Im Himmel über New York – Seite 1

Sie sind nicht zum Spazieren hier, das sieht man sofort. Etwa zwanzig Menschen haben sich an einem Samstagmorgen vor dem Bootshaus im Central Park versammelt. Vor ihren Bäuchen ragen lange Teleobjektive in die Frühlingsluft. Ihre Füße stecken in Wanderschuhe.

Robert de Candido, genannt Bob, führt die Gruppe an, er trägt ausgewaschene Jeans, weiße Sportschuhe und ein Fernglas Marke Zen-Ray. Seine Haut ist tiefgebräunt, wie bei einem Menschen, der die meiste Zeit des Jahres draußen verbringt. Bob spricht schnell und mit rollendem R. Die Toiletten sind da drüben, Sandwiches gibt es am Ausgang. Gleich geht es los. "Dann seid ihr meine Augen und Ohren."

Die Aufregung ist der Gruppe anzumerken. Es wird getuschelt: "Gestern war ja angeblich ...", "Eine Bekannte von mir hat letzte Woche ...", "Vielleicht sehen wir ja heute ...". Viele haben sich via Twitter und Newsletter vorab über aktuelle Sichtungen informiert. Die Konditionen sind gut, Südwestwind, kein Regen, ein klarer Aprilmorgen im Central Park.

Ein Wanderfalke im Anflug auf den Central Park © Deborah Allen

Im größten Park von New York City ist es eng, wie immer. Eine Ente kämpft sich durch ein Meer aus Füßen über eine mehrspurige Straße. Jogger in Signalfarben rennen in zwei abgegrenzten Bahnen um den Teich, behäbige Spaziergänger teilen sich den Weg mit Eltern, die ihre Kinderwägen vor sich herschieben und Dog Walkern, die einen aufgeregten Strauß fremder Hunde ausführen.

Bob ist seit frühmorgens auf den Beinen, wie so oft im Frühjahr und im Herbst, wenn sich die Wanderung beobachten lässt. An einem guten Tag kann man bis zu zwanzig Waldsängerarten sehen, eine kleine Singvogelart mit besonders schönem Federkleid. Nie sind die Vögel so schön wie jetzt. Zur Hochphase des Frühjahrszuges tragen die Männchen rot, grün, blau oder gelb. Und täglich können neue Arten ankommen, zehn Millionen Tiere ziehen jetzt von Südamerika aus über den Kontinent. Sie kommen aus Costa Rica, Mexico oder Argentinien und fliegen zu ihren Brutstätten jenseits der kanadischen Grenze. Der Weg ist weit, und nicht ohne Pausen zu schaffen. Der sogenannte Central-Park-Effekt zieht die Vögel an: Von oben sieht die drei Hektar große Grünfläche aus wie ein Wald.

Stilles Einverständnis

Bevor sich die Gruppe in Bewegung setzt, werden noch mal Speicherkarten gewechselt und Akkus geprüft. Ab jetzt herrscht stilles Einverständnis.

Kurz vor 10 an einem Bachlauf. Es raschelt, es zwitschert, irgendwo in einer Wand aus grünen Blättern. Unter den schnellen Suchbewegungen verwischt das Bild vor dem Objektiv zu einem grünen Schleier. Dann, irgendwann, bunte Federn. "Oh, Wow!" ruft ein Birder in die Wipfel. "Wo, wo, wo?" Koordinaten werden geschrien: "Linke Krone mittig!" "Vierter Ast von unten!"

Während ein handflächengroßes Etwas von Ast zu Ast hüpft, spielt Birding Bob vom iPhone lockende Vogellaute ab. Die Gruppe macht "Ohhh" und "Ahh" und drückt gleichzeitig auf den Auslöser. Vogelgezwitscher vom iPhone mischt sich mit maschinengewehrartigem Kameraklicken. Ein paar Sekunden dauert es, dann ist der kleine Vogel im Himmel verschwunden. "Ich hab ihn!", ruft ein Teilnehmer und strahlt. Er hat den etwa 12 Zentimeter großen Gelbbrust-Waldsänger auf seiner Speicherkarte gefangen.

Mit seinem zwitschernden iPhone versucht Bob (2.v.r.) bestimmte Vögel anzulocken © Deborah Allen

Bob ist acht Jahre alt, als er im kleinen Garten seines Elternhauses anfängt, Vögel zu beobachten. Ein halbes Jahrhundert hat er schon mit Birding verbracht. Seit mittlerweile 20 Jahren führt der 58-Jährige Gruppen durch den Park, in der Hauptsaison zweimal am Tag. Heute stammen die Teilnehmer aus Schottland und Schweden, aus Arizona und Utah. Einige sind extra für den Frühlingszug angereist. Die meisten sind im Rentenalter. Paddy, die älteste Teilnehmerin, ist 84, der jüngste, Jeff, ist 24. Drei Generationen sind an diesem Morgen auf Vogeljagd.

Insgesamt strömen jedes Jahr 40 Millionen Besucher in den Central Park. Nur wenige von ihnen kommen so oft wie Bob, er gehört zum Park. So wie der Obdachlose, der die Mülleimer neben den Parkbänken nach Essbarem durchsucht, oder die alte Russin im Rollstuhl, die jede Nacht die Enten füttert. Der Autor Jonathan Franzen spaziert hier täglich entlang, bevor er sich an seinen Schreibtisch setzt, auch er ist ein Birder.

Die Familie findet sein Hobby seltsam

Die Rotrücken-Zimtelfe ist die am nördlichsten verbreitete Kolibriart © Deborah Allen

Was sie an ihrem Hobby fasziniert, können viele Birder nicht kurz und knapp erklären. Birden ist vieles: Detektivarbeit und Teamwork, Jagd und Sammelleidenschaft. "Birding ist wie Jagen ohne Waffen", sagt Jeff Ward. Der 24-Jährige stammt aus einer schwarzen Großfamilie in der Bronx und ist regelmäßig mit Bob unterwegs. Jeffs Familie findet sein Hobby seltsam. "Du siehst einen Vogel. Und dann?", fragen sie. Jeff lacht und zuckt mit den Schultern: "Das ist schon alles, was ich brauche, um glücklich zu sein." Als er erzählt, wirkt der große, schlanke Mann scheu, seine Stimme ist sanft, sein Blick weicht oft zur Seite aus.

Vor drei Jahren arbeitete Jeff im Schichtdienst. Nachts entlud er Laster, früh morgens ging er durch den Park nach Hause. Es ist die Zeit, in der der Soundtrack New Yorks kurz verstummt, die Sirenen und das Rauschen der Straßen. Damals bemerkte Jeff zum ersten Mal das Zwitschern und das Flügelflattern um ihn herum: "Als würde man eine unsichtbare Welt mitten in der Stadt entdecken". Zu Weihnachten 2013 bekam er das Fernglas, das er sich gewünscht hatte. Seitdem verbringt er täglich bis zu vier Stunden im Park, seine Freundin nennt ihn Nerd. Jeff entgegnet: "Jedes Hobby ist doch irgendwie schräg".

Ein Mittel gegen die Einsamkeit

12 Uhr mittags. Den Sibley, ein ornithologisches Standardwerk, in der einen, das Fernglas in der anderen Hand pirscht Bob durchs Unterholz, die anderen folgen ihm. Der Sibley listet mehr als 7.000 Vogelarten mit ihren je eigenen Details. Manchmal geht es bei der Unterscheidung nur um eine Zeichnung auf der Brust oder die Form des Schweifs. Die Teilnehmer vergleichen ihre Fotos mit den Bildern im Buch. Boni de Oliveira hatte Glück, er hat ein Indigofink fotografiert, passerina cyanea, nordamerikanischer Singvogel, Samenfresser, 15 cm lang. Auf dem Display seiner Kamera leuchtet das namensgebende Mittelmeerblau. "Beautiful", rufen die anderen.

De Oliveira kommt aus Brasilien, seit einem halben Jahr studiert er hier an der Columbia Universität. Eigentlich müsste er für eine Prüfung lernen, aber es zog ihn in den Park. "Birding ist ein Mittel gegen die Einsamkeit und die Anonymität der Großstadt", sagt er. Treffen sich irgendwo auf der Welt zwei Menschen mit Ferngläsern, kommen sie schnell ins Gespräch. Sie sind Verbündete, Nerds, Jagdgenossen.

In jedem Baum könnte ein neuer Vogel sitzen, ein neuer Name für die Life List, die jeder ernstzunehmende Birder führt. Sie ist der Beleg der Leidenschaft. Ein ganzes Leben mit Vögeln wird darauf in Kürzeln dokumentiert, wann und wo, welches Tier. Alcedo atthis / Common Kingfisher vii-11-80-SPA hieße zum Beispiel: Am 11. Juli 1980 hat dieser Birder einen Eisvogel in Spanien gesehen. Ein ambitionierter Sammler schafft an die 600, ein fanatischer auch mehrere Tausend. Auf der Liste ist Platz für 10.000 Arten.

Am Ende der Tour durch den Central Park werden einige Teilnehmer neue Namen dazuschreiben können: Etwa 280 Arten gibt es hier. Sieht ein Birder einen seltenen Vogel zum ersten Mal, ist das ein magischer Moment für ihn, als würde Madonna vor ihm über die Straße laufen.

Am liebsten wäre Jeff Ornithologe

"Wer sitzt da oben rechts?", fragt Bob und zeigt auf einen Kirschbaum. Köpfe drehen sich, Objektive werden in Stellung gebracht. "Ich sehe ihn, er ist gelb?" ruft eine Teilnehmerin. "Eher Goldfink-gelb?", wirft eine andere ein. Mit den Fingern zwischen den Seiten des Sibley diskutieren sie, um welches Exemplar es sich handeln könnte. "Orangefleck-Waldsänger!", ruft Jeff und beendet die Argumentation. "Korrekt", sagt Bob, "Du bist gut".

Bob erlässt Jeff die zehn Dollar, die seine Führung eigentlich kostet, weil er Jeff für einen schlauen Jungen hält. Bob stammt selbst aus der Bronx, er weiß, dass junge, schwarze Männer in diesem Stadtteil schneller abrutschen als anderswo in New York; Diebstahl, Drogen, Gewalt: Alltag. Momentan arbeitet Jeff in einem veganen Café, am liebsten wäre er eines Tages Ornithologe.

Nach gut drei Stunden ist die Tour vorbei. Kameras und Sibleys verschwinden in Rucksäcken, ein paar Hände heben sich zum Gruß. Dann kehren die Birder zurück in die Stadt, sie rufen ein Taxi oder steigen in den Subway-Schacht hinab. Bob setzt sich noch einen Moment auf die Parkbank um zu verschnaufen. Der immerwährende Strom aus Spaziergängern und Joggern zieht an ihm vorbei, Augen geradeaus. So viele Menschen, mag Bob denken, die keine Ahnung haben von der Parallelwelt über ihren Köpfen.