Wenn Matthew Moroney morgens aus seinem Wohnmobil tritt, steht er vor einem Chevrolet-Pick-up, der seit 70 Jahren nicht bewegt wurde. Gleich daneben wehen die Gardinen in den Fenstern eines windschiefen Holzhauses, das seine Bewohner vor einer Ewigkeit verlassen haben. Matthew lebt in der Vergangenheit, in der Geisterstadt Goldpoint im Nirgendwo der Wüste von Nevada. Früher gab es hier viele Goldgräber, heute ist er der Einzige.

Matt beim Goldwaschen © stoppress/Nicole Schulze-Aissen

"Hi Leute, schön, euch zu sehen", sagt Matt und nimmt trotz des hellen Wüstenlichts höflich die Sonnenbrille ab. Dass er Besuch bekommen würde, hat er schon geahnt. Gestern Abend ist ihm das Wohnmobil auf dem Hügel gegenüber aufgefallen. "Hier kommen nicht viele Leute vorbei", sagt Matt lachend und weist mit dem Kopf in Richtung seiner Goldwaschanlage: "Und das ist auch gut so."

Goldpoint liegt rund 300 Kilometer von Las Vegas entfernt. Den Höhepunkt seines Silber- und Goldrausches erlebte das Städtchen um die vorige Jahrhundertwende. 225 Holzhäuser, ein Postgebäude, eine Zeitung und 13 Saloons gab es hier. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Minen dann, wie vielerorts in den USA, für überflüssig erklärt und von der US-Regierung geschlossen. Heute stehen noch rund 50 verlassene Holzhäuser zwischen Bergen, Kakteen und Felsbrocken. Manche wirken, als könnte man sofort wieder einziehen, die trockene Wüstenluft hat sie konserviert.

Ein lange verlassenes Haus in Goldpoint © stoppress/Helmut Stapel

Matt ist 35 und kommt aus Florida. Vor fünf Jahren hat er sich hier, fern der Heimat, niedergelassen. Er setzt sich in den Campingstuhl neben dem abgebrannten Lagerfeuer und erklärt, warum er diesen einsamen Ort so liebt. "Ich kann hier tun und lassen was ich will. Vor allem Gold suchen." Als er nach Nevada kam hatte er zunächst einen normalen Job auf einer Baustelle. Irgendwann besuchte er Goldpoint – und blieb einfach da. "Ich habe hier Leute getroffen, die mir erklärt haben, wie Goldsuchen funktioniert." Sie haben ihm gezeigt, wo man graben muss, welches Metall wie aussieht, und wie er es aus dem Gestein bekommt. Den Camper und die Ausrüstung hat er übernommen, als die Anderen genug vom Goldsuchen hatten.

Kurz darauf stieß Matt auf den größten Nugget, den man seit Jahrzehnten in der Gegend gefunden hatte. "Das war ein Zeichen", sagt er. Der Nugget, der Matt zum Bleiben bewegte, war gerade mal 500 Dollar wert. Er hat ihn an Walt verkauft, den Betreiber des Saloons unten an der ehemaligen Hauptstraße.

Ein Dutzend Menschen leben heute in Goldpoint. © stoppress/Nicole Schulze-Aissen

Matt stemmt seinen hageren Körper aus dem Campingstuhl und setzt die Sonnenbrille wieder auf. "Kommt mal mit. Ich zeige euch was." Mit seinen schweren Stiefeln stapft er durch den Staub auf eine mannshohe Metallkonstruktion zu. Ein merkwürdiger Eigenbau mit allerlei Bändern, Ketten, Gittern, Nieten, Keilriemen. Schläuche führen zu einem Wasserbassin im Boden. Matt erklärt die Einzelteile: "In der großen Trommel wird das Gestein mit dem Gold zertrümmert, über die Zentrifuge getrennt, mit Hilfe des Rüttelsiebs separiert. Dann läuft alles über das Fließband und das feine Sieb – und dann komme ich!" 

Seht ihr? Das ist Gold.

Matt verschwindet kurz und kommt mit einer Schale zurück, wie man sie aus dem Western kennt. Darin liegt in einer Wasserlache feiner Sand, der Abrieb von Gesteinsbrocken. Matt wiegt die Schale hin und her, versenkt seinen Blick im Wasser-Sand-Gemisch. Absolute Stille. "Da", ruft Matt plötzlich. Er hält die Schale ins Sonnenlicht. "Seht ihr?" Er greift mit den Fingern hinein, verreibt die Masse und tatsächlich: Seine Fingerkuppen funkeln im Sonnenlicht. "Das ist Gold", flüstert Matt.  

Allerdings ist es sehr wenig Gold. Kann er davon leben? "Oh, das ist kein Problem", sagt Matt, "ich habe mein Auskommen." Er braucht ja nicht viel hier draußen. Sein Hund Rocky auch nicht, der lebt von den Kaninchen, die er zwischen den Kakteen fängt.

Wie viel Geld er mit dem Gold macht, behält Matt für sich. Auch, wo seine eigentliche Mine ist. Hier am Camper wäscht er nur das Material, das er woanders aus der Erde holt. Eines verrät er doch: "Man muss nach uralten Flussläufen Ausschau halten, die längst unter der Erde begraben sind. Außerdem finde ich hier auch andere Edelmetalle wie Titan." Aber auch das muss er mit großem körperlichen Einsatz und viel Geduld aus dem Boden waschen.

Das Wasser geht aus

Ein echtes Problem ist das Wasser, das er dafür braucht, Matts Gesicht wird das erste Mal nachdenklich. Irgendwie, sagt er, hätte ihn hier in der Einöde der Klimawandel eingeholt. Das alte Wasserreservoir tief in der Erde sei erschöpft und fülle sich auch nicht mehr auf. Zusammen mit einem Freund hat er sich auf die Suche nach anderen Wasserquellen gemacht. Nach mehreren Bohrungen wurden sie fündig: "Zum Glück gibt es hier einige unterirdische Wasserläufe oder wassergefüllte Höhlen."

Walt in seinem Saloon © stoppress/Helmut Stapel

Wenn Matt mal etwas anderes als Wasser trinken will, besucht er Walts Saloon an der alten Hauptstraße. Einmal in der Woche treffen sich dort die zwölf Bewohner von Goldpoint. Allesamt Eigenbrötler, die die Abgeschiedenheit ihrer Geisterstadt lieben. Walt selbst ist Vietnamveteran, ein alter Mann mit Cowboyhut, wortkarg, aber herzensgut; und Besitzer von 270 verschiedenen Whiskeysorten. "Die Flaschen schicken mir die Gäste zu", erklärt Walt, "die in meinem Bed & Breakfast übernachten." Walt schenkt sich gleich mal einen ein, und Matt kriegt natürlich auch ein Glas.

Das Leben in der Wildnis sei schon mühsam, sagt Matt, und nippt an seinem Whiskey. Aber er genieße es. Sogar seine Eltern und Freunde würden ihn ab und an besuchen und beim Goldsuchen assistieren. "Ansonsten habe ich ja meinen Rocky", sagt Matt, reicht unter den Tresen und klopft dem Hund ordentlich auf den Rücken. Die aufsteigende Staubwolke löst einen Hustenanfall bei Matt und Walt aus. Gut, dass sie was zum Nachspülen haben.