großbritanniens halten. Gut vier Meilen zieht sich die makellose Sandfläche am Bristolkanal entlang, an den Seiten begrenzt von malerischen Grashügeln und steilen Felsklippen. Auf einer dieser Klippen steht seit fast 140 Jahren das Wormshead-Hotel und trotzt Wind, Wetter und Meer. Der Gastwirt heißt Julian Short und ist 75 Jahre alt. Jeden Tag schaut er hinunter auf den berühmten Strand, dessen dunkles Geheimnis nur bei Vollmond zum Vorschein kommt. Der alte Short erzählt die Geschichte gern, wenn Besucher von außerhalb im Pub auftauchen.

Das Geistermädchen vom Schiffswrack

"Dort unten am Strand liegt das Wrack des Segelschiffs Helvetia. In einer Sturmnacht 1887 wurde es mit einer Laterne angelockt, lief auf Grund und wurde geplündert." Short hält inne und macht große Augen. "Immer bei Ebbe ragen die Schiffsrippen aus dem Sand. Und immer bei Vollmond irrt ein Mädchen mit einer Laterne über den Strand. Man sagt, es sei der Geist des Mädchens, das für das Anlocken des Schiffes gehängt wurde."

Der Coastal Path führt auch durch den Pembrokeshire Nationalpark im Südwesten von Wales. © Photofusion/Getty Images

Nach einer windumtosten – und glücklicherweise mondlosen – Nacht im Hotel geht es entspannt weiter auf dem Coastal Path. Eine, die sich hier gut auskennt ist Kathrin Thomas, als Parkranger kümmert sie sich im Auftrag des National Trust um die Instandhaltung des Küstenwanderwegs. Ihr Lieblingsplatz ist die Bucht von Caerfai Bay an der Küste von St. Davids, wo das Meer rauer und die Küste felsiger wird. Sie steht in Windjacke und Arbeitshose auf einer grasbewachsenen Steilklippe, unten donnern die Wellen an den Strand. Der beständige Wind läuft in Wellen durch das satte Grün und lässt das Sonnenlicht auf den Grashalmen glitzern. "Die Schönheit und Macht des Meeres auf diese Weise zu erleben, ist einfach beeindruckend", schwärmt sie.

Beeindruckend sind auch die vielen gewundenen Pfade und Feldwege entlang der walisischen Küste bis zum Ende des Coastal Path am Fluss Dee in Queensferry. Hinter jeder Kurve wartet eine neue Überraschung. Mal ist es eine wunderschön geschwungene Bucht, mal ein Fischerdorf, mal eine entlegene Burg. Manchmal überraschen einen auch entgegenkommende Pferde, walisische Wildpferde, um genau zu sein. Störrisch trotten sie auf einen zu und machen keine Anstalten, auszuweichen.

"Ja, die sind dickköpfig", sagt der Barkeeper Scott Thomas am Ende eines Wandertages im Hotel-Pub. Platz machen die nur der Flut. Thomas zapft ein frisches Bier und holt aus: "Die leben seit Jahrhunderten hier, nicht nur an der Steilküste, sondern auch auf den Salzwiesen direkt am Meer. Bei Ebbe fressen die sich da ordentlich satt, kommt die Flut, setzen sie sich widerwillig in Bewegung." Eine kleine Anhöhe reicht den walisischen Pferden, dort warten sie dann, regungslos und vom Wasser eingeschlossen. Die nächste Ebbe kommt bestimmt.