Ein Alkoholgeschäft am Hafen von Tallinn © Ole Pflüger/Zeit Online

Die Esten könnten sich eigentlich glücklich schätzen mit ihren trinkfreudigen Nachbarn, nur leider fordert der Alkohol seinen Tribut auch von ihnen: In keinem anderen OECD-Land wird so viel gesoffen, zehn Prozent der Männer sind alkoholabhängig, und die Regierung verfolgt den finnischen Ansatz, um das Problem in den Griff zu kriegen: Steuern, Verbote und Kontrollen. Die Abgaben auf harten Alkohol sollen bis 2020 jährlich um zehn Prozent steigen.

Die Branche fürchtet um ihren Standortvorteil, der Einzelhandel um den bewährten Lockstoff und Janek Kalvis Stimme bebt: "Jedes Mal, wenn ein estnischer Ministerpräsident Finnland besucht, verschärft er danach die Alkoholgesetze. Die Politiker tun so, als seien wir kleine Teufel, die die Leute umbringen. In Wirklichkeit verhalten wir uns sehr verantwortungsvoll."

Einerseits stimmt das. Liviko unterstützt Kampagnen für maßvolles Trinken. Der Verband estnischer Alkoholproduzenten rät seinen Kunden: "Kui võtad, võta vett vahele!" – zu jedem Glas Alkohol ein Glas Wasser!

Schnaps am Limit

Andererseits will man Geld verdienen: Livikos beliebtester Wodka hat in der Standardausführung einen Alkoholgehalt von 40 Prozent – oder 60 in der härteren Variante. Weil Finnen aber nur zehn Liter Spirituosen mit nach Hause nehmen dürfen, gingen dieSchnapsbrenner ans Limit. Für den finnischen Markt schufen sie das ultimative Gesöff: einen 80-prozentigen Wodka, der den Gaumen glattschleift und im Magen explodiert. Väkevin tauften sie ihr Geschöpf: der Stärkste. Liviko verkauft ihn in Zehnerpacks mit Tragegriff. "Das ist ein Bestseller, aber nur unter den Finnen", sagt Kalvi. Pur ist das Zeug zwar ungenießbar, aber ein homo alconomicus nimmt so was sportlich. Mit Leitungswasser oder Orangensaft wird Livikos Wodkakonzentrat in finnischen Küchen zu Vierzigprozentigem verdünnt. Kui võtad, võta vett vahele.

Zurück auf der Fähre: An Bord zapfen Barkeeper die ersten Biere, mixen die ersten Cocktails. Ein paar Studenten verstauen Bierpaletten in ihren Schließfächern. Keiner merkt, dass die Dosen lecken. Im Club X pusten drei Frauen einander Luftschlangen ins Gesicht und in die Erdbeercocktails.

Am Nebentisch trinken Satu und Jenny ihren dritten Weißwein. Satu deutet stolz auf ihre Brüste und sagt: "Die sind das Beste, was ich mir je gekauft habe." Und ein echtes Schnäppchen dazu. Nicht nur Alkohol ist billig in Estland, auch viele Dienstleistungen. Finnen gehen in Tallinn zum halben Preis zum Schönheitschirurgen, zum Zahnarzt, zum Friseur oder ins Bordell.

Kein Platz mehr zum Tanzen

Jenny zieht ihre Freundin auf die Tanzfläche, wo sie zusammen mit den anderen einen Schlager aus den Achtzigern schmettern: "Ich geh nach Nordkarelien und saufe durch bis morgen früh!", singen sie. Und: "Am Ende des Regenbogens steht eine Würstchenbude." Ein paar Leute halten sich schon an den Säulen im Saal fest. Trommelwirbel, Soundkaskaden aus dem Synthesizer, und die Lichtorgel feuert in die Menge.Bald sind alle heiser und die Tanzfläche so voll, dass kein Platz mehr zum Tanzen bleibt. Es ist 19.30 Uhr.

Eine Stunde später ist die Party aus. Ein letzter Song noch, ein letzter Cuba Libre, ein letztes Glas zerspringt, einmal noch ins Klo kotzen. Eine Familie stützt die torkelnde Mutter. Wer noch fahren kann, steigt hinab aufs Autodeck, wer nie fahren wollte, lässt sich von seinem vollbeladenen olutkärry die Gangway hinunterziehen.

In Helsinki fällt feuchter Schnee vom Himmel und die Autoreifen verarbeiten ihn zu einer braunen Pampe. Die Busse vorm Terminal sind schon voll, die Türen schließen. Dreißig betrunkene Finnen bleiben im Schneeregen zurück und warten auf die Tram. Dabei sehen sie so aus, als sehnten sie sich nach der Würstchenbude am Ende des Regenbogens.