Entschuldigung, aber hier stimmt doch was nicht. Sind die Waggons
enger geworden? Oder man selbst schon wieder breiter? Eine Bahnfahrt,
von München nach Hamburg, aber das wohlig vertraute ICE-Reisegefühl
will einfach nicht aufkommen. Verkrampft rutscht man im
Plastikschalensitz vor und zurück, auf der Suche nach der alten
Bequemlichkeitsstellung. Wo ist sie nur hin? Es stellt sich heraus:
Das hier ist der brandneue ICE 4, "das neue Rückgrat des Fernverkehrs
der Deutschen Bahn", da gibt es so etwas nicht mehr. Schon seit
Dezember ist die Baureihe auf dieser Strecke im Einsatz, zum
Ausprobieren. In den nächsten Jahren soll sie die meisten der älteren
ICE-Züge ersetzen. Generationswechsel, friedliche Machtübergabe im
Schienenverkehr. Man selbst darf zufälliger Gast einer Testfahrt sein.
Als hätte man noch eine weitere Erinnerung nötig, dass sich zwar
alles ändert, aber nichts zum Guten.

Schon beim Einsteigen der Schock: Wo sind bloß die tollen
Verkleidungen in Kirschholzoptik aus dem alten ICE hin? Die erinnerten
doch wenigstens entfernt noch an die Tage des mondänen Reisens. Für
den neuen Zug haben sich die Designer nicht am Train Bleu orientiert,
sondern an schwedischen Möbelhausketten mit Hackbällchenausschank. Helle Buche statt Bourbon-Teint. Material- und Farbauswahl stammen aus den Untiefen der nuller Jahre, als sich der deutsche Massengeschmack so folgenschwer abgewandt hatte vom Süden, von der Wischtechnik Toskana hin zum kühlen Skandinavien – oder zu dem, was man dafür hielt. 

Auch in Design-Fragen gilt bei der Bahn: Verspätete Bereitstellung, Anschlusstrends können leider nicht mehr erreicht werden. Statt dass der Reisende sich, zwischen Kirschholz und gedimmten Lampen, in den Nachtzug nach Mailand phantasieren darf, die geheimen Notenblätter für die Premiere an der Scala im Hutkoffer zwischen den Beinen versteckt, fühlt er sich jetzt: wie in der S-Bahn auf einer Fahrt durch die Vororte Hannovers.

Protestantischer Holzspielplatz

Die Bahn verabschiedet sich auch von einer sympathischen und in
Deutschland nicht ganz unklugen Sitte: Sie benennt ihre Züge zukünftig
nicht mehr nach unverdächtigen, langweiligen Orten ("ICE Gießen"),
sondern nach Persönlichkeit aus der deutschen Geschichte. Diesen hier
hat Margot Käßmann persönlich Martin Luther getauft, und so sieht er
auch aus. Protestantischer Holzspielplatz mit Prädikat pädagogisch
Vollkorn. Wie bei Ikea kleben an den Türen Riesenlogos, mit
abgerundeten Ecken, damit sich ja kein Kinderblick daran stoßen und
verletzen möge. Wie bei Ikea auch das schreckliche Gefühl, jetzt
mitmachen, das heißt: mitarbeiten zu müssen. 

Das WLAN soll zwar besser funktionieren als früher, aber nur wenn keiner aus der Reihe tanzt. "Bitte vermeiden Sie unnötige Datennutzung wie das Streamen von Videos", damit beeinträchtige man die anderen Fahrgäste. Im Ton eines Jugendherbergsvaters wird ansonsten mit Drosselung der Verbindung gedroht. Woher weiß der Zugchef eigentlich, ob mein Videostreaming nötig oder unnötig ist? Kommt demnächst die Mahnung: Bitte vermeiden Sie unnötige Reisen, um die anderen Erdenbewohner nicht zu beeinträchtigen?

"Was die Wollust des Reisens ausmachte, vom Abschiedwinken durchs
offene Fenster angefangen, die Sorge freundlicher Trinkgeldempfänger,
das Zeremonial des Essens, das unablässige Gefühl der Vergünstigung,
die keinem etwas entzieht, ist verschwunden", beschwerte sich schon
Adorno, nach dem sicher nie ein ICE 4 benannt wird, über die Züge
seiner Zeit. "Wer käme auf den Einfall, im Bewusstsein solcher
Bedingungen mit seiner Geliebten so zu reisen wie einst von Paris nach
Nizza?"

Die Geliebte kann man im ICE 4 tatsächlich nicht mehr mitnehmen,
höchstens noch seinen Yoga-Lehrer oder Bankberater. Und ein
Reisegefühl, das diesen Namen verdient, wird in Zukunft nur noch auf
der Hochgeschwindigkeitsstrecke Frankfurt – Köln zu erleben sein, wo der ältere, aber schnellere ICE 3 weiterhin so rasant verkehrt, dass man Schluckauf bekommt. Und wer es sich leisten kann, weicht zwischen Stuttgart und Karlsruhe auf die vollplüschige erste Klasse des TGV aus
und bestellt sich Mini Saucissons Secs an den Platz.

Im ICE 4 gibt’s nur Bifi.