Wir beginnen ganz im Norden, wo der urbane Teppich des Ruhrgebiets schon ins Münsterland ausfranst und von immer mehr grünen Flecken durchbrochen wird. Recklinghausen hat sich seinen Platz auf der kulturellen Landkarte durch die Ruhrfestspiele verdient, das älteste Theaterfestival Europas. Es wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit hohem Anspruch an die Arbeiterbildung gegründet, später brachte hier Christoph Schlingensief Wagner-Musik per Autokorso an die Zuhörer. Doch es gibt auch drei sehenswerte Museen: Direkt am Bahnhof besuchen wir die Kunsthalle Recklinghausen in einem ehemaligen Hochbunker, deren Sammlung deutsche Nachkriegsmoderne und Gegenwartskunst umfasst. Bis August widmet man sich hier in einer gemeinsamen Ausstellungsreihe mit mehreren RuhrKunst-Museen der Künstlergruppe Junger Westen.

Danach geht es in die Innenstadt, nur zehn Fußminuten entfernt, deren gediegenes westfälisches Fachwerk so gar nicht zum gängigen Bild des größten Ballungsraums Europas passt. Auf dem Kirchplatz erwarten uns zwei museale Kleinode. Das Ikonen-Museum verfügt über die bedeutendste Sammlung dieser Art außerhalb der orthodoxen Welt und entführt den Besucher mit Meisterwerken vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in andere Sphären. Vor gut einem Jahr ist gegenüber das Museum Jerke hinzugekommen. Das Privatmuseum widmet sich der modernen und zeitgenössischen polnischen Kunst und wartet mit wichtigen Avantgardisten wie Władysław Strzemiński oder Wojciech Fangor auf, der ein Fenster für das Gebäude gestaltete. Die graublaue Granitfassade ist übrigens eine Hommage des Museumsgründers an den – was sonst im Ruhrpott? – Fußballklub Schalke 04.

Wir stärken uns im Brauhaus Boente, bevor es ins benachbarte Marl weitergeht, eine städtische Neuschöpfung des 20. Jahrhunderts und heute eine Art Freilichtmuseum architektonischer Moderne. Im Zentrum der Betonschönheit, nahe dem Grimme-Institut, besuchen wir das Skulpturenmuseum Glaskasten, das bis 1. Oktober eine Außenstelle der Skulptur Projekte Münster ist.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 132/2017 © Weltkunst Verlag

Von Marl fährt die S-Bahn nach Gladbeck, noch so eine Stadt, die weder mit einem beliebten Bundesliga-Club punkten noch durch hochberühmte Kulturinstitutionen locken kann. Doch gerade hier gibt es im Bereich der Gegenwartskunst eine echte Perle. Die städtische Neue Galerie in einer ehemaligen Bücherei überzeugt seit acht Jahren durch ein eigenwilliges, avanciertes Programm. Ab 8. September sind hier die altmeisterlich-dekonstruktiven Gemälde des Italieners Nicola Samorì zu sehen.

Im Galeriegebäude befindet sich auch das Café-Restaurant Mundart, doch wir eilen weiter nach Bottrop, zum Josef Albers Museum Quadrat. Der von einem Skulpturenpark umgebene Pavillon beherbergt eines der schönsten Museen des Ruhrgebiets, bis 3. September widmet man sich dem Maler Tobias Pils. Am Abend geht’s zurück nach Gladbeck, um im Restaurant des Wasserschlosses Wittringen den Abend zu beschließen.

2. Tag

Der erste Tag endete in einem Schloss, der neue beginnt in einem. Wir starten mit der ­Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, das seine Existenz als Kunstmuseum dem berühmten rheinischen Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig verdankt. Bis September sind hier Porträts und Reportageaufnahmen des Hollywood-Fotografen Sam Shaw zu sehen.

Eiland der Ruhe und Klarheit

Klassiker der Moderne im Essener Museum Folkwang © Axel Baumgärtel

Dann geht es weiter in die Nachbarstadt Duisburg, wo uns nicht nur drei schöne Museen, sondern auch der größte Binnenhafen Europas erwarten. Ein Teil davon, der Innenhafen, wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten umfassend modernisiert und ist heute ein Industriedenkmal und Ausflugsziel. Zu dem Gelände gehören etwa der Garten der Erinnerung, den der israelische Künstler Dani Karavan gestaltet hat, das jüdische Gemeindezentrum mit seiner extravaganten Architektur und das von Herzog & de Meuron entworfene Museum Küppersmühle, das in einem umgebauten Getreidespeicher beheimatet ist.

Die Sammlung deutscher Nachkriegskunst der Küppersmühle ist hochkarätig, das Gleiche gilt für die regelmäßigen Wechselausstellungen. Den Sommer über sind hier die skurrilen Skulpturen von Erwin Wurm zu sehen, eine Kooperation mit dem auf Skulpturen spezialisierten Lehmbruck-Museum, dem zweiten im Bunde der Duisburger Kunstmuseen. Das dritte liegt nahe dem Bahnhof und ist ein Eiland der Ruhe und Klarheit. Die Sammler Dirk Krämer und Klaus Maas präsentieren im Museum DKM ihre erlesene Sammlung vor allem ostasiatischer Antiken, flankiert von ausgewählten Werken der Gegenwartskunst wie etwa den Grafiken Blinky Palermos oder den Plastiken von Ernst Hermanns. Dessen Werk wird derzeit in einer Wechselausstellung vertiefend betrachtet.

