Wer nach Breslau möchte, das auf Polnisch Wrocław heißt, nimmt am besten das Flugzeug. Oder das eigene Auto. Die Zugverbindungen zwischen Deutschland und seinem Nachbarn Polen sind generell nicht gut, und nach Breslau sind sie miserabel – eine traurige Tatsache im deutsch-polnischen Verhältnis. Für die gerade mal 360 Kilometer von Berlin nach Breslau brauchte man vor dem Zweiten Weltkrieg halb so lange wie heute. Doch wer die Mühen der Reise hinter sich gebracht hat, wird mit einer wunderschönen Stadt belohnt, die sich nach 1945 gänzlich neu erfinden musste und deren Geschichte tief bewegt.

Tag 1

Wir beginnen den Tag im Stadtmuseum, dem Muzeum Miejskie Wrocławia, das in dem ehemaligen preußischen Residenzschloss untergebracht ist. Hier sind derzeit Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus der Berliner Nationalgalerie zu Gast. Die Dauerausstellung "1000 Jahre Breslau" führt uns die vielen Schichten der Breslauer Stadtgeschichte vor Augen: Mittelalterliche Tafelbilder erzählen von der Gründung um das Jahr 1000 und der Christianisierung unter den polnischen Piasten, prachtvolle Silbermonstranzen vom katholischen Habsburgerreich, ein Schreibtisch Friedrich Wilhelms III. vom Kampf der Preußen gegen Napoleon und ein schäbiger Bollerwagen voller Koffer von der doppelten Vertreibung nach 1945: die der Deutschen aus Breslau und die der Polen – die die neuen Bewohner der Stadt wurden – aus den östlichen, an die Sowjetunion gefallenen Gebieten.

Durcheinandergewirbelt von so viel wechselhafter Historie kehren wir ein in die Bar Bara, die als Informationszentrum der europäischen Kulturhauptstadt dient. Auch dieser moderne Ort hat seine Spuren: Als Milchbar war er in der kommunistischen Zeit Treffpunkt der Oppositionellen. Im nahe gelegenen Wro Art Center werfen wir einen Blick auf Medienkunst der Gegenwart, danach schlendern wir über die ulica Świdnicka, die historische Schweidnitzer Straße. Am kleinen Schalter der Bäckerei Stara Pączkarnia stehen die Leute Schlange, um ein paar frisch frittierte süße Teigtaschen zu ergattern. Hinter der Oper, entworfen von Carl Ferdinand Langhans, passieren wir entlang des Stadtgrabens ein Mahnmal für die Opfer des ­Stalinismus von 1989, überqueren den ehemaligen preußischen Exerzierplatz und sehen vor uns das neue Musikforum, das neben Konzerten auch Ausstellungen zu bieten hat.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 120/2016

Im malerischen Vier-Konfessionen-Viertel, das hinter dem Musikforum beginnt, besuchen wir die Synagoge zum Weißen Storch, errichtet 1827–29, die – anders als die Neue Synagoge, einstmals eine der größten des Deutschen Reiches – die Po­gromnacht von 1938 überdauert hat. Auf der Galerie dokumentiert eine Ausstellung die Geschichte der Juden in Breslau mit ihren vielen bedeutenden Persönlichkeiten, eine Hochkultur, die die Nazis für immer zerstörten.

Im Restaurant des Hotel Monopol, in dem einst Marlene Dietrich zu Gast war, lassen wir den Tag ausklingen.