Beste Lage, keine Miete – Seite 1

Wenn Maja* am Fenster ihrer Wohnung sitzt, kann sie die vielen Menschen sehen, die an den Antiquitätenläden und Cafés unweit des Rijksmuseums vorbeigehen. Die Einheimischen mit schnellen Schritten, die Touristen langsamer. Letztere bestimmen in Amsterdams Zentrum den Takt, auf 850.000 Einwohner kommen derzeit mehr als fünf Millionen Besucher im Jahr, Tendenz steigend. Niedrigverdiener, Familien und die rund 70.000 Studenten können sich die Mieten hier kaum noch leisten. Die Straße, in der Maja wohnt, liegt im Museumsviertel, einem der exklusivsten Stadtteile von Amsterdam. Für ihre rund 30 Quadratmeter zahlt die Soziologiestudentin: nichts. Möglich macht das ein Deal mit dem Besitzer.

Maja verwaltet die Nachbarwohnung für ihn auf Airbnb, dafür erlässt er ihr die Miete. Dem Besitzer gehören mehrere Immobilien in der Stadt, er selbst wohnt nicht im Haus. Die Wohnung, besser gesagt den Nebenjob, übernahm Maja vor gut einem Jahr von einer Freundin. Seitdem liegt ihr Arbeitsplatz am anderen Ende des Flures: Eine zweistöckige Maisonettewohnung mit Dachterrasse, über 100 Quadratmeter in einem herrschaftlichen Altbau mitten im Zentrum. Auf Airbnb kostet sie 250 Euro pro Nacht, maximal vier Personen, Mindestaufenthalt drei Nächte.

Das Apartment ist fast jede Nacht gebucht, erzählt Maja. Das sei zwar stressig, "aber immer noch besser als ein normaler Nebenjob". Um sich die Miete hier leisten zu können, müsste Maja Vollzeit kellnern gehen, eine vergleichbare Bleibe im Viertel würde sie mindestens 1.200 Euro im Monat kosten. Amsterdam steckt in einem Airbnb-Dilemma: Touristen verdrängen Einwohner, die Mietpreise steigen, was wiederum zu mehr Vermietungen an Touristen führt. 

Kannst du mir auch sowas besorgen?

Jeden Monat bekommt Maja von ihrem Vermieter den Dienstplan gemailt: Wer reist wann an, wer ab? Die Gäste wählt ein Mitarbeiter ihres Chefs aus, um alles andere kümmert sich Maja. Sie beantwortet Anfragen, koordiniert Termine, händigt den Schlüssel aus, organisiert den Reinigungsdienst. Schließlich kauft sie frische Blumen und eine teure Flasche Wein zur Begrüßung. Das Handtuch hat Flecken? Die Gäste wollen nett Essen gehen? Maja steht zur Verfügung, 24 Stunden lang: "Mein Handy ist immer an", sagt sie. Wenn sie in den Urlaub fährt, übernehmen Freunde für ein paar Tage.

Maja wundert sich, dass die Gäste nur selten wissen wollen, wie sie sich gleich zwei Wohnungen im Zentrum leisten kann. Sie fragen eher mal nach Zahnpasta oder einem Kamm. Oder wie jüngst zwei ängstliche Amerikaner, ob es wirklich sicher sei, die Koffer bei der Reinigungskraft zu lassen – einem Eritreer. Maja hätte ihnen am liebsten etwas über Rassismus erzählt, ließ es aber bleiben. Sie ist schließlich auch dafür verantwortlich, dass keine schlechten Bewertungen reinkommen. Würde Maja ihre eigene Wohnung vermieten, könnte sie den Gästen auch mal ihre Meinung sagen.

Eine Wohnung mit eigenem Mietvertrag hätte noch einen anderen Vorteil: Rechtssicherheit. Zur Zeit muss sich Maja ganz auf das Wort ihres Vermieters verlassen. Der hat versprochen, drei Monate im Voraus Bescheid zu geben, falls sie ausziehen muss. Um sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, sieht sie zwei Möglichkeiten: Eine Wohnung im günstigeren Norden zu suchen oder Amsterdam ganz zu verlassen. Sie könnte zu ihrer Freundin nach Rotterdam ziehen. Doch es fällt Maja schwer, den Deal aufzugeben, auf den sie ständig angesprochen wird: "Kannst du mir auch so eine Wohnung vermitteln?"

Der Deal ihres Lebens

Eva*, heute Anfang 30, war 2011 nach sechs Monaten Wohnungssuche verzweifelt. Die Studentin hatte genug vom WG-Leben und wollte ein Einzimmerapartment – in Amsterdam fast unmöglich: "Die Apartments kosteten ab 1.000 Euro aufwärts, auch außerhalb des Zentrums", sagt sie. Zufällig erfuhr sie von einem Amsterdamer, der einen Concierge für sein Luxusarpartment im Stadtzentrum suchte, das er via Airbnb anbot. Eva zog in die kleine Wohnung nebenan und blieb dort bis zur Promotion. Fünf Jahre lebte sie mietfrei, mitten in der Stadt, die zu einem der beliebtesten Reiseziele der Welt gehört. Dass ihr kleines Apartment noch nicht mal eine richtige Küche besaß, störte sie nicht. "Es war der beste Deal meines Lebens", sagt Eva.