Auf dem Weg nach Essen, unserer nächsten Station, machen wir Stopp in Mülheim an der Ruhr, denn die im dortigen Kunstmuseum beheimatete Sammlung Ziegler widmet sich in diesem Jahr Emil Nolde anlässlich seines 150. Geburtstags und zeigt 40 Werke des Malers aus eigenem Bestand.

In Essen angekommen, führt uns der erste Weg zur Zeche Zollverein, jenem überwältigenden Monument der Industriekultur, das wie kein anderes von der verlorenen wirtschaftlichen Kraft des Ruhrgebiets erzählt und zugleich wie ein Leuchtturm in die Zukunft der Region weist – als Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. Wir essen zu Mittag in der Kokerei, werfen einen Blick auf den Neubau der Folkwang-Kunsthochschule, ­schauen uns im Ruhr Museum eine Ausstellung zu Reformation und religiöser Vielfalt an – oder lassen uns einfach treiben durch die industrielle Zau­berwelt des Unesco-Welterbes. Im Sommer kann man hier im Werksschwimmbad sogar baden gehen.

Am Nachmittag steht das Museum Folkwang in der Innenstadt auf dem Programm, das größte und bedeutendste Kunstmuseum der Region. In dem von David ­Chipperfield entworfenen Anbau sind noch bis 3. September unter anderem Plakate aus dem "Summer of Love" in San Francisco 1967 zu sehen, aber auch die Dauerausstellung mit Meisterwerken des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne lohnt den Besuch.

Am frühen Abend fahren wir in den Essener Süden zum Baldeneysee, wo man nach Voranmeldung die Villa Hügel besichtigen kann. Das ehemalige Wohn- und Repräsentationshaus der Industriellenfamilie Krupp stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, als diese die Stadt als größter Arbeit­geber beherrschte, heute ist der malerische Ruhr-Stausee vor allem bei Biergartenbesuchern und Hobbyseglern beliebt. 

3. Tag

Den heutigen Tag verbringen wir vor allem in Bochum. Direkt am Bahnhof empfängt uns Richard Serras mächtiges Metallmonument "Terminal". Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone führt uns zum Kunstmuseum Bochum, das nach längerer Sanierung ab Juni wieder komplett zugänglich ist und zur Neueröffnung den Maler Rupprecht Geiger zeigt. Wer lieber einen Panoramablick genießen möchte, fährt auf den Förderturm des nahen Bergbaumuseums.

Wurst Willi auf dem ­Petrikirchhof

Hinter der brutalistischen Fassade der Ruhr-Universität verbergen sich eine Antikensammlung und Meisterwerke der zeitgenössischen Kunst © Frank Vinken

Danach geht es in den Süden der Stadt, in den idyllischen Schlosspark Weitmar, wo neben den Ruinen des mittelalterlichen Adelshauses Weitmar das 2015 eröffnete Museum unter Tage zu finden ist. In den unterirdischen Räumen werden Landschaftsdarstellungen vom 15. Jahrhundert bis heute gezeigt. Auch die Galerie M hat ihre lichten Räume im Schlosspark und bietet seit fast 50 Jahren zeitgenössische Kunst.

Das Museum unter Tage gehört zu den Kunstsammlungen der Ruhr-Universität, zu deren Campus uns der Weg nun führt. In der modernistischen Betonlandschaft, entstanden in der Aufbruchsstimmung der 1960er-Jahre, verbirgt sich unterhalb der Bibliothek eine hochkarätige Kunstsammlung, die römische und etruskische Antike mit der Nachkriegsmoderne zusammenbringt.

Am Nachmittag machen wir einen Abstecher nach Dortmund, wo wir zur Stärkung als Erstes Wurst Willi auf dem ­Petrikirchhof ansteuern, um die fürs Ruhrgebiet obligatorische ­Currywurst zu kosten. Innerhalb des Altstadtrings liegt auch die Galerie Utermann, die im Bereich der Moderne internationalen Rang genießt. Von hier ist es nicht weit zum Museum für Kunst- und Kulturgeschichte, das in einer prachtvollen ehemaligen Sparkasse von 1924 Kunst und Kunsthandwerk von der Frühgeschichte bis heute präsentiert. Nahe dem Bahnhof wartet das Museum Ostwall im Dortmunder U vor allem mit Medienkunst und Fluxus auf, doch die neueste Attraktion ist das nahe gelegene Deutsche Fußballmuseum, das sich ganz des Ruhrgebietlers größter Leidenschaft widmet.

Den Abend verbringen wir wieder in Bochum, der neue Kammermusiksaal in der umgewidmeten St.-Marien-Kirche ist ein architektonisches Meisterstück und Ort für ausgezeichnete Konzerte. Danach tauchen wir ab im Bermudadreieck, Bochums legendärer Ausgehmeile, um in einer Atmosphäre zwischen Ballermann und schlichter Quicklebendigkeit für einen Moment allen Ernst der Hochkultur zu vergessen. 

Viele weitere Kunstspaziergänge aus der Serie "Drei Tage in..." finden Sie auf Weltkunst.de