Die Rotrücken-Zimtelfe ist die am nördlichsten verbreitete Kolibriart © Deborah Allen

Was sie an ihrem Hobby fasziniert, können viele Birder nicht kurz und knapp erklären. Birden ist vieles: Detektivarbeit und Teamwork, Jagd und Sammelleidenschaft. "Birding ist wie Jagen ohne Waffen", sagt Jeff Ward. Der 24-Jährige stammt aus einer schwarzen Großfamilie in der Bronx und ist regelmäßig mit Bob unterwegs. Jeffs Familie findet sein Hobby seltsam. "Du siehst einen Vogel. Und dann?", fragen sie. Jeff lacht und zuckt mit den Schultern: "Das ist schon alles, was ich brauche, um glücklich zu sein." Als er erzählt, wirkt der große, schlanke Mann scheu, seine Stimme ist sanft, sein Blick weicht oft zur Seite aus.

Vor drei Jahren arbeitete Jeff im Schichtdienst. Nachts entlud er Laster, früh morgens ging er durch den Park nach Hause. Es ist die Zeit, in der der Soundtrack New Yorks kurz verstummt, die Sirenen und das Rauschen der Straßen. Damals bemerkte Jeff zum ersten Mal das Zwitschern und das Flügelflattern um ihn herum: "Als würde man eine unsichtbare Welt mitten in der Stadt entdecken". Zu Weihnachten 2013 bekam er das Fernglas, das er sich gewünscht hatte. Seitdem verbringt er täglich bis zu vier Stunden im Park, seine Freundin nennt ihn Nerd. Jeff entgegnet: "Jedes Hobby ist doch irgendwie schräg".

Ein Mittel gegen die Einsamkeit

12 Uhr mittags. Den Sibley, ein ornithologisches Standardwerk, in der einen, das Fernglas in der anderen Hand pirscht Bob durchs Unterholz, die anderen folgen ihm. Der Sibley listet mehr als 7.000 Vogelarten mit ihren je eigenen Details. Manchmal geht es bei der Unterscheidung nur um eine Zeichnung auf der Brust oder die Form des Schweifs. Die Teilnehmer vergleichen ihre Fotos mit den Bildern im Buch. Boni de Oliveira hatte Glück, er hat ein Indigofink fotografiert, passerina cyanea, nordamerikanischer Singvogel, Samenfresser, 15 cm lang. Auf dem Display seiner Kamera leuchtet das namensgebende Mittelmeerblau. "Beautiful", rufen die anderen.

De Oliveira kommt aus Brasilien, seit einem halben Jahr studiert er hier an der Columbia Universität. Eigentlich müsste er für eine Prüfung lernen, aber es zog ihn in den Park. "Birding ist ein Mittel gegen die Einsamkeit und die Anonymität der Großstadt", sagt er. Treffen sich irgendwo auf der Welt zwei Menschen mit Ferngläsern, kommen sie schnell ins Gespräch. Sie sind Verbündete, Nerds, Jagdgenossen.

In jedem Baum könnte ein neuer Vogel sitzen, ein neuer Name für die Life List, die jeder ernstzunehmende Birder führt. Sie ist der Beleg der Leidenschaft. Ein ganzes Leben mit Vögeln wird darauf in Kürzeln dokumentiert, wann und wo, welches Tier. Alcedo atthis / Common Kingfisher vii-11-80-SPA hieße zum Beispiel: Am 11. Juli 1980 hat dieser Birder einen Eisvogel in Spanien gesehen. Ein ambitionierter Sammler schafft an die 600, ein fanatischer auch mehrere Tausend. Auf der Liste ist Platz für 10.000 Arten.

Am Ende der Tour durch den Central Park werden einige Teilnehmer neue Namen dazuschreiben können: Etwa 280 Arten gibt es hier. Sieht ein Birder einen seltenen Vogel zum ersten Mal, ist das ein magischer Moment für ihn, als würde Madonna vor ihm über die Straße laufen.

Am liebsten wäre Jeff Ornithologe

"Wer sitzt da oben rechts?", fragt Bob und zeigt auf einen Kirschbaum. Köpfe drehen sich, Objektive werden in Stellung gebracht. "Ich sehe ihn, er ist gelb?" ruft eine Teilnehmerin. "Eher Goldfink-gelb?", wirft eine andere ein. Mit den Fingern zwischen den Seiten des Sibley diskutieren sie, um welches Exemplar es sich handeln könnte. "Orangefleck-Waldsänger!", ruft Jeff und beendet die Argumentation. "Korrekt", sagt Bob, "Du bist gut".

Bob erlässt Jeff die zehn Dollar, die seine Führung eigentlich kostet, weil er Jeff für einen schlauen Jungen hält. Bob stammt selbst aus der Bronx, er weiß, dass junge, schwarze Männer in diesem Stadtteil schneller abrutschen als anderswo in New York; Diebstahl, Drogen, Gewalt: Alltag. Momentan arbeitet Jeff in einem veganen Café, am liebsten wäre er eines Tages Ornithologe.

Nach gut drei Stunden ist die Tour vorbei. Kameras und Sibleys verschwinden in Rucksäcken, ein paar Hände heben sich zum Gruß. Dann kehren die Birder zurück in die Stadt, sie rufen ein Taxi oder steigen in den Subway-Schacht hinab. Bob setzt sich noch einen Moment auf die Parkbank um zu verschnaufen. Der immerwährende Strom aus Spaziergängern und Joggern zieht an ihm vorbei, Augen geradeaus. So viele Menschen, mag Bob denken, die keine Ahnung haben von der Parallelwelt über ihren Köpfen.