Alleinstehende Studenten wie Eva und Maja sind ideale Kandidaten für den Job: Sie stellen keine großen Ansprüche und können mit Plattformen wie Airbnb umgehen. Alles läuft online. Während der Vorlesung eine Buchung bestätigen oder eine Nachfrage beantworten: kein Problem.

Wahrscheinlich existiert das Concierge-Prinzip auch in anderen Touristenstädten wie Barcelona, Paris oder Berlin. Nur spricht niemand darüber. Auf Craigslist Berlin beispielsweise finden sich Jobangebote, die sich ganz nach dem anhören, was Maja in Amsterdam macht. Meist verschwinden die Gesuche aber schnell wieder aus dem Netz. In Berlin braucht man nämlich seit 2014 eine amtliche Genehmigung, um ganze Wohnungen auf Airbnb und ähnlichen Plattformen anzubieten. In Amsterdam darf man laut Gesetz nur 60 Tage im Jahr auf Airbnb untervermieten – andernfalls drohen bis zu 20.000 Euro Strafe.

Eine Zumutung für die Nachbarn

Die großzügige Wohnung, die Eva fünf Jahre lang verwaltete, war mit knapp 200 Euro pro Nacht immer noch günstiger, als die meisten Hotelzimmer im Viertel. Wöchentlich verbrachte Eva ein paar Stunden mit der Bearbeitung von Buchungen und Nachfragen. Wichtig war, dass sie schnell reagierte, denn das erwarten die Nutzer. Außerdem musste sie dafür sorgen, dass der Aufenthalt reibungslos verlief, um schlechtes Feedback zu vermeiden: "Ich stand ständig unter Druck. Auf Airbnb hängt alles von den Bewertungen ab."

Anders als Maja wählte Eva ihre Gäste selbst aus. An wen man vermietet und an wen eher nicht: Ein Lernprozess. "Ein Mal war eine Gruppe junger Israelis da, gerade volljährig geworden, sie feierten das ganze Wochenende durch. Für die Nachbarn eine Zumutung." Als die Jungs am nächsten Tag nicht rechtzeitig auscheckten, betrat Eva die Wohnung und fand alle möglichen Drogen auf dem Tisch. Danach schaute sie sich die Gästeanfragen genauer an: "Am liebsten habe ich Paare oder Familien genommen."

Die Innenstadt wäre ein riesiges Hotel

Laut Schätzungen werden in Amsterdam etwa 22.000 Wohnungen über Airbnb vermietet. Einige von ihnen werden professionell verwaltet – von illegalen Firmen, die mehrere Wohnungen oder Häuser anbieten. Immer unter dem Deckmantel der Authentizität: Zu jedem Apartment gibt es einen Vornamen und ein freundliches Gesicht. "Solche Firmen sind das eigentliche Problem.", sagt Jannis*, 31, "Sie zerstören unsere Stadt".

Jannis, ein angehender Ingenieur, ist selbst Airbnb-Concierge. Seinen Job hat er sich selbst geschaffen: Vor vier Jahren sprach er einen Bekannten an, der zwei Apartments im selben Gebäude besaß: "Jeder im Viertel vermietet über Airbnb, nur du nicht. Lass es uns auch probieren!" Seitdem verwaltet Jannis eine 80-Quadratmeter-Wohnung im Zentrum Amsterdams, dunkler Holzboden, Stuck, 300 Euro pro Nacht. Er wohnt mietfrei im darüber liegenden Apartment, für das er normalerweise 2.000 Euro monatlich zahlen müsste. Zusätzlich bekommt er 20 Prozent der Airbnb-Einnahmen.

Dafür kümmert er sich um die Vermietung. Vier Stunden die Woche braucht er dafür, Probleme gibt es selten. Ein mal erwischte er zwei Gäste aus Irland dabei, wie sie heimlich zwei weitere Freunde ins Apartment holten. Sie weigerten sich zunächst die Mehrkosten zu bezahlen und wurden aggressiv. Manchmal habe er auch Ärger mit Gästen, die sich über die Hausregeln hinweg setzen und in der Wohnung kiffen.

Jannis und sein Geschäftspartner würden sich an die 60-Tage-Regel halten, sagt er. "Ohne diese Regel wäre Amsterdams Zentrum ein riesiges Hotel." Er legt Wert darauf, dass alles legal läuft. Trotzdem ist er Teil des Problems: Er vermietet eine Privatwohnung, in der eine Familie leben könnte. Vielleicht auch eine Studenten-WG, in der er sich ein Zimmer leisten könnte.

*Namen geändert