Wer nach Matera kommt, braucht vor allem gutes Schuhwerk. Die Besucher erwartet ein hügeliger Hindernislauf auf glattpoliertem, rutschigem Kopfsteinpflaster, mehr für die Hufen geübter Maultiere als für verwöhnte Großstadtfüße geeignet. Holprige, enge Wege und Treppen enden urplötzlich vor Eisengittern oder vor mit Unkraut überwucherten, verfallenen Mauern, an die sich gelangweilte Hunde kuscheln. Manche dieser Wege enden auch im Nirgendwo.

Diese Stadt ist ein Labyrinth aus Gassen, Höhlen, Felsenkirchen und kleinen Plätzen, die in Wirklichkeit oft die Decken darunter liegender Behausungen sind. Füße mit ausreichend Durchhaltevermögen tragen die Besucher irgendwann bis zur Talmulde der sogenannten Sassi.

Die Sassi (deutsch: die Steine), das sind der Sasso Caveoso und der Sasso Barisano. Dabei handelt es sich um zwei Schluchten, die der Fluss Gravina über Jahrtausende hinweg in den weichen Kalkstein gewaschen hat. Bereits in der Altsteinzeit sollen die dadurch entstandenen natürlichen Höhlen von den Menschen der Gegend bewohnt gewesen sein. Der weiche Tuffstein erlaubte es, die vorgefundenen Höhlen auszubauen und sie schließlich mit dem abgetragenen Gestein zu verschließen. Später versahen die Bewohner ihre Behausungen noch mit gemauerten Fassaden – fertig war die Wohnanlage.

Vor allem im frühen Mittelalter stieg die Zahl dieser Einsiedeleien stark an, an die 150 Felsenkirchen zeugen zudem von der Kultur dieses Höhlenlebens. In späteren Jahrhunderten entstand auf der Hochebene von Matera ein neuer Stadtteil und immer mehr Menschen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten, die sich die neu entstandenen Häuser nicht mehr leisten konnten, suchten in den Grotten Unterschlupf. Der Verfall der Sassi begann.

Den Turiner Schriftsteller Carlo Levi, der als aktiver Antifaschist 1935 für einige Jahre in die süditalienische Region Basilikata verbannt wurde, schockierte die Armut in den Sassi. Mit seinem 1945 veröffentlichten Roman Christus kam nur bis Eboli rückte er sie schließlich ins Licht der Weltöffentlichkeit. Carlo Levis Schwester, die ihren Bruder im Exil besuchte, beschreibt das Leben in den Sassi wie folgt: "In diesen schwarzen Löchern mit Wänden aus Erde sah ich Betten, elenden Hausrat und hingeworfene Lumpen. Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im Allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt."

Diese Worte führten zu hitzigen Parlamentsdebatten in Rom und endeten im Jahr 1952 mit einem Sondererlass der Regierung, die eine Zwangsräumung der Grotten vorsah. Die Sassi waren plötzlich la vergogna d’Italia, die Schande Italiens. Mehr als 15.000 Bewohner wurden in moderne Unterkünfte umgesiedelt. Die Felsenkirchen und Behausungen waren endgültig dem Verfall preisgegeben.