"Habt ihr auch nur 200.000 Dong für die Überfahrt bezahlt?", will der Kanadier mit den salzwasserblondierten Haaren wissen. Die Frage hat gesessen. Der Typ hat gerade alle Knöpfe gedrückt, die mich in den Kampfmodus schalten. Unter Rucksackreisenden herrscht ein unausgesprochener Wettstreit um den besten Preis.

Ich drehe mich zu Angh, meinem vietnamesischen Kumpel, der mit mir auf dem Motorrad sitzt, flüstere ihm zu: "Angh, wie ist das möglich? 40.000 Dong weniger als wir? Du hast doch die Tickets direkt vom Kapitän gekauft – als Einheimischer?" Angh guckt mich ratlos an. Wir befinden uns auf einer kleinen Insel vor der nordvietnamesischen Küste, dem Kanadier und seiner Freundin sind wir anderswo schon mal begegnet. Ich wende mich den beiden wieder zu und wünsche ihnen mit gespielter Nettigkeit eine gute Zeit.

Besserwisserei, Prahlerei und Preiskampf sind mir auf meiner Südostasienreise immer wieder begegnet. Wenn andere Backpacker mir großspurig erzählen, wo es die beste Nudelsuppe im Dorf gibt, obwohl sie gerade erst angekommen sind. Wenn sie versichern, dass der Bergpass, den sie genommen haben, die beste Motorradstrecke im ganzen Land sei, obwohl sie ja nur diese Straße kennen. Ich stecke dann in einem Dilemma: Soll ich mithalten und selbst zum Angeber werden? Oder soll ich dem Vergleichsdrang widerstehen und die Geschichten der anderen einfach überhören?

Warum sind wir überhaupt noch unterwegs?

Wenn die erste Frage einer Reisebekanntschaft ist, ob ich auch den Preis für das Visa drücken konnte, dann stimmt doch was nicht. Dann frage ich mich, warum wir überhaupt unterwegs sind am anderen Ende der Welt. Sind Fernreisen im Zeitalter von tripadvisor.de, hostels.com und opodo.de zu einfach geworden? So einfach, dass nicht mehr die Fremde selbst das Abenteuer ist, sondern der Wettstreit mit anderen Backpackern?

Was treibt uns heute in die Ferne: Neugier oder Neid? Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, habe ich mich mit Rucksackreisenden in Vietnam und Laos unterhalten.

Zum Beispiel mit Franziska aus Deutschland, die 30 ist und die Schaufenster bei einer großen Modekette dekoriert. Sie ist zusammen mit ihrem Freund unterwegs, einem Kartographen. Beide haben ihren Job auf Eis gelegt und die Hälfte ihrer einjährigen Weltreise hinter sich. In den letzten Monaten sind ihnen viele Reisende mit Höher-schneller-weiter-Mentalität begegnet. Franziska erzählt eine Anekdote aus Nepal: "Auf dem beliebten Annapurna-Rundwanderweg im Himalaya sind wir immer wieder auf Leute getroffen, die sagten, wir müssten unbedingt den Abzweig zum höchstgelegenen See der Welt nehmen. Irgendwann haben wir uns richtig unter Druck gesetzt gefühlt." Sie haben sich trotzdem dagegen entschieden. "Wir hatten schon den tiefsten See gesehen", sagt Franziska. "Müssen wir jetzt dahin, nur weil es der höchste ist? Und als nächstes dann auch noch zum blausten, stillsten und saubersten See der Welt?"

Die beiden Däninnen Sofie und Clara erzählen, dass andere Reisende sie oft zu Aktivitäten überreden wollten. Sofie sagt: "Man bekommt schon das Gefühl vermittelt, dass man langweilig ist, wenn man nicht die ganze Nacht im Hostel mitfeiert und das letzte aus der Zitrone herausquetscht." Weil das beiden auf die Nerven ging, beschlossen sie irgendwann, andere Backpackern zu meiden. Zu oft seien die Begegnungen oberflächlich gewesen: Wer war wo? Wie viel hat er bezahlt?

Preise drücken aus Reflex

Franziska hat auch festgestellt, dass Backpacker aus dem Westen oft schonungsloser die Preise drücken als Einheimische. "Wenn ein Inder für 1.000 Rupien ein Zimmer mit Frühstück bekommt, dann weiß der, das ist ein guter Preis. Da wird nicht mehr verhandelt. Die Backpacker wollen trotzdem Rabatt." Ihre Beobachtung legt nahe, dass das Handeln bei einigen zum Reflex geworden kann. Es geht dann nicht mehr darum, ob ein Preis fair ist, sondern ob er sich noch um einen Euro drücken lässt, damit man später damit angeben kann.

Der 58-jährige Australier Alf hat bei der heutigen Backpackergeneration ähnliches beobachtet. Alf lebt und arbeitet seit 31 Jahren in Südostasien, zuletzt hat er Vietnam, Kambodscha und Thailand mit dem Fahrrad durchquert. "Oft sehe ich, wie junge Leute mit schweren Rucksäcken die Straße hoch- und runterlaufen. Von einem Hotel zum nächsten, nur um irgendwo noch ein paar Cents weniger zu zahlen. Manche machen das auch mit ihrem Motorrad und geben am Ende mehr Geld für Benzin aus, als sie bei der Unterkunft einsparen."

Ich will noch mal zum Anfang der Geschichte zurückkehren, nach Nordvietnam. Einen Tag, nachdem wir die Kanadier getroffen hatten, haben Angh und ich die Insel wieder verlassen. Weil es dasselbe Boot war, mit dem wir gekommen waren, fragte Angh den Kapitän nach dem Sonderrabatt für die Kanadier. Der Kapitän antwortete, dass er von ihnen auch 240.000 Dong verlangt habe. Aber die beiden hätten wohl nicht verstanden und ihm immer wieder 200.000 Dong hingehalten. Er habe sie dann einfach mitgenommen für den Preis.