Durch diesen harten Keks muss es kommen: ein Gefühl von Weihnachten, das genau genommen gar keines ist und dabei doch so festlich wie nur irgendwas. Denn wenn die (möglichst intakten) Zähne das bissfeste Gebäck durchtrennt haben und etwas mühselig darauf rummahlen, bis es im Mundraum eine sonderbar zähe Konsistenz annimmt, entfaltet sich darin etwas höchst Ambivalentes: ein Geschmack nach Advent, wie ihn jeder handelsübliche Lebkuchen erzeugt. Nur: Die Aachener Printe ist gar kein Lebkuchen. Sagen fast alle in der Stadt. Sagt also auch Michael Nobis. Der besonders. Er lebt schließlich davon. Und das ziemlich gut.

Bereits in vierter Generation backt seine Familie das seltsam sperrige Lebensmittel mit der geschützten Herkunftsangabe. "Und die fünfte steht schon in den Startlöchern", sagt der jetzige Inhaber, 158 Jahre nachdem sein Urgroßvater den Familienbetrieb gegründet hat. Nobis’ Printen werden nach überliefertem Rezept gebacken, natürlich in Aachen, denn wie Champagner und Kölsch, Appenzeller und Parmesan hat sein Gebäck die Herkunftsbezeichnung im Namen nur verdient, wenn es vor Ort produziert wird.

In diesem Fall: im rheinischen Dreiländereck. "Ein Ort, wie gemacht für Printen", sagt Michael Nobis im weihnachtlich überfrachteten Café seines riesigen Flagshipstores, der sich angemessen demütig, aber spürbar kaufmannsstolz unterm Aachener Dom wegduckt.

Michael Nobis vor seinem Printenladen am Münsterplatz © Jan Freitag/Zeit Online

In dieser romanisch geprägten Kaiserpfalz ist das der denkbar wuchtigste Handelsplatz überhaupt. Hier, wo gerade einer der berühmtesten Weihnachtsmärkte tonnenweise Printen jeder Art in die Tüten der Touristen schaufelt, lernt man auch, dass der Name des Pfefferkuchens seit 1820 existiert und sich vom niederländischen Wort fürs Pressen traditionellen "Gebildebrots" in pittoreske Formen ableitet.

Die Gewürzmischung gleicht einem Staatsgeheimnis

In Aachen erhielt der Pfefferkuchen und bekannteste Stadtbewohner seine heutige Konsistenz: Mehl, Wasser, viel Farinzucker, aber null Fett, dazu Pottasche als Triebmittel und eine Gewürzmischung von Zimt über Anis, Nelken, Koriander bis Piment, die jeder der rund 30 von einst gut 100 Printenbäckern hütet wie ein Staatsgeheimnis.

Denn "Oecher Prente", beteuert Michael Nobis nicht frei von Eigennutz, aber durchaus glaubhaft, "sind für uns Aachener ein echtes Grundnahrungsmittel". Für diese Erkenntnis muss man sich noch nicht mal auf die verzerrte Realität des Adventsgeschäfts verlassen; es reicht ein beliebiger Tag der restlichen 48 Wochen in Aachen. Hunderte von Bäckereien verkaufen nach Heiligabend bedeutend weniger Printen als in der Kernzeit, keine Frage. Aber immer noch bedeutend mehr, um sie mit Lebkuchen zu vergleichen.

Überhaupt: Lebkuchen; in Aachen ist das ein Kampfbegriff wie Altbier im benachbarten Köln. "Das Zubehör mag ja ähnlich sein", meint die Bedienung eines der ältesten Aachener Cafés grinsend. Dank weniger Süße und weicherer Konsistenz "ist das Zeug aber irgendwie labberig", fügt sie hinzu und lacht den Zweifel des Außenstehenden am fundamentalen Unterschied lautstark durchs Lokal an der Körbergasse fort. Gegründet hat es einst Printen-Pionier Leo van der Daele. Wie andere Backdynastien mit Namen Drouven, Klein, Nobis und natürlich dem Aldi-Lieferanten Lambertz hat der Konditor mit dem belgischen Namen schon 1890 auf Printe umgestellt und sein Sortiment seither sorgsam verfeinert.

Mit Schokolade oder ohne: In Aaachen gibt es 365 Tage im Jahr Printen. © Nobis Printen

Im Erdgeschoss stapelt sich das Resultat periodischer Produktpalettenerweiterung bis unter die Decke des rappelvollen Verkaufsraums, und findet im bestens besuchten Kaffeehaus seine Fortsetzung. Dutzende verschiedener Sorten von bretthart bis butterweich, schokoladendunkel bis zuckergusshell, pur bis verziert, süß bis sehr, sehr süß treiben den typischen, pardon: Lebkuchengeruch durchs wild verwinkelte Konstrukt dreier Häuser aus der Renaissance, in dem schon mal zwei Treppen abwärts aufeinander zu führen und sich abrupt vereinen. An Orten wie diesem lebt der Mythos Printe auch fernab festlicher Anlässe. Gebacken wird gern vor Ort, serviert sowieso, im Grunde herrscht 365 Tage Bescherung.

Printenprintenprinten

Michael Nobis dagegen lässt die Ware für seine 38 Läden seit über 20 Jahren im citynahen Industriegebiet backen. Die Räume am Stammsitz Münsterplatz waren zu klein geworden für die wachsende Nachfrage bis tief ins außereuropäische Ausland. Bis zu 80 Mitarbeiter, die in Stoßzeiten bald vier Tonnen täglich produzieren, machen dabei zwar vieles von Hand; über den Fließbandcharakter im Edelstahlambiente täuscht das jedoch nicht hinweg.

Und da ist noch nicht vom früheren Hoflieferanten Henry Lambertz GmbH & Co. KG die Rede, der in seinen Fabriken locker das Zehnfache produziert und schon manchen Mitbewerber geschluckt hat. Dennoch wird der überzeugte Familienunternehmer Michael Nobis nicht müde zu beteuern, dass der absolute Marktführer genauso dazu gehöre wie seine liebsten Einzelkämpfer. Die Bäckerei Mehlkopf am Stadtrand etwa. "Kein so schönes Viertel wie wir am Dom, aber tolle Printen und gut zu tun."

Das Lob für die Konkurrenz dient natürlich der Marke, also Aachen. Neben dem bedeutsamen Karlspreis, dem Pferdesprungevent CHIO und kurzfristig mal dem (längst viertklassigen) Erstligisten Alemannia ist die Printe neben dem berühmten Dom schließlich das einzige Highlight, das ganzjährig Besucher anlockt. Wobei Michael Nobis, der 52-jährige Firmenerbe mit Meister-Diplom und BWL-Abschluss, betont: "Keiner kommt wegen der Printen nach Aachen, aber auch keiner ohne Printen heim." Oder dem, das davon zehrt.

Es gibt Printen-Karnevalsclubs und Printen-Kunstpreise, Printen-Schießen und Printen-Sagen, Printen-Tabak und Printen-Denkmäler, es gibt feines Wild mit Printenstaub im Luxushotel Quellenhof und Printen-Bäckereien im Plattenbauviertel. Es gibt, in einem Wort, Printenprintenprinten. In einer Stadt, die irgendwie das ganze Jahr Advent feiert